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Predigtreihe 2017     Martin Luther

                                   auf´s Maul geschaut

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III   Predigt am Sonntag, den 23. Juli 2017 (Pfrin. Bärbel Wassmer)

 "Die Heilige Schrift ist ein wunderbares Kräutlein;

  je mehr du es reibst, desto mehr duftet es."          

  Martin Luther, seine Sprache und Übersetung der Bibel

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

Martin Luther hat einmal gesagt:

"Die Heilige Schrift ist ein wunderbares Kräutlein;

 je mehr du es reibst, desto mehr duftet es."

Schon dieser kleine Satz sagt sehr viel über Martin Luthers besonderes Verhältnis zur Sprache und zur Bibel. Er hat Sprachbilder gemalt, die ihre Wirkung sofort entfalten. Wenn er die Bibel mit einem wunderbaren Kräutlein vergleicht, das immer mehr duftet, je mehr es zwischen den Fingern gerieben wird, dann sieht man das Kraut vor sich und riecht fast seinen würzigen Duft. Und man versteht sofort: Da hat einer nicht nur trockene Texte gelesen und sie dann übersetzt.

Nein, Martin Luther hat die biblischen Texte geliebt. Er hat dem Wort eine große Kraft zugetraut. Die Kraft des Wortes Gottes. Er hat jedes Wort hin- und hergewendet, hat auf ihm herumgekaut, hat viele Worte im Mund ausprobiert bis es richtig klang. Er hat das Kräutlein so lange gerieben, bis alle seinen Duft riechen konnten. Er hat wahrscheinlich das ganze Neue Testament und vieles aus dem Alten Testament in- und auswendig gekannt - und vor allem: Er wollte, dass nicht nur Gelehrte, sondern ganz normale Leute wie du und ich das Gleiche tun können: Zugang zum Wort Gottes bekommen und selbst auf diesen Worten herumkauen können.

Doch wie hat er das gemacht? Was ist das besondere an Luthers Sprache und Luthers Bibelübersetzung?

Als ich begonnen habe, mich damit genauer zu beschäftigen, war das für mich wie eine Entdeckungsreise in eine andere Welt. Und auf diese Entdeckungsreise möchte ich Sie heute mitnehmen. Bevor wir abreisen, lassen wir fast alle modernen Kommunikationsmittel hier. Wir reisen ohne Internet, ohne Telefon, Smartphone und Fotoapparat, ohne Zeitung und ohne Bücher, überhaupt ohne alles Gedruckte.

Und dann betreten wir eine mittelalterliche Welt, in der das alltägliche Leben fast komplett mündlich geregelt wurde. Ich habe eine Weile gebraucht, mir das vorzustellen. Da muss eine Menge geredet worden sein. Von Mund zu Mund sprachen sich die neuesten Neuigkeiten rum. Schreiben und Lesen konnte kaum jemand. Eigentlich nur die Studierten. Und alles was schriftlich festgehalten wurde, wichtige Verträge, die Texte an den Universitäten oder an den Fürstenhäusern oder die Bibeltexte, die in den Schreibstuben der Klöster mit Federkiel und Tinte abgeschrieben wurden, die wurden alle in lateinischer Sprache aufgeschrieben. Schriftliche Worte auf Deutsch gab es fast keine.

Deutsche Worte aufzuschreiben, das war auch schwierig.

Die Bevölkerung redete ja - fast so wie heute - kein einheitliches Deutsch. Es gab im Norden niederdeutsche Dialekte, die fast so klangen wie heute niederländisch. Es gab mitteldeutsche und hier im Süden oberdeutsche Dialekte und so wie heute auch verstanden die Süddeutschen die Norddeutschen oder die Ostdeutschen nicht unbedingt.

Selbst dann, als der Buchdruck erfunden wurde und Luthers deutsche Bibelübersetzung als einer der ersten längeren deutschen Texte überhaupt in Umlauf kam, blieb es trotzdem noch jahrhundertelang bei dieser mündlichen Welt. Ich hatte bisher immer gedacht, dass es dann ja ganz einfach war, als der deutsche Text in gedruckter Form kam.

Doch es war in Wahrheit viel komplizierter und hat viel länger gedauert.

Die deutsche Bibelworte Luthers verbreiteten sich zwar schnell, aber nicht, weil sie so gelesen wurden, wie wir uns heute Lesen vorstellen. Auch die deutschen Bibeltexte wurden hauptsächlich von Mund zu Mund weiterverbreitet. Vor allem durch Vorlesen, immer wieder Hören und Auswendiglernen. Denn selbst wer lesen konnte, musste einen unbekannten Text erst mühsam entziffern, Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe auskauen. Etwas Fremdes sofort flüssig vorzulesen, auch das war eine besondere Kunst, die noch lange kaum jemand beherrschte.

