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Predigt zu Röm. 15,13

(III. Advent, So. 16.12.2018; Pfr. P. Wassmer)

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Der Gott der Hoffnung

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.

Liebe Gemeinde
Der Advent ist eine Zeit voller Erwartung und voller Hoffnung. Und zugleich ist er eine Zeit des Wartens. Beides hängt eng miteinander zusammen. Denn nur wenn wir warten, wenn wir für einen Moment aus dem Hamster-Rad unseres Lebens aussteigen, wenn wir die Leere spüren, die an manchen Tagen dahinter lauert und uns ihr stellen, können wir auch eine Sehnsucht für eine Welt entwickeln, die über unseren Alltag hinausreicht. Erst dort, mitten im Wartesaal unseres Lebens, entstehen Hoffnungen oder werden Traumschlösser gebaut, erst dort, wo wir uns in unserem alten Leben unterbrechen lassen, können wir uns für ein neues Leben öffnen.

Eben dazu lädt uns der Advent ein. Er lädt uns ein, innezuhalten und zur Ruhe zu kommen.

    Um die Dinge in unserem Leben wiederzufinden, die uns leben lassen.

    Und die Dinge neu zu finden, die uns Leben schenken.

Ein solches Leben muss nicht perfekt sein - so wie auch das Leben von Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte nicht perfekt war - sie hochschwanger - er, nicht der Vater ihres Kindes - und dann noch in der Fremde unterwegs, so dass ihr Kind in einem Stall auf die Welt kommen musste. Nein, perfekt war das nicht. Und doch liegt ein besonderer Glanz auf dieser Familie. Nicht nur wegen dem Stern, der über dem Stall leuchtete und dem hohen Besuch, der bald kam. Nein, es ist ein tieferer Glanz. Hoffnung ist mit dieser Geschichte verbunden. Eine tiefe, ehrliche Hoffnung, dass Gott selbst in unsere Welt kommt. Und dass sich mit ihm alles ändert. Dass die Armen nicht arm bleiben müssen, sondern dass sie reich sein können: an Liebe und Hoffnung, an Glauben und Kraft. Und dass die Reichen nicht mehr nur an sich selbst denken, sondern sich auf den Weg machen, so wie die drei Könige, und anfangen zu teilen. So ist das Weihnachtsfest eng mit dem Heil verbunden - und mit der Hoffnung auf ein Heilwerden.

Von einer solchen Hoffnung spricht auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag. Wir hören auf Worte aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Er schreibt dort im 15. Kapitel, Vers 13:

                                 "Der Gott der Hoffnung aber
                                  erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,
                                  dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung
                                  durch die Kraft des heiligen Geistes."    (Röm 15,13)

Liebe Gemeinde
Wie ist das mit Ihnen und der Hoffnung? Worauf hoffen Sie? Und wie schaffen Sie es, diese Hoffnung in Ihnen lebendig zu halten?

Denn eine Hoffnung macht uns als Menschen aus. Mit einer solchen Hoffnung, können wir strahlen, können einander Mut machen, können uns, selbst noch in den widrigsten Umständen, an unserem Leben freuen. Ohne eine solche Hoffnung aber fallen wir in uns zusammen. Da werden unsere Worte schwer und unsere Tage trübe.

Also wie schaffen wir es, eine solche Hoffnung für unser Leben zu finden und in uns lebendig zu halten?

Eine Spurensuche:                

Ich reise dazu mit Ihnen zurück in meine Jugendzeit. Da traf ich - auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg, Hellmut Gollwitzer, einen Pfarrer, der sich in der Zeit des Dritten Reiches der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte. Er war damals - vor knapp vierzig Jahren - bereits ein alter Mann - und ich gerade einmal 16 Jahre alt. Ich habe ihn etwas gefragt - und er hat mich damals wegen meiner sehr eindeutig schwäbischen Aussprache kaum verstanden - aber er hat geantwortet. Klar, fröhlich und trotz seines hohen Alters unglaublich hoffnungsfroh. Damals habe ich mir gedacht: Wenn ich einmal alt werde, möchte ich genau so sein wie er: so klar, aber eben auch: so voller Hoffnung.

