Bonhoefferzentrum
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Predigt zu Mk. 1, 40-45 (So. 17.9.2017; Pfr. P. Wassmer)

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Bibel verbindet

Übergabe Reformationsbibel

Übergabe der Reformationsbibel von Frau Kaul aus der Südstadtgemeinde an Pfrin. Bärbel Wassmer

"Bibel verbindet" - unter diesem Titel steht die Aktion, mit der im Jahr des Reformationsjubiläums an die Bedeutung der Schrift für die Reformation erinnert wird. Seit dem 31. Oktober 2016 wandert eine Bibel durch den Kirchenbezirk Konstanz, von der Luthergemeinde Konstanz bis zur Luthergemeinde Singen, wo die Aktion am 31. Oktober 2017 bei einem Festgottesdienst ihren Abschluss findet. Jede Gemeinde gestaltet dabei eine Seite zu einem Bibeltext.

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wir hören heute auf einen Abschnitt aus dem ersten Kapitel des Markusevangeliums. Dort wird erzählt, wie Jesus einen Aussätzigen heilt. In der Bibel heißt es:

Ein Aussätziger kam zu Jesus, fiel vor ihm nieder und flehte ihn an: "Du kannst mich rein machen, wenn du es nur willst!" Da streckte Jesus voller Mitleid die Hand aus, berührte den Aussätzigen und sprach zu ihm: "Ich will es! Werde rein!" Kaum hatte Jesus das gesagt, da verschwand der Aussatz von der Haut des Mannes und er wurde rein. Aber Jesus herrschte ihn an und schickte ihn weg. Er sagte: "Geh jetzt! Und sage keinem etwas davon. Zeige dich dem Priester und bringe zum Dank für die Heilung vom Aussatz die Opfer dar, die Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis." Da ging der Mann fort. Doch er begann, die Geschichte überall weiter zu erzählen, so dass sie in der ganzen Gegend bekannt wurde. Daraufhin konnte sich Jesus in keiner Stadt mehr öffentlich sehen lassen, sondern musste sich drauen in der Wüste aufhalten. Trotzdem kamen die Menschen von überall zu ihm her.

                           Bild der Bonhoeffergemeinde für die Reformationsbibel

 

Bild zu Mk. 1,40-45

 

Liebe Gemeinde
In dieser Geschichte tut sich eine Welt voller Gegensätze auf. Diese Gegensätze sind auch in dem Bild zu finden, das in unserer Gemeinde zu dieser Geschichte gemalt wurde. Rechts und links reihen sich die Gegensätze auf, kreuz und quer untereinander, weil das Leben oft auch nicht gerade verläuft, sondern wild durcheinander.
 Da sind auf der einen Seite positive Begriffe zu finden. Wörter wie Gemeinschaft können Sie dort lesen, oder miteinander reden, heilen oder berühren. Auf der anderen Seite dagegen finden sich Wörter, die einen Zustand des Unheils beschreiben. Dort sammeln sich Wörter wie: krank, bedrohen, Einsamkeit oder Aussatz.
 Ja, so sieht unsere Welt aus, könnte jemand von Ihnen sagen. So voller Gegensätze. Und auch heute liegen Heil und Unheil oft nah beieinander.
Doch gibt es etwas, das diese Geschichte aus der Bibel von unserer Welt unterscheidet: denn dort bleibt es nicht bei diesen Gegensätzen. Schlielich handelt es sich bei dieser Geschichte ja um eine Heilungsgeschichte. Und das heißt, dass am Ende das Unheil Vergangenheit ist. Es ist verschwunden im Sumpf der Zeit, so dass sich niemand mehr daran erinnern kann. Obwohl? So ganz stimmt das nicht. Die Erinnerung ist geblieben. Sonst würde die Geschichte ja nicht in der Bibel erzählt. Und auch das Unheil ist nicht ganz verschwunden. Es hat nur die Seiten gewechselt. Doch langsam. Eines nach dem anderen.

Beginnen wir von vorne. Mit der Begegnung, von der die Geschichte erzählt. Ein Aussätziger tritt dort auf. Einer, den das Leid geschlagen hat. Doch obwohl es ihm schlecht geht, hat er sich mit dem Leid nicht abgefunden. Er leidet. Ja. Aber er kämpft auch. Und er hofft. So kommt er zu Jesus. Und macht dabei etwas, das er eigentlich gar nicht darf. Er nähert sich ihm. Näher als zehn Schritte. Andere hätten ihn schreiend davongejagt. Ihn beschimpft oder mit Steinen beworfen. Jesus lässt es zu. So fängt die Geschichte an. Mit einem verzweifelten Mann, der eine Grenze überschreitet - und mit einem Jesus, der sich auf diese Grenzüberschreitung einlässt. Beides braucht es, damit eine Geschichte daraus wird. Damals, wie heute.

