Bonhoefferzentrum
Galerie
Galerie
Galerie

Predigtreihe 2017     Martin Luther

                                   auf´s Maul geschaut

__________________________________________________________________________________

I    Predigt am Sonntag, den 16. Juli 2017 (Pfr. Paul Wassmer)

 "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders."

  Martin Luther und die Frage des Gewissens

__________________________________________________________________________________ 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wer wir sind, zeigt sich, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Dort entscheidet sich, was uns als Menschen ausmacht. Nicht in dem, was wir sagen. Denn sagen können wir viel. Sondern in dem, was wir tun.
  Lassen wir uns mitreien von der Welle, wenn Druck auf uns ausgeübt wird, schwimmen mit im großen Strom, auch wenn er in die falsche Richtung fliet?
 Oder sind wir diejenigen, die widerstehen? Die "Nein!" sagen und für die Wahrheit kämpfen, selbst dort, wo schon längst kein Kampf mehr angesagt ist, die sich immer mehr in sich einigeln und um ihrer eigenen Wahrheit willen mit allen Menschen landauf landab zerstritten sind?

Wer sind wir? Zwischen Anpassung und Eigensinn?

Es ist gar nicht so einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Auch, weil wir Menschen nie nur auf einer Seite zu finden sind. An manchen Tagen passen wir uns an, an anderen stehen wir eher quer. Kein Mensch ist immer gleich. Zum Glück. Denn dies gibt uns Menschen die Chance, jeden Tag neu herauszufinden, wer wir sind. Wobei wir nur hoffen können, uns für das Richtige zu entscheiden, wenn wir auf einen jener seltenen Momente im Leben treffen, die über den Rest des Lebens entscheiden.

So wie Oberstleutnant Stanislaw Petrow. Er war Anfang der 80.- Jahre diensthabender Leiter der geheimen Satellitenüberwachungsanlage der Sowjetunion, 90 Kilometer südlich von Moskau. Es war eine schwierige Zeit damals. Der Osten, wie der Westen rüstete auf. Der kalte Krieg tobte. Dann kam der 26. September 1983. Oberstleutnant Stanislaw Petrow hatte an diesem Tag um 20.00 Uhr seine Schicht begonnen. Mit ihm saen noch acht weitere Soldaten im Raum. Etwa 80 Offiziere und Soldaten, die ihm unterstanden, waren in anderen Räumen und Gebäuden in der Nähe untergebracht. Jeder tat seine Aufgabe. Jeder Schritt war genau festgelegt. Alles war wie immer. Bis Mitternacht   Oberstleutnant Stanislaw Petrow erzählt:

"Um 0.15 Uhr - ich werde die Uhrzeit nie vergessen - schrillte die Sirene los. Auf einer großen Wand gegenüber von meinem Arbeitsplatz, wo sonst immer nur ein graues Lichtband zu sehen war, leuchteten plötzlich blutrot die Buchstaben "START". Auf dieser Wand war dann auch die Satellitenkarte von Nordamerika zu sehen. Man konnte darauf die Lichter der Städte sehen, wo Fabriken lagen, und eben in der Mitte eine Stelle, die ein Quadrat um eine Militärbasis zeigte, die Meldung für den Start einer Rakete."

(Zitiert nach: https://www.welt.de/kultur/history/article13890998/Der-stille-Held-der-den-dritten-Weltkrieg-verhinderte.html)

Er wusste, was dies zu bedeuten hatte. Es war der Ernstfall. Ein Raketenangriff auf die Sowjetunion. Sekundenlang starrte er auf die Wand. Irgendwann stand er auf und sah sich zu seinen Männern um. Was sollte er tun? Was die Vorschriften verlangten? Den Angriff weiter melden und damit einen Gegenangriff einleiten, der den dritten Weltkrieg auslösen könnte, ja die Vernichtung der ganzen Menschheit? Oder still dasitzen und abwarten, was geschah? Stanislaw Petrow fordert mehr Informationen an. Hektisch analysiert er die Daten. Was er sieht, kommt ihm merkwürdig vor. Wenn die Meldung stimmt, ist nur eine einzige Rakete gestartet. Nicht viele. Kann das sein? Er überlegt. Doch es bleibt ihm nicht viel Zeit, zu entscheiden. Schlielich vertraut er  unter dem hohen Druck auf seine Erfahrung und seinen Instinkt und meldet einen Fehlalarm. Doch im gleichen Moment geht die Sirene erneut los. Wieder leuchtet das Wort "START" blutrot auf. Als er aufsteht, sind seine Knie weich. Während er hektisch nach weiteren Informationen sucht, geht ein dritter, ein vierter und ein fünfter Alarm los. Jeder meldet den Start einer Rakete. Trotzdem bleibt er bei seiner Entscheidung. Was vorher richtig war, muss auch jetzt noch stimmen., sagt er sich. Ängstlich wartet er die Minuten ab, bis sich die gemeldeten Raketen auch auf dem Radarschirm zeigen müssen. Doch sie zeigen sich nicht. Er hatte Recht. Es war ein Fehlalarm. Erst ein halbes Jahr später wird die Ursache entdeckt. Strahlen der Sonne hatten bei einem russischen Beobachtungssatelliten einen Alarm ausgelöst. Doch was wäre geschehen, wenn Stanislaw Petrow in dieser kritischen Situation nicht auf seine innere Stimme gehört hätte?

