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Predigtreihe 2017     Martin Luther

                                   auf´s Maul geschaut

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I    Predigt am Sonntag, den 9. Juli 2017 (Pfrin. Bärbel Wassmer)

 "Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes,

  die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht."           

  Martin Luther und die Musik

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
haben Sie gewusst, dass das einfache Singen von Liedern eines der wirksamsten Mittel der Reformation war? Durch das Singen bestimmter Lieder haben sich die Freiheitsideen Martin Luthers wie ein Lauffeuer weiterverbreitet. Die Protestanten haben ihren Protest gesungen - und das muss ein bisschen so gewesen sein, wie die friedliche Revolution 1989 in der DDR. Auch dort sind in den Kirchen und auf der Straße bei den Montagsdemos Lieder gesungen worden, zum Beispiel das Kirchenlied: "Komm Herr segne uns, dass wir uns nicht trennen."

Weil die Reformation eine Singbewegung war,  wurde am letzten Wochenende in Heidelberg ein großes Chorfest gefeiert. Aus ganz Baden waren zu diesem Reformationsfest Chöre angereist und insgesamt haben fast 5000 Menschen in der Heidelberger Innenstadt und den Innenstadtkirchen ein ganzes Wochenende lang aktiv Musik gemacht.

Ich kann Ihnen sagen, die Passanten und Touristen am Einkaufssamstag in der Heidelberger Fugängerzone haben nicht schlecht gestaunt, als sie am Universitätsplatz die Klänge von Händels Oratorium Messias hörten. Und wenn sie dann näher kamen, dann sahen sie nicht nur die  Bühne, einen riesigen Chor auf der Bühne,  Orchester und Dirigent, sondern stellten überrascht fest, dass der Dirigent zum Publikum hin dirigierte. Denn da standen Hunderte Chorsängerinnen und Chorsänger im leichten Nieselregen, Regencape, ihre Chornoten in der Hand und sangen begeistert mit, vierstimmig natürlich. Musik auf der Straße mitten in der Stadt, das war so gewollt am letzten Samstag.

Doch wie war das vor 500 Jahren? Wie war das mit der Musik und der Reformation? Wie stand Martin Luther zur Musik?

Wenn wir ihm in dieser Predigtreihe "aufs Maul schauen" dann fällt vor allem auf, dass Martin Luther sich durchweg begeistert und dankbar zur Musik geäuert hat.

Er sagte: "Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht."

Und er sagte auch: "Es fliet mir das Herz über vor Dankbarkeit gegen die Musik, die mich so oft erquickt und aus großen Nöten errettet hat."

Ganz klar lässt sich aus diesen beiden Lutherworten schon entnehmen, wie hoch Martin Luther die Musik einschätzte. Musik - ein Geschenk Gottes und ein Heilmittel gegen den Teufel und andere Nöte. Man kann auch schon ahnen, dass Martin Luther nicht nur irgendwie theoretisch mit Musik zu tun hatte, nein, er war ein geübter Musiker und er hat selbst die Erfahrung gemacht, von der er auch redete: Musik macht fröhlich und heilt so manches Seelenleid. Auch in Luthers Leben gab es so manchen dunklen Moment, in dem er die Aufmunterung durchs Musikmachen bitter nötig hatte.

Schon als Schüler in Eisenach hat er sich beim Singen mit anderen etwas Taschengeld dazuverdient. Er war auch in einem Hausmusikkreis dabei und lernte später Laute und Querflöte zu spielen. Als er dann in Erfurt studierte, gehörte das  Musikstudium zu seinem Grundstudium dazu. Auch Kompositionstechnik hat er gelernt.

Luther trat als Mönch ins Augustinerkloster in Erfurt ein. Und für so einen strebsamen Augustinermönch wie er es war, gehörten die regelmäßigen Klosterandachten, in denen viel gesungen wurde, zum Klosteralltag. Denn nach Augustin lautete das Motto: "Wer singt, betet doppelt".

Luther verlie das Klosterleben, weil er merkte, dass Gott keine religiösen Leistungen fordert, sondern Glauben und Gnade schenkt. Doch Martin Luther hat nie aufgehört zu singen und Musik zu machen. Im Gegenteil, als er dann Theologieprofessor und Pfarrer in Wittenberg war, ging es ihm als allererstes darum, das Evangelium allen Leuten zugänglich zu machen. Mit Worten und mit Melodien.  Deshalb hatte er schon auf der Wartburg begonnen, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen, damit auch nicht studierte Menschen die Bibel selbst auf Deutsch lesen und hören konnten.

Doch es gab eine Menge Leute, die gar nicht lesen konnten. Und die Katholischen Gottesdienste in Luthers Zeit waren komplett in lateinischer Sprache und gesungen wurde sowieso nur von den Geistlichen. Der Gottesdienst zog also ohne Beteiligung der Gottesdienstbesucher an ihnen vorbei, oft so, dass sie kein Wort verstehen konnten.

Für Martin Luther war das ein unhaltbarer Zustand - und je länger ich mich mit der Reformationszeit beschäftigt habe, desto mehr habe ich verstanden, dass die Möglichkeit für alle Menschen sich selbst zu beteiligen, selbst zu verstehen, selbst zu singen, selbst zu denken, einer der entscheidenden Punkte war, an denen die Reformation bis heute nachwirkt.

Martin Luther hat an diesem Punkt entscheidendes bewirkt. Er wollte dringend, dass auch die einfachen Leute, Männer wie Frauen, Handwerker und Arme selbst verstehen, selbst teilnehmen, selbst denken und selbst singen können. Selbst dann, wenn sie nicht lesen und schreiben konnten.