Überhaupt wurde fast immer laut gelesen. Dabei war der Text meistens vorher schon bekannt und nur noch wie ein Spickzettel, eine Gedächtnisstütze für das, was man sowieso schon auswendig konnte.

In so einer mündlichen Welt müssen bestimmte Sätze, bestimmte Worte, die die Menschen auswendig konnten, eine ganz andere Wirkung entfaltet haben als bei uns. Versetzen Sie sich mal da hinein. Stellen Sie sich vor, Sie könnten nichts nachschlagen oder nachlesen. Alles Wichtige hätten Sie auswendig im Kopf und im Herzen.

Was wäre anders?

Welche Bedeutung würden die Worte und die Sätze gewinnen, die Sie in- und auswendig mit sich tragen?

Überlegen Sie mal, ob es da vielleicht noch einen Restbestand gibt, den Sie doch noch auswendig können, trotz unserer immer digitaler werdenden Welt.

Welche Worte hätten Sie griffbereit, sozusagen im Kopf und im Herzen? Vielleicht manche Gedichte? Das Vater Unser? Das Glaubensbekennntnis? Ihren Konfirmandenspruch?

Welche Worte könnten Sie auf Anhieb reiben wie ein Kräutlein damit es duftet?

Je mehr ich in die mündliche Welt Martin Luthers eingetaucht bin, umso mehr habe ich verstanden, dass nur Worte, die wir in- und auswendig kennen, diese besondere Wirkung entfalten können, dass sie uns Kraft und Hoffnung geben.

Und ich wei, dass Menschen, die in Situationen kamen, in denen sie ganz auf sich selbst zurückgeworfen waren, wie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle, unglaublich froh waren, wenn sie auf so einen "inneren Wortschatz" zurückgreifen konnten, der ihnen Widerstandskraft und Hoffnung gegeben hat.

Übrigens, schon allein das Wort "Wortschatz" lässt ahnen, dass solche Worte wie ein Schatz sind, womöglich kostbarer als alles Gold und Silber.

Und wie war das nun bei Martin Luther selbst, innerhalb seiner hauptsächlich mündlichen Welt?

Nun, gesprochen hat er viel und gerne, vor allem abends beim Abendessen und seinen berühmten Tischreden, natürlich auch bei Vorlesungen und Predigten. Er hat geredet, so wie ihm der Schnabel gewachsen war, bildreich und oft mit deftigen Ausdrücken. Sein Dialekt war das Ost-Mitteldeutsche mit Anklängen ans Niederdeutsche, weshalb ihn die Reformatoren hier im Süden, in der Konstanzer Gegend manchmal nicht ganz so gut verstanden haben. Durch die Lateinschule hat Martin Luther als erstes Latein gelernt und konnte Latein flieend sprechen und schreiben. Das war an der Universität auch nötig, denn alle Gelehrtendiskussionen liefen auf Latein. Im Theologiestudium hat Luther auch Altgriechisch und Hebräisch gelernt, so dass er die Ursprungsprachen der Bibel gut beherrschte. Durch die Zeit im Kloster war ihm der lateinische Text der Bibel so vertraut, wie wir uns das heute kaum vorstellen können. Man nimmt an, dass Luther den lateinischen Wortlaut des Neuen Testaments zu sehr großen Teilen auswendig konnte, mindestens aber alle Paulusbriefe. Sie können aus dem schon entnehmen: Luther war ein Sprachgenie. Er hatte alle Voraussetzungen für eines seiner wichtigsten Anliegen: Den gesamten Text der Bibel allen Leuten auf Deutsch zugänglich zu machen. Dazu noch war er als allererstes Theologe, nicht einfach Übersetzer. Ein Theologe, der für sich selbst entscheidende theologische Entdeckungen gemacht hatte. Von der Gnade Gottes. Davon wollte er allen weitersagen.

Und so schritt er zur Tat. Das Versteck auf der Wartburg verschaffte ihm die nötige Ruhe dazu. Vielleicht haben manche von ihnen schon Luthers Studierzimmer auf der Wartburg bei Eisenach besichtigt. Eines scheint sicher: Ruhig war es in diesem Zimmer beim Übersetzen nicht. Hin und hergelaufen wird er sein zwischen seinem Wörterbuch, dem griechischen Urtext und seinem Papier mit den Gänsekielen und der Tinte. Und laut wird er die verschiedenen Worte vor sich hin gesprochen haben, wie sie klingen auf deutsch. Denn Worte mussten bei ihm gesprochen und gehört werden. Und sie mussten so klingen, dass sie verstanden wurden.