Nun kann man sagen: es ist einfach, Hoffnung zu haben, solange man im hohen Alter noch gesund ist, geistig klar, dazu finanziell abgesichert, und, und, und... . Sicher. Aber ich glaube, das ist es letztlich nicht, was uns im Leben - und auch im Alter - hoffnungsfroh macht. Denn ich kenne genügend Menschen, die dies alles haben - und trotzdem keine Hoffnung ausstrahlen. Hoffnung liegt nicht am Wohlstand, nicht an der Gesundheit, nicht an der Sicherheiten des Lebens, die wir haben - oder nicht haben. Hoffnung hängt an etwas anderem.

Eine zweite Person. Eine Frau, knapp unter 80. Ich habe sie während meines Studiums kennen gelernt, in einem der Alten - und Pflegeheime, in denen ich während dieser Zeit gearbeitet habe, um mir für das Studium Geld zu verdienen. Die Frau ging damals jeden Tag auf der Station umher und trug Decken in ihren Händen. Ihr ganzes Leben hat sie gearbeitet - und auch jetzt im Pflegeheim konnte sie nicht ohne etwas sein, das sie in ihren Händen trug. Wenn man sie ansah, lächelte sie. Einfach so - und die meisten Leute lächelten zurück. Viele strichen ihr beim Vorbeigehen freundlich über die Haare oder sagten ein nettes Wort zu ihr. Man konnte fast nicht anders. Manche Menschen werden im Alter ganz voller Liebe - so wie andere Menschen voller Einsamkeit oder Bitterkeit werden. Diese Frau - Sie ahnen es vielleicht - war dement. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass sie unter ihrer Demenz gelitten hat. Sie war fröhlich, solange sie Menschen um sich herum hatte, die freundlich zu ihr waren, die mit ihr sprachen, die sie berührten. So strahlte sie Hoffnung aus - und man freute sich, wenn man sie traf.

Nur, liebe Gemeinde, wie wird man so? Wie schafft man es, die Hoffnung in sich lebendig zu halten - über alle Widrigkeiten des Lebens hinweg - selbst bis ins hohe Alter? Denn Hoffnung trugen beide in sich, Hellmut Gollwitzer, der politisch versierte und kluge Kirchenmann, ebenso wie die demente Frau in ihrem Altenheim.
                    
Vielleicht geht es ja so? Dass wir in unserem Leben lernen, uns immer wieder neu mit Hoffnung auffüllen zu lassen?

 Denn wir Menschen können ganz unterschiedlich mit der Hoffnung umgehen, die uns in unserem Leben begegnet. Entweder so, dass wir sie annehmen, wie ein Stück Kuchen, von dem wir immer wieder ein Stück abschneiden, bis am Ende nichts mehr von ihm übrig bleibt, auer ein paar Krümel, von denen wir dann irgendwie, mehr recht als schlecht, leben müssen - oder eben ganz anders, dass für uns die Hoffnung nichts ist, was wir haben können, sondern etwas, das wir uns immer wieder neu schenken lassen können. So dass wir jeden Tag die leeren Hände ausstrecken - um uns diese Hände füllen zu lassen, mit Hoffnung von auen. So wie die alte Frau in dem Altenheim, die von jedem guten Wort lebte, von jeder Berührung, von jedem Lächeln, das sie erhielt.

Vielleicht geht es aber auch so? Dass wir in unserem Leben lernen, uns keine zu festen Vorstellungen von unserer Zukunft zu machen und wir darum unser Lebensglück auch nicht zu sehr mit diesen festen Vorstellungen verknüpfen?