Der kranke Mann hofft. Dabei gleicht das, was er sagt, einem Gebet. Ein solches Gebet ist darum auch in der Mitte unseres Bildes zu finden. Es ist gleichsam das innere Zentrum. Denn ohne dieses Gebet hätte es die Heilung nie gegeben. Ohne die Hoffnung, die in ihm liegt. Ohne das Vertrauen, das es trägt. Ohne die Wahrheit, die in ihm wohnt.

Was sagt nun der Mann? Was betet, was bittet er? "Jesus", ruft er, "Du kannst mich rein machen, wenn du es nur willst." Der kranke Mann spricht mit diesen Worten Jesus eine ungeheure Macht zu. "Du kannst es!", sagt er. Aber woher ist er sich so sicher? Ist es der Mut der Verzweiflung? Oder berechtigte Hoffnung?
 Im Markusevangelium steht diese Geschichte ganz am Anfang des Evangeliums, noch im ersten Kapitel. Und doch finden sich davor schon unzählige Heilungen, die Jesus in Kapernaum vollbracht hatte. Die Schwiegermutter des Petrus gehört dazu, ebenso wie die Austreibung von unreinen Geistern. Doch die Heilung eines Aussätzigen? Das ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. So etwas hat Jesus noch nie gemacht. Damit hat er keine Erfahrung.
 Von daher würde ich aus den Worten des Mannes eher den Mut der Verzweiflung heraushören. "Du kannst das doch! Sicher? Hoffentlich! Und wenn nicht, dann versuche es zumindest." Ein unerhörter Leidensdruck ist hinter diesen Worten des Mannes spürbar.

Es sind schon so viele Jahre, in denen er sich von allen fernhalten musste, so viele Jahre, seitdem er sich mit dem Aussatz angesteckt hat. Jahre, in denen er völlig allein lebte, abseits von allen. Immer den Sicherheitsabstand einhaltend. Immer drauen vor dem Dorf. Nie drin. Nein, das ist kein Leben. Das kann kein Leben sein. So ganz alleine, ohne Familie. Ohne Freunde, die man auch einmal umarmen kann. Und auch aus der Öffentlichkeit ist er verbannt. Nicht einmal zum Gottesdienst darf er als kommen. Er ist ja unrein und könnte die anderen anstecken. Nein, das ist kein Leben., sagt der Mann. Und bittet Jesus um Hilfe.

Und Jesus? Was macht er? Er hat Mitleid. Er lässt sich berühren. Und weil er sich berühren lässt, berührt auch er den Kranken. Weil Heilung immer etwas damit zu tun hat, berührt zu werden.

Auf dem Bild sind zwei Hände zu sehen. Eine oben. Eine unten. Sie umhüllen gleichsam das Gebet des Mannes, das in der Mitte des Bildes steht. Die Hände sind leicht gekrümmt. Als würde jemand sanft damit berührt. Keine Faust. Kein Schlag. Sondern eine sanfte Berührung

Ich wei nicht, was Jesus damals dazu gebracht hat, seine Hand auszustrecken, aber ich bewundere ihn dafür.
 Ich bewundere ihn für seinen Mut. Schlielich war auch den Menschen damals schon klar, dass sie sich mit einer solchen Berührung anstecken konnten. Mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Jesus tut es trotzdem. Er riskiert es. Das ist stark.  
 Und ich bewundere Jesus für seine Menschlichkeit. Er sieht die Einsamkeit, er nimmt das Leiden des Mannes wahr. Und indem er ihn berührt, durchbricht er für einen winzigen Moment die Schranke zwischen Heil und Unheil. Auch du bist etwas wert, sagt diese Berührung. Du gehörst dazu und nicht nach drauen. Und so sagt Jesus: "Ja, ich will es. Werde rein."

Was dann geschieht, ist ein Wunder. Der Aussatz des Mannes verschwindet. So erzählt es die Geschichte aus der Bibel. Wir können heute - mit dem Abstand von 2000 Jahren - ganz unterschiedlich mit diesem Wunder umgehen:
  Wir können es ablehnen. Können sagen: Alles Ammenmärchen, was die Bibel da erzählt. Eine Zumutung für unsere modernen Ohren.
   Wir können staunen. Können uns fragen: Kann das sein?
   Wir können versuchen es zu erklären und davon reden, dass die Bibel manches verdichtet, dass also alles auch etwas gedauert haben könnte, es also mehr oder weniger ein langsamer Prozess war, der in der Bibel auf diesen einen Moment zusammengefasst wurde. Wir könnten vom Placebo-Effekt reden, und dass es heute wissenschaftlich bewiesen ist, dass der Glaube manchmal tatsächlich Berge versetzt. Wir könnten mit medizinischen Fachausdrücken um uns werfen, von Spontanheilung reden und vieles andere mehr. Und doch. Es bliebe ein Wunder. Etwas, das sich nicht nur unserem, sondern auch dem Verständnis der Menschen damals verschlossen hat. Und doch, so wird erzählt, war es genau so. Der Mann war gesund.

