Bonhoefferzentrum
Galerie
Galerie
Galerie

Predigt am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr

__________________________________________________________________________________

Predigt zu Lk. 11, 14-23 (12.11.2017, Singen, Pfr. Paul Wassmer) 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.
    
Liebe Gemeinde
Wir hören am heutigen Sonntag auf eine Geschichte aus dem Lukasevangelium, Kapitel 11. Der Evangelist Lukas erzählt:

Jesus trieb bei einem Mann einen bösen Geist aus, der ihn stumm machte. Und als der Geist ausfuhr, begann der stumme Mann zu reden. Und die Menge staunte. Einige aber unter ihnen sprachen: "Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihrem obersten Teufel." Andere aber wollten Jesus auf die Probe stellen und verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Jesus aber durchschaute sie und sprach: "Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, zerfällt und wird zu einem Ruinenfeld, in dem ein Haus über das andere stürzt. Wie kann dann aber das Reich von Beelzebul bestehen, wenn ein Teufel mit dem anderen zerstritten ist? Denn eben das behauptet ihr, wenn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister durch den Beelzebul aus. Und nur einmal angenommen, ich würde die bösen Geister wirklich mit Hilfe des Beelzebuls austreiben, mit wessen Hilfe treiben dann eure Kinder die Dämonen aus? Wollt ihr, dass sie über euch richten? Nein. Ich treibe die bösen Geister mit dem Finger Gottes aus. Und wenn dies geschieht, kommt damit auch das Reich Gottes zu euch. Wenn jemand, der bis an die Zähne bewaffnet ist, seinen Palast bewacht, dann  findet er Sicherheit für sich und seinen Besitz. Doch wenn jemand kommt, der mächtiger ist als er und ihn besiegt, dann wird er ihm die Waffen wegnehmen, auf die er sein Vertrauen setzte, und seinen Besitz als Beute verteilen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihr seid für mich, oder ihr seid gegen mich. Entweder ihr helft, die Menschen zusammen zu bringen, oder ihr zerstreut sie."

Liebe Gemeinde
Eine seltsame Geschichte bekommen wir am heutigen Sonntag zu hören. Da kann ein Stummer plötzlich wieder reden. Da taucht der Finger Gottes auf. Und eine heftige Diskussion entbrennt, in der Jesus vorgeworfen wird, im Bund mit dem Teufel zu stehen. Ganz schön heftig, kann man da nur sagen. Genauso heftig, wie die Diskussion endet: Entweder ihr seid für mich, sagt Jesus da. Oder ihr seid gegen mich. Etwas anderes gibt es nicht. Auch das ist eine Herausforderung in unserer heutigen Zeit, in der sich viele Menschen gerne bedeckt halten oder sich auch gern alle Möglichkeiten offen halten. Also ein wenig dafür sind, und auch ein wenig dagegen. Sich ein wenig davon nehmen. Aber auch etwas von dem anderen. Aber genau diese Haltung scheint bei Jesus nicht gut anzukommen.

Doch zum Anfang. Der Heilung. Ein stummer Mann steht dort im Mittelpunkt, dem Jesus einen bösen Geist austreibt. So sagte man damals, weil man es nicht besser wusste.  Der hat einen bösen Geist, darum humpelt er so. Der hat einen bösen Geist, darum ist er immer so griesgrämig. Der hat einen bösen Geist, darum kann er nicht reden. Nicht weit entfernt von solchen Reden war damals bestimmt auch der nächste Spruch: "Der hat einen bösen Blick. Der ist Schuld, wenn es mir so schlecht geht." Magisches Denken, in dem Wünsche Wirklichkeit werden, ist für uns Menschen immer wieder attraktiv. Weil es so herrlich einfach ist. So folgen wir gern den Fährten, auf die es uns führt, und glauben alles Mögliche, weil wir es so gerne glauben würden. Das ist so bis heute. So können heute noch so viele Fakten dafür sprechen, dass wir Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind, trotzdem gibt es noch immer Menschen, wie den amerikanischen Präsidenten Trump, die an etwas anderes glauben. "Was sind schon Fakten?", sagt er. Ich glaube, was ich will. Ich habe meine eigenen, alternativen Fakten. Damals, zur Zeit Jesu, waren es keine alternativen Fakten. Da waren es die bösen Geister, die man für alles Mögliche benutzen konnte.

Doch dann kommt Jesus und macht dem Spuk ein Ende. Er treibt den bösen Geist aus. Wie genau, das wird in der Bibel nicht beschrieben. Nur eines wird erzählt: er hatte Erfolg. Denn der Mann konnte danach wieder reden. Es war ein Wunder. Zumindest kam es den Menschen so vor. Denn sie wunderten sich und staunten. So wie wir uns wundern und staunen, wenn wir es schaffen, wieder miteinander reden zu können, nach einer Phase des Schweigens. Wenn wir uns wieder verständigen können, nach einer Zeit, in der sich jeder nur noch in sich selbst vergraben hat. Wie ein Wunder, kann einem das vorkommen. Und doch, so ein Wunder, das sucht nach Erklärungen. Auch  damals schon. Und so geht es sofort mit den Verdächtigungen los.