Die Geschichte von Stanislaw Petrow wurde lange geheimgehalten. Sie war kein Ruhmesblatt, weder für die Sowjetunion, noch für die Menschheit insgesamt, die damals am Rand der nuklearen Vernichtung stand. Doch zeigt sie zugleich, was ein einzelner Mensch bewirken kann, wenn er im entscheidenden Moment auf seine innere Stimme hört und für das einsteht, was er glaubt, selbst wenn um ihn herum scheinbar die Welt untergeht.
        
Einer, der eine ganz ähnliche Erfahrung machte, allerdings 500 Jahre früher, war Martin Luther. Seine Worte: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders!" drücken die gleiche innere Haltung aus:
   Ein tiefes Vertrauen, dass das, was er an inneren Überzeugungen in sich trug, wahrer war, als alles laute Geschrei von auen.
 Und der Mut, dafür auch einzustehen.

Und auch wenn für ihn damals nicht die ganze Welt auf dem Spiel stand, wie bei Stanislaw Petrow, so hing doch sein eigenes Leben davon ab, seine eigene kleine Welt, die er weder verraten - noch verlieren wollte.

        "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders."

Gesprochen hat Martin Luther diese Worte auf dem Reichstag in Worms. Er, der kleine Professor aus der Provinz, wurde dort vor den großen Kaiser zitiert, um zu widerrufen. Vorausgegangen war ein Streit mit dem Mönch Johann Tetzel, der im Auftrag des Papstes Ablassbriefe verkaufte. Es war ein übler Handel. Tetzel spielte damals mit der Angst der Menschen vor der Hölle. Martin Luther schritt mutig dagegen ein, doch schaffte er es nicht, den Ablasshandel zu unterbinden. Statt dessen eskaliert der Streit. Und so wird Martin Luther plötzlich ins Zentrum der Macht gespült. Er muss nach Worms, auf den Reichstag und dort vor den Kaiser treten.

Dort steht er nun - und soll widerrufen. Martin Luther versucht es mit Argumenten. Doch der Kaiser will davon nichts hören. Der Kaiser ist jung, gerade einmal 23 Jahre alt, dazu kann er kein Wort Deutsch. Er hat kein Interesse an diesem Mönch und dem Ärger, der mit ihm verbunden ist. Trotzdem versucht es Martin Luther. Er redet gegen die Wand an, die vor ihm steht. Doch alle seine Versuche bleiben erfolglos. Er soll widerrufen. Mehr interessiert den Kaiser nicht. Basta und aus. Da werden bei Martin Luther die Knie weich. Er bittet um Aufschub. Eine Nacht will er über seine Antwort schlafen.
 Was glauben Sie? Hat Martin Luther in dieser Nacht viel geschlafen? Ich glaube es nicht. Wachgelegen wird er sein, voller Angst und Zweifel. Was soll er nur tun? Die Wahrheit wieder aufgeben, die er so mühsam gefunden hat, ja, an die er von Herzen glaubt und die seine verwundete Seele heilt? Aber was wäre die Alternative? Sinnlos zu sterben? Unerbittlich rückt die Zeit vorwärts, bis der Morgen kommt und die Stunde der Wahrheit. Martin Luther muss erneut vor den Kaiser treten. Wieder wird er gefragt, ob er bereit ist zu widerrufen. Da sagt Martin Luther:

" wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; ... so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe ... gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil (gegen) das Gewissen etwas zu tun, weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!"

(Nach: Dt. Reichstagsakten, Jüngere Reihe, Bd. II, n. 80, S. 581-582)

Die berühmten Worte "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.", die Martin Luther am Ende seiner Rede gesagt haben soll, sind weder in den historischen Dokumenten belegt noch von Zeitgenossen verbürgt. Und doch haben sie sich im Bewusstsein der Menschen festgesetzt - vielleicht, weil sie in kurzen, prägnanten Sätzen das zusammenfassen, was Martin Luther damals in höchster Not viel wortreicher gesagt hat.