Die Musik war dafür wunderbar geeignet. Singen können alle, selbst dann, wenn sie nicht lesen können. Und als die Lieder endlich deutsche Texte bekamen, lieen sie sich ganz leicht auswendig lernen.

Musik war deshalb für Martin Luther ein geniales Mittel, um das Evangelium in allen Schichten der Bevölkerung weiterzuverbreiten. Man vermutet, dass viele Leute durch das Mitsingen der deutschen Lieder zum ersten Mal die Botschaft des Evangeliums verstanden. Auch Kinder konnten so die biblischen Geschichten leichter lernen. Martin Luther bezeichnete die deutschen Lieder als "die Bibel der Ungebildeten".

Weil es noch viel zu wenige deutsche Lieder gab, hat Martin Luther selbst Lieder geschrieben. Er hat dabei versucht, die Liedtexte so einfach wie möglich zu halten und dabei am besten gleich eine ganze biblische Geschichte zu erzählen.

Die Melodien hat er sich auf der Querflöte zusammengesucht oder auf schon bekannte Melodien zurückgegriffen. Etwa 45 Lieder hat er selbst geschrieben und etliche davon werden auch heute noch gesungen, 33 Lutherlieder sind heute noch im Evangelischen Gesangbuch.

Wenn Sie zum Beispiel an das Weihnachtslied: "Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär" denken, dann ist das ein ganz typisches Lutherlied. Es erzählt in einfachen Worten die ganze Weihnachtsgeschichte aus der Sicht eines Engels, der vom Himmel kommt.

Manche der Lutherlieder sind zu Markenzeichen der Reformation geworden, so zum Beispiel das Lied: "Ein feste Burg ist unser Gott.", das wir gerade eben gesungen haben. Eigentlich war dieses Lied als  einfache Vertonung eines Psalms für die Fastenzeit gedacht. Doch bald schon wurde es bei allen möglichen Gelegenheiten von den "Protestanten" als Protestsong angestimmt.  Es wurde zum Freiheitslied, zur  "Marseillaise" der Reformation. So soll eine Gemeinde in Schweinfurt im Jahr 1532 mit "Ein feste Burg" während einer Messe einen altgläubigen Priester niedergesungen haben. Jugendliche sollen das Lied später auf den Straßen Schweinfurts geschmettert haben und bald darauf wurde in Schweinfurt die Reformation eingeführt.

Weil das Singen so wirkungsvoll war, wurde es in der Bischofsstadt Hildesheim auf der Straße verboten - erstmals 1524 und noch einmal 1531.

Damals bei Luther in den evangelischen Gemeinden in Wittenberg ist das Mitsingen für alle in den Gottesdiensten bald selbstverständlich geworden. Es entstanden ganze Liedsammlungen und Gesangbücher. Das Singen ist aus evangelischen Gottesdiensten seitdem bis heute nicht wegzudenken. Auch wenn es manchmal ein kärglicher Gesang ist oder wenn die Generationen über die Musikrichtungen streiten. Trotzdem: Es dürfen alle mitsingen, ob gut oder schlecht - und ganz besonders viel Spa macht es natürlich, wenn viele aus vollem Herzen mitsingen, so wie beim Chorfest in Heidelberg - oder auch heute, wenn ein ganzer Chor den Gemeindegesang bereichert.

Wie ist das also mit  Martin Luther und der Musik?

Wir haben ihm auch musikalisch viel zu verdanken. Eine Menge deutsche Kirchenlieder, die auch heute noch gesungen werden. Vor allem aber: Die Freude an der Musik und den großen Einsatz dafür, dass alle mitsingen können: Kleine und Große, Frauen und Männer, Einfache und Gebildete, Theologen und Nichttheologen, einfach alle. Und vielleicht noch wichtiger: Dass jeder einzelne Mensch, egal welcher Gesellschaftsschicht er oder sie angehört, selbst nachdenken, selbst glauben, sich selbst beteiligen kann, weil die gute Botschaft, dass Gott uns frei macht, für alle gilt.

Lassen wir ganz zum Schluss noch einmal Martin Luther selbst zu Wort kommen. In einem Brief an Ludwig Senfl schreibt er:

"Und ich urteile rundheraus und scheue mich nicht zu behaupten, da es nach der Theologie keine Kunst gibt, die der Musik gleichgestellt werden könnte. Sie allein bringt nach der Theologie das zuwege, nämlich ein ruhiges und fröhliches Herz. Dafür ist ein klarer Beweis, da der Teufel, der Urheber trauriger Sorgen und beängstigender Unruhen, beim Klang der Musik fast genauso wie beim Wort der Theologie flieht. Daher kam es, da die Propheten sich keiner Kunst so bedient haben wie der Musik. Sie haben eben ihre Theologie nicht in die Geometrie, nicht in die Arithmetik, nicht in die Astronomie gefat, sondern in die Musik, so da sie die Theologie und die Musik eng miteinander verbanden und die Wahrheit in Psalmen und Liedern verkündigten. meine Liebe zur Musik, die mich öfters erquickt und von großer Seelenpein befreit hat, ist über die Maßen groß und sprudelt so heraus."

(Brief an Ludwig Senfl 1530, vgl. Luther Deutsch Bd. 10, Göttingen 1983, 219)

Und so halten wir uns bis heute daran, wie Luther sagte:

"Die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, die den Teufel vertreibt und die Leute fröhlich macht."   Amen