Bonhoefferzentrum
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Predigt am Sonntag Okuli

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Predigt zu Matth. 26, 69-75 (4.3.2018, Singen, Pfrin. Bärbel Wassmer) 

Zur Aktion: Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
ganz ehrlich, wer kann schon behaupten, er oder sie hätte noch nie gekniffen? Noch nie eine Ausrede benutzt oder noch nie dann den Mund gehalten, wenn es eigentlich nötig gewesen wäre, den Mund aufzumachen. ..

Sich zu zeigen und nicht zu kneifen ist eine Aufgabe, mit der wir lebenslang zu tun haben und sieben Wochen sind nur ein kleiner Anfang, um das zu üben, um was es da geht. Vielleicht muss es auch so sein, dass man erst mehrere Male ausgewichen ist, den Mund gehalten hat, bevor man den Mut gesammelt hat, nun für sich einzustehen, oder für das, was wichtig ist.  

Auf solche Gedanken komme ich, wenn ich an den heutigen Predigttext denke. Er handelt von Petrus, dem Jünger, der eigentlich wie ein Fels in der Brandung zu seinem Jesus steht. Doch um am Ende ein Fels in der Brandung zu werden, muss auch er sich erst einmal durchzittern und drei Mal ganz klein beigeben. Was ist da los?

Petrus ist mit Jesus und den anderen nach Jerusalem gekommen. Sie haben Aufsehen erregt. Sie haben ein letztes Abendessen miteinander gehabt, bei dem Petrus eigentlich feierlich geschworen hat, immer zu Jesus zu halten, komme was da wolle.

Es beginnt die Nacht im Garten Gethsemane, in der Jesus selber von Angst geschüttelt wird. Und dann muss Petrus miterleben, wie sie Jesus verhaften wie einen Verbrecher und zum Hohenpriester schleppen. Alle anderen fliehen schnell, nur Petrus schleicht im Dunkeln hinterher und versucht, drauen im Hof etwas mehr in Erfahrung zu bringen. Doch hören Sie selbst aus dem Matthäusevangelium, im 26. Kapitel, die Verse 69-75:

Petrus aber sa drauen im Hof. Und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich wei nicht, was du sagst. Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich.
Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Liebe Gemeinde,
ich kann ihn gut verstehen, diesen Petrus. Er schleicht auf dem dunklen Hof herum, ganz allein, und wei nicht, ob sie ihn gleich noch mit verhaften, wenn sie ihn dort entdecken. Und  ausgerechnet jetzt sprechen ihn mehrere Frauen direkt an: "Du gehörst doch auch zu dem, den sie da gerade verhaftet haben!"  
Da packt ihn die pure Angst, denn er wei, es kann um Leben und Tod gehen. Und wäre es überhaupt klug, da drauen auf dem Hof Farbe zu bekennen und offen zu sagen: Ja, ich gehöre dazu. Sie haben meinen besten Freund und Lehrer gefangen genommen. Ich bin in großer Sorge um ihn. Ich will wissen, was sie mit ihm anstellen. Er bedeutet mir alles!"

Wäre das klug gewesen? Die Lage ist unübersichtlich. Sicher, es sind nur Bedienstete da drauen im Hof. Aber wenn sich rumspricht, zu wem Petrus gehört Mitgehangen, mitgefangen
Petrus wird die ganze Zeit mit sich gerungen haben: Was ist besser: Zeigen, wofür ich stehe - oder wegducken für diesen Moment, mit der Strömung schwimmen, unauffällig bleiben.

Es gibt eine wahre Episode mit Dietrich Bonhoeffer, Namensgeber unserer Gemeinde und Fels in der Brandung, was den Widerstand gegen den Nationalsozialismus betrifft, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Selbst Bonhoeffer entschied sich in einer bestimmten Situation überraschend anders als sonst.

Dietrich Bonhoeffer sa mit seinem Freund Eberhard Bethge im Jahr 1940 auf der Kurischen Nehrung in einem Café. Da kam die Nachricht von der Kapitulation Frankreichs vor den Truppen Hitlerdeutschlands. Die Menschen jubelten, stiegen auf die Tische mit zum Hitlergru erhobenen Armen und sangen das Horst-Wessel-Lied. Zu Bethges Überraschung erhob auch Bonhoeffer seinen Arm und flüsterte in das Ohr des zögernden Bethge: "Nimm den Arm hoch! Bist Du verrückt? Wir werden uns jetzt für ganz andere Dinge gefährden müssen, aber nicht für diesen Salut!"

In diesem Moment also, entschied sich Bonhoeffer für die Klugheit statt für den Mut, sich zu zeigen. Denn, sich in jeder Situation mit den eigenen Überzeugungen zu zeigen, kann auch Dummheit sein und dem eigentlichen Ziel gar nicht weiterhelfen.

Wie gefährlich es nachts auf dem Hof bei Petrus war - und ob es einfach klug war, sich wegzuducken, das wissen wir nicht. Petrus hat jedenfalls so viel Angst, dass er nicht nur schweigt, sondern lügt. Einmal, zweimal, dreimal. Bis er den Hahn krähen hört und bitterlich zu weinen beginnt.

Ein viertes Mal ist es ihm das danach nicht passiert. Ausgerechnet er, der dreimal gekniffen hat, wird später zum Fels in der Brandung, zum Fels des Glaubens. Und fast kommt es mir so vor, als musste er durch diese inneren Kämpfe gehen, um den Mut zu üben. Den Mut den es braucht, um geradezustehen, für das, was er wirklich glaubt.