Ab hier wird die Geschichte nun richtig seltsam. Denn plötzlich wird Jesus unfreundlich. Er herrscht den Mann an und schickt ihn weg. Er soll verschwinden. Und vor allem. Er soll keinem etwas davon sagen! Statt dessen habe er zu den Priestern zu gehen. Von ihnen solle er sich bestätigen lassen, dass er gesund sei. Auch soll er dort ein Opfer darbringen, so wie es in dem Gesetz des Mose steht.

Was Jesus hier macht ist zweierlei:
   Zum Einen schützt er sich. Niemand soll wissen, dass er den Aussätzigen berührt hat. Wer wei, was dann los wäre? Aller Wahrscheinlichkeit nach müsste er erst einmal selbst in Quarantäne, bis sicher wäre, dass er sich nicht angesteckt hat. Dazu käme der Skandal! Wer würde ihm noch trauen? Wer sich von ihm berühren lassen?  Nein, das alles scheut Jesus. Darum sagt er zu dem Mann, er solle schweigen.
   Zum Anderen baut Jesus dem Mann, mit seinem Auftrag, der ehemalige Kranke solle zu den Priestern gehen, einen Weg zurück in die alte Welt. Er verweist ihn an die bestehenden Institutionen, die ihm zwar nicht helfen konnten, bei denen er aber nun vorstellig werden soll, um seine Heilung offiziell zu machen. Und: Ach ja. Er soll bei ihnen ein Opfer darbringen. Sie bezahlen. Anstatt Jesus.

Doch das alles klappt natürlich nicht. Wie auch? Der Kranke geht zwar weg, aber er erzählt seine Geschichte überall weiter. Er kann gar nicht anders. Von früh bis spät muss er davon erzählen. Weil er selbst es sonst kaum begreifen könnte: Er ist wieder gesund! Richtig gesund! Und das alles nur wegen Jesus!

Doch der muss die Folgen der Redseligkeit des Mannes ertragen. Jesus muss fliehen. Er kann sich jetzt in keiner Stadt mehr blicken lassen. Warum? Die Bibel lässt es offen. Weil noch mehr Menschen zu ihm strömen würden? Voller Hoffnung auf Heilung ihrer Krankheiten? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlicher ist, dass Jesus nun selbst als unrein galt. Und wenn er eine Stadt betreten hätte, riskiert hätte, beschimpft oder gar mit Steinen beworfen zu werden. Er selbst hätte erst zu den Priestern gehen müssen, die damals auch als Gesundheitsbehörde tätig waren und sich dort seine Reinheit bestätigen lassen müssen. Doch wer wei, wie die Priester reagiert hätten? Nicht alle waren auf Jesus gut zu sprechen. So geht Jesus lieber in die Einsamkeit. Und ist dort nun ganz allein.

Es ist schon seltsam, liebe Gemeinde. Da denkt man, alles ist nun in Ordnung und das Gegenteil ist der Fall. Das Unheil hat nur die Seiten gewechselt. Jesus, der zu Beginn der Geschichte noch in der Menge baden konnte, um den sich die Menschen drängten, ist plötzlich allein. Während der ehemalige Aussätzige, der zuvor einsam  war, plötzlich die ganze Stadt unterhält und sich vor lauter Zuhörern kaum noch erwehren kann. Wie ein Wechsel aller Vorzeichen, wie ein Austausch zweier Leben kann einem das vorkommen. Und so hat es sich damals vermutlich auch angefühlt.

Doch noch immer ist die Geschichte nicht zu Ende. Zum Glück, könnte man sagen. Denn, so erzählt die Bibel, die Menschen kamen trotzdem von überall zu ihm her. Sie strömen in die Wüste und heben die selbstgewählte Einsamkeit von Jesus auf. So helfen sie mit, dass am Ende das Unheil besiegt wird und das Heil gewonnen hat.

So, liebe Gemeinde, erzählt die Bibel diese Geschichte einer Heilung. So voller Gegensätze und Widersprüche. Und von diesen Gegensätzen erzählt auch das Bild, das wir in unserer Gemeinde gemalt haben. Einsamkeit und Gemeinschaft. Heil und Unheil. Rein und Unrein. Alles ist dort zu finden. Und in der Mitte das Gebet. Und die beiden Hände.
    
Das Bild zeigt uns, dass es auch uns gut tut - in den Gegensätzen, in denen wir heute leben - das Beten nicht aufzugeben. Denn in jedem Gebet steckt eine Hoffnung. Und solange wir hoffen, ist noch nicht alles verloren.

Und es zeigt uns mit den Händen, die dort zu sehen sind, dass es auch uns gut tut, uns berühren zu lassen. Und auch andere zu berühren, mit dem, was wir tun.

Und wer wei, vielleicht ist dann ja auch das eine oder andere Wunder unter uns heute möglich?

Wünschen würde ich es uns auf jeden Fall. Amen.