     Hier stehe ich.

Ich stehe ein, für das, was ich glaube. Ich ducke mich nicht weg, wähle nicht den scheinbar leichteren Weg, sondern stehe für meine Meinung ein.
 Martin Luther hat damals mit seinen Einstehen für seine Meinung eine Lawine los getreten, die die ganze Welt erschüttert hat. Er hat die Totenglocke für das ausgehende Mittelalter eingeläutet, das zu dieser Zeit bereits auf tönernen Füßen stand und gleichzeitig mit seinen Gedanken das Fundament für die beginnende Neuzeit gelegt. Nicht mehr blinde Unterordnung, nicht mehr eine Welt der Herren und Knechte, sondern eine Welt der "freien Christenmenschen", wie er es nannte, eine Welt in der jeder vor Gott - Mann oder Frau - die gleiche Würde besitzt, entstand in den Köpfen der Menschen. Dafür stand er ein. Ganz persönlich. Mit seinem Leben.

    Ich kann nicht anders.

Weil er in seinem Gewissen gebunden ist, gegen das zu handeln weder sicher noch heilsam ist, wie Martin Luther es ausdrückte. Dabei ist dieses Gewissen verankert in den Worten der Schrift. Dort hat sein Gewissen sein Fundament: in den Werten und Geboten der Bibel, in der Liebe und der Gnade, die Jesus lebte. Darum wehrte sich Martin Luther auch zeitlebens gegen jede Form von kleingeistige Sektiererei und Rechthaberei auf der einen Seite, ebenso wie gegen jede Auflösung von gemeinsamen Regeln nur um der Auflösung willen. Es ging ihm nicht nur um den Protest. Er suchte etwas anderes. Er suchte eine Kirche, in der nicht Macht und Geld regiert, sondern die Liebe Gottes. Und eine Welt, in der die Menschen Verantwortung für sich und andere übernehmen, anstatt sich blind der Macht unterzuordnen.

    Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.

In der Zeit der Legendenbildung verbindet sich mit diesen Worten das Bild eines kühnen Martin Luthers, der mutig dem Kaiser und dem Papst die Stirn bietet. Doch historisch betrachtet haben seine Knie wohl eher gezittert. Mutige Menschen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie keine Angst haben. Das zeichnet eher Dummköpfe aus. Mutige Menschen zeichnet aus, dass sie trotz ihrer Angst das Richtige tun.

Martin Luther hat damals das Richtige getan. Und ohne es zu beabsichtigen schuf er - indem er seine eigene Welt nicht verraten wollte - eine neue Welt, die auf zwei Eckpfeilern aufgebaut war: dem eigenen Gewissen, das in der Liebe Gottes gegründet ist, und der Vernunft - den "klaren Vernunftgründen", wie Martin Luther es nannte. Kein Wunder, dass die Worte: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." berühmt geworden sind. Denn auch wenn niemand sicher sagen kann, ob diese Worte wirklich von Martin Luther stammen, fassen sie seine Haltung doch in kurzer Form prägnant zusammen und sind dadurch für viele Menschen zu Mut-Mach-Worten geworden, bis heute.

Mut-Mach-Worte auch für uns.

Dass wir uns nicht von falscher Menschenfurcht leiten lassen, sondern uns trauen, anderen zu sagen, was uns bewegt.

Und dass wir uns auch vor Gott nicht ängstlich ducken und uns kleinmachen, sondern vor Gott hin stehen - so wie wir es gut evangelisch beim Beten tun - und auf Gott vertrauen, der sich an unserem aufrechten Gang freut - wie auch an unseren manchmal vielleicht auch kritischen Gedanken.

Dabei sollten wir in unserer individualistischen Welt, in der scheinbar alles möglich ist, darauf achten, dass unser Gewissen in der Liebe Gottes verankert bleibt. Damit nicht Gewalt, nicht böse Worte aus bösem Herzen, uns bewegen, sondern die Barmherzigkeit und die Liebe, die bei Gott zu finden ist. Dafür stand auch Martin Luther ein, der damals darauf vertraute, dass sich die Reformation allein durch das Wort durchsetzte, nicht durch Macht und Gewalt.

Zu einem solchen Leben, das seinem Gewissen folgt und auf die Vernunft baut, bewahre und behüte uns der gute Gott. Amen.