Später hat er dann in seinem berühmten Sermon über das Dolmetschen eines seiner Übersetzungsprinzipien so beschrieben:

"Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel (seine Kritiker)tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen, und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen, so verstehen sie es denn, und merken, dass man deutsch mit ihnen redet" (Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen, 1530, zitiert nach Günther, S. 25 ff)

Wobei nebenbei gesagt, das Wort "Maul" in Luthers Zeit ein ganz übliches Wort war. Für unsere Ohren klingt "Maul" heute sehr derb, das war es damals nicht, sondern das gängige Wort für "Mund".

Martin Luther hat damals auf der Wartburg, als das Sprachgenie das er war, einen kleinen Zeitrekord im Übersetzen hingelegt. Das so genannte Septembertestament, also das gesamte Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche, das im September 1522 erschien, entstand in nur 11 Wochen Übersetzungszeit und weiteren 5 Wochen Überarbeitungszeit. Es fand reienden Absatz, so dass die erste Auflage von 3000 Stück sofort ausverkauft war.

Später kam die Übersetzung des Alten Testaments dazu. Das dauerte länger und erschien erst 1534 erstmals vollständig. Die Übersetzung des Alten Testaments aus dem Hebräischen war komplizierter und entstand aus einer echten Teamarbeit mit Melanchthon, Jonas, Creutziger und Aurogallus. Jeder war für die Sprache zuständig, die er am besten konnte. Alle trafen sich bei Luther ein paar Stunden vor dem Abendessen und diskutierten ausgiebig die einzelnen Textstellen miteinander.

Natürlich hatte Luther bei seinem Übersetzungsprojekt auch erbitterte Gegner. Sie griffen ihn vor allem deshalb an, weil er ernst damit machte, das Evangelium allen Leuten zugänglich zu machen.

Sein Hauptgegner Johannes Cochläus fand besonders schlimm, (Zitat):

"..dass auch Schneider und Schuster, ja auch Weiber und andere einfältige Idioten, die dies neue lutherische Evangelium angenommen hatten, auch wenn sie nur ein wenig Deutsch auf einem Pfefferkuchen lesen gelernt hatten, dieses gleich als einen Brunnen der Wahrheit mit größter Begierde lasen. Etliche trugen es auch mit sich im Busen herum und lernten es auswendig." (Günther, S. 26)

Womit wir wieder bei der mündlichen Welt und ihren auswendig gelernten Worten angekommen wären. Denn genau das, dass frecherweise auch Frauen und andere einfache Leute die Botschaft ernst nahmen und das Wort "mit sich im Busen" herumtrugen, hat bewirkt, dass es so große Ausbreitung und seinen Weg in die Herzen der Menschen fand.

Ich könnte noch viel erzählen von der Welt Luthers, in die ich in den letzten Wochen eingetaucht bin, denn allein seine Übersetzungsarbeit hatte Auswirkungen auf die deutsche Sprache über fünf Jahrhunderte bis heute. Überall sind mir auch Sätze begegnet, die direkt aus Luthers Feder stammen und die wir heute noch so verwenden, wie zum Beispiel:

  • "von Pontius zu Pilatus geschickt" werden (Lk 23,6-12)

  • "jemand auf Händen tragen" (Ps 91,12)

  • "etwas auf Herz und Nieren prüfen" (Jer 17,10)

Doch am meisten hat mich beeindruckt, wie viel die vermeintlich einfachen Leute von damals auswendig in ihren Herzen bewegt haben.

Das hat mir Lust gemacht, noch mehr auf die Kraft der Worte und das Wort Gottes zu vertrauen. Vielleicht hat es auch Sie angeregt, sich einen solchen Wortschatz im Herzen zuzulegen, auf den Sie jederzeit zugreifen können, weil er Ihnen Wort für Wort vertraut ist.

Denn erst dann können wir nachvollziehen, was für Luther beim Wort Gottes ganz selbstverständlich war:

           "Die Heilige Schrift ist ein wunderbares Kräutlein;

              je mehr du es reibst, desto mehr duftet es."

Amen

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Literaturhinweis:

Bei der Erarbeitung dieser Predigt war mir das folgende erst kürzlich erschienene Buch von Hartmut Günther unentbehrlich. Es eignet sich auch zum Weiterlesen für Interessierte:

Hartmut Günther: Mit Feuereifer und Herzenslust. Wie Luther unsere Sprache prägte. Duden Verlag, Berlin 2017