Mich hat in den letzten Wochen eine Geschichte beschäftigt, die ich vor Jahren als Buch gelesen habe. Jetzt ist die Geschichte als Film ins Kino gekommen. Buch und Film heien "WUNDER":

Das Buch handelt von einem Jungen, zehn Jahre alt, für den es noch viel schwerer ist als für andere, sich mutig zu zeigen so wie er ist. Er wurde mit einer seltenen Erbkrankheit geboren, so dass sein Gesicht auch nach vielen Gesichtsoperationen deutlich anders aussieht als bei anderen. Augen, Nase und Mund sitzen an ungewöhnlichen Stellen, dazwischen viele Operationsnarben. Beim Essen sieht er eher aus wie eine Schildkröte, die vorne kaut und manches wieder fallen lässt.  August, genannt Auggie muss er damit leben, dauernd angestarrt zu werden.

Seine Familie liebt den mutigen Jungen, der auer seinem eigenartigen Gesicht ein fröhlicher Junge mit vielen Ideen ist. Doch die größten Schwierigkeiten beginnen, als er mit seinen 10 Jahren zum ersten Mal in eine öffentliche Schule geht.

Er selbst kneift nicht, obwohl er viele Male fast aufgeben will. Die erste Zeit in der Schule ist für ihn wie Spierutenlaufen. Er wird angestarrt und ausgegrenzt. Nur wenige Kinder machen sich die Mühe, den Jungen kennen zu lernen, der hinter dem seltsamen Gesicht steckt.

Doch das erste Wunder geschieht. Auggie findet einen echten Freund. Jack sitzt neben ihm, weil der Rektor das so eingefädelt hat. Nach einer Weile merkt Jack, der am Anfang einfach nur höflich seine Pflichtaufgabe erfüllt, dass das seltsame Aussehen seines Tischnachbarn für ihn gar keine Rolle mehr spielt. Stattdessen lernt er Auggie als Freund kennen, einen mit dem er Unsinn machen kann und mit dem zusammen er auf gute Ideen kommt. Zwei, die einander verstehen und helfen können. Jack und Auggie werden beste Freunde.   

Doch noch immer gibt es die anderen. Die vermeintlich Coolen und Angesagten in der Klasse.  Die machen Stimmung gegen Auggie. Und von Jack ist plötzlich Mut gefordert, zu seinem neuen Freund zu stehen. Jack muss sich da erst reinfinden. An manchen Stellen schlägt er sich tapfer - doch dann kommt Halloween. Jack wird  plötzlich umzingelt von den anderen aus der Klasse. Die stellen ihn zur Rede: "Du bist doch nicht etwa wirklich mit diesem Zombie befreundet?!" -  muss Jack sich fragen lassen.

Und was macht Jack? In diesem Moment geht ihm der Mut aus, oder die Kraft gegenzuhalten. Jack weicht aus und behauptet, dass er nur so oft mit Auggie zusammen ist, weil er vom Rektor darum gebeten wurde. Kleine Hilfsausrede statt Dauerkampf. Schlimm ist allerdings, dass Jack nicht merkt, wie Auggie in seinem Kostüm im Hintergrund genau mitbekommt, wie sein Freund ihn verrät.
Und noch schlimmer, dass für Auggie eine Welt untergeht, weil er nun nicht wei, ob Jack wirklich nur so tut, mit ihm befreundet zu sein, während Auggie gehofft hatte, einen echten Freund gefunden zu haben.

In Gedanken bin ich wieder bei Petrus auf dem Hof. Und den Fragen, die sie ihm im Dunkeln stellen: Du gehörst doch auch zu diesem Jesus?   - fragen sie ihn, gleich drei Mal. Und  gleich drei Mal schafft er es nicht, offen zu sagen: "Ja, ich gehöre zu ihm, ich stehe dazu."

Erst als der Hahn kräht, fängt er an, bitterlich zu weinen.

Auch bei Jack gibt es dieses bittere Erwachen. Er hat Auggie an Halloween im Hintergrund nicht wahrgenommen, aber er spürt, wie Auggie sich von ihm zurückzieht und dann beginnt Jack bitterlich zu bereuen, weil er merkt, dass ihm die Freundschaft zu Auggie in Wirklichkeit sehr viel bedeutet. Jack braucht eine Weile, doch dann macht er reinen Tisch, entschuldigt sich bei Auggie und wird am Ende sein felsenfester Freund, einer, auf den sich Auggie wirklich verlassen kann.

Wie ist das also, mit dem "Sich Zeigen und nicht Kneifen?".

All diese Geschichten und vor allem die von Petrus mit seinem dreifachen Verleugnen bis zum bitteren Erwachen beim Hahnenschrei zeigen mir, dass es zum "Nicht Kneifen" oft einen längeren Anlaufweg braucht.

Es scheint dazu zu gehören, dass selbst die aufrechtesten Menschen mühsam über viele Umwege und Schleichwege gehen müssen, bis sie wirklich offen zu sich selber stehen können und zu dem woran sie glauben.

Jesus muss das genau gewusst haben, als er Petrus schon vorher sagte: "Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei mal verleugnen."
Und Jesus hat ganz bewusst sein letztes Abendmahl mit allen seinen Freunden gefeiert, um sie zu stärken, auch wenn sie immer wieder wankelmütig sind.

Ich wünsche deshalb uns allen die Gnade Gottes, der uns geduldig dabei zusieht, wie wir uns manchmal winden und ausweichen, dann aber doch den Hahnenschrei hören und wieder klare Schritte in die richtige Richtung machen können. Amen

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Literaturhinweise:
  Die Episode mit Dietrich Bonhoeffer habe ich einem Impuls von Heinrich Bedford-Strohm entnommen, in: Zutaten. Themenheft zur Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018, Edition Chrismon, Leipzig 2017, S. 38  
  Lesenswert: Das Buch: WUNDER von Raquel J. Palacio, München 2013 (Originalausgabe: Wonder, Alfred A. Knopf, New York 2012)