Helmut Gollwitzer zum Beispiel geriet am Ende des zweiten Weltkriegs als Sanitäter in Kriegsgefangenschaft. Erst Ende 1949 kam er aus dem Arbeits- und Umerziehungslager in Russland wieder frei. Über seine Erfahrungen schrieb er damals ein Buch. Es hie: "und führen, wohin Du nicht willst". Russland, Kriegsgefangenschaft, überhaupt der ganze Krieg und die Nazi-Ideologie, das alles war nichts, was er - der Mann, der sich schon früh in der bekennenden Kirche gegen die Nazis stellte, in seinem Leben wollte. Trotzdem hat es ihn und seine Hoffnung nicht zerbrochen, sondern gestärkt, weil er lernte, sein altes Leben loszulassen. Und weil seine Hoffnung tiefer reichte, als sein Glück oder sein Unglück.
                                    
Oder denken Sie an die demente Frau im Altenheim. Manche Leute sagen ja: "Ich hoffe, dass ich nie ins Alten- und Pflegeheim muss - dass ich jeden Tag aufstehen kann, mich selbst versorgen - und ich geistig klar und gesund bleibe." Für sie ist ihre Welt solange in Ordnung, solange die Welt genau so aussieht, wie sie es sich wünschen. Aber was ist, wenn die Welt sich ändert? Ist dann alles für sie vorbei? Weil sie sich nur eine Art von Leben vorstellen können? Und sie sich in das Schneckenhaus ihres Selbstmitleids zurückziehen, wenn die Welt sich nicht an ihren Plan hält?

Das Beispiel von der Frau, von der ich ihnen gerade erzählt habe, lässt auch andere Vorstellungen wachsen: "Ich hoffe, dass wenn ich geistig nicht mehr klar bin, ich Menschen um mich herum habe, die mich fröhlich ansehen und mich begleiten. Ich hoffe, dass wenn ich selbst nicht mehr für mich sorgen kann, jemand anderes da ist, der mir hilft."

Manchmal heißt älter werden, weise zu werden. Und weise ist es, zu begreifen, dass sich unser Leben jeden Tag verändern kann und alle unsere Pläne über den Haufen wirft. Hoffnung stellt sich dieser Herausforderung. Weil Hoffnung mehr ist, als nur Pläne zu machen. Hoffnung geht tiefer. Sie sucht nach dem Leben, gerade dort, wo unsere Pläne an ihr Ende kommen. Für Hellmut Gollwitzer hie das, sich im Kriegsgefangenenlager in Russland neu zurechtzufinden und die Hoffnung für sein Leben trotzdem nicht aufzugeben. Für die alte Frau hie es, sich der Trauer zu stellen, als sie spürte, wie ihre Erinnerungen nach und nach schwanden und sich trotzdem dem Leben zu öffnen, das noch vor ihr lag.

Beide lernten, je auf ihre Weise, dass das Leben ein Geschenk ist - etwas, das wir Menschen nicht selbst machen können Und so lernten sie, sich diesem Leben jeden Tag neu zu öffnen, anstatt sich vor ihm zu verschlieen. So wie sie je auf ihre Weise lernten, sich Gott zu öffnen, der hinter diesem Leben steht.

                                      "Der Gott der Hoffnung aber
                                       erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben,
                                       dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung
                                       durch die Kraft des heiligen Geistes."    (Röm 15,13)

Wenn wir auf die Worte des Apostel Paulus hören, so hat die Hoffnung kein Ende. Sie kann reicher und reicher werden und unser Leben übersteigen, so dass sie aus allen Ecken und Enden uns heraustropft und wir sie weiterverschenken können an andere.

Dazu lädt Gott uns in dieser Adventszeit ein. Mit dem Weihnachtsfest auf das wir warten und das die Hoffnung auf eine heile, friedvolle Welt in sich trägt, mitten in den Brüchen, die auch damals schon die Welt zu zerreien drohten, und mit dem Advent, der uns mit dieser Hoffnung von Weihnachten berührt, so dass die Resignation, in die wir uns manchmal flüchten, aufbricht, und wir das Leben neu spüren.

Dazu stärke und bewahre Sie der Gott der Hoffnung. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.