Man kann die Missgunst förmlich riechen, die aus ihren Worten tropft. "Der kann das ja nur, weil er mit dem Teufel unter einer Decke steckt", rufen einige. Und leise, oder laut, werden sie dabei gedacht haben. "Er muss weg. Wer zu so etwas fähig ist, der ist gefährlich. Der bringt alles durcheinander."

Dabei bräuchte unsere Welt manchmal genau das. Dass jemand kommt, und sie durcheinander bringt. Damit unser Durcheinander, das wir Menschen anrichten, und in dem oft Hass und Verbitterung, Egoismus und Rechthaberei die Herrschaft übernommen haben, in sich zusammenfällt und etwas Neues entsteht, in dem Gnade und Friede, Achtung und Respekt, Hoffnung und Gerechtigkeit endlich wieder mehr Platz haben.

Jesus weicht der Diskussion nicht aus. Er stellt sich der Menge. "Was wollt ihr?", fragt er sie. Und versucht es mit Logik: "Wie kann ein Reich bestehen bleiben, wenn sich die Menschen darin gegenseitig bekriegen?", fragt er. "Wie kann also ein Teufel den anderen bekämpfen? Wenn das so wäre, hätten sie doch keine solche Macht!"
 Und als das nicht reicht, spricht er die Menschen auf ihre Gefühle an: "Was ist...", fragt er, "... wenn eure Kinder jemand heilen? Gilt dann für sie nicht das Gleiche? Heilen nicht dann auch sie mit der Hilfe des Teufels? Was meint ihr, was euch eure Kinder dazu sagen würden?"

So bringt Jesus die Menschen zum Nachdenken. Nur um dann eindeutig Stellung zu beziehen. "Nein", sagt er. "Es ist anders. Es ist eine andere Macht, die durch diese Heilung sichtbar wird." Und er spricht von Gottes Kraft, durch welche die Menschen geheilt werden. Der Finger Gottes, sagt Jesus, hat den stummen Mann geheilt.

Der Finger Gottes. Er reicht. Es braucht nicht gleich die ganze Hand, wie bei der Fussball-WM 1986 in Mexiko. Dort sprach der mexikanische Spieler Maradonna von der Hand Gottes, die Mexiko ins Finale brachte, und Deutschland ausscheiden lie. Dabei hatte seine Hand Gottes nichts mit einem übernatürlichen Eingreifen Gottes zu tun, eher schon mit seiner Schlitzorigkeit, mit der er seinen eigenen, nicht ganz legalen Anteil an dem entscheidenden Tor vertuschte.

Die unsichtbare Hand Gottes kommt auch bei Adam Smith vor, dem Mann, der mit seinen Ideen die Grundlagen für das kapitalistische Wirtschaftssystem legte. Er sprach damals davon, dass wenn jeder nach seinem eigenen Nutzen strebe, am Ende dadurch auch der Nutzen aller größer würde. Doch ganz hat er seinen Ideen wohl nicht getraut, darum sprach er von einer unsichtbaren Hand Gottes, die das, was den Markt dazu bringen könnte, sich im gegenseitigen Egoismus selbst zu zerfleischen, verhindert, um das höhere Ziel, den Wohlstand für alle, zu erreichen.

Bei Jesus war es damals nur der Finger Gottes. Keine Hand. Und es ging ihm auch nicht darum, irgendwelche Nebelkerzen anzuzünden, um die Menschen daran zu hindern, genauer nachzufragen. Es war eher umgekehrt. Indem er von dem Finger Gottes sprach, zeigte er den Menschen, dass diese Heilungen nur mit Hilfe von Gott möglich waren. Nicht mit Hilfe des Teufels. Und auch nicht aus eigener Kraft.

Und gleichzeitig wollte Jesus mit diesem Finger Gottes auch auf etwas anderes zeigen: Auf das Reich Gottes, das unter uns Menschen sichtbar wird, wo einer dem anderen hilft. Wo Menschen geheilt werden. Wo Hoffnung wächst. Und Vergebung nicht nur ein Wort ist, sondern zur Versöhnung führt. Dieses Reich soll wachsen. Weil Gott dahinter steht, der mächtiger ist als alle Teufel dieser Welt.

Und da sind wir schon am Ende. Und bei der Frage, wofür wir uns entscheiden? Denn so wie damals bei Jesus, geht es auch bei uns heute nicht, sich aus allem herauszuhalten.

Entweder ihr seid auf der Seite derer, die versuchen, die Menschen zusammen zu bringen und etwas von dem Heil in dieser Welt wachsen zu lassen. Oder ihr gehört zu denen, welche die Menschen lieber zerstreuen und klein halten wollen, weil sie so ihr altes Leben bequem weiterleben können, egal wie ungerecht es dabei zugeht.

Wo seid ihr? Fragt Jesus. Auf der einen, oder auf der anderen Seite? Und fordert uns auf, uns zu entscheiden. Denn nur so kann das Reich Gottes auch unter uns wachsen. Uns und den anderen Menschen zum Heil - und Gott zum Segen.

Für diese Entscheidung, jeden Tag neu, berühre uns auch heute Gott mit seinem Finger und gebe uns so Kraft, zu lieben und nicht zu hassen, zu vertrauen und uns nicht von der Angst beherrschen zu lassen, zu hoffen und nicht der Verzweiflung die Tür zu öffnen.

Zu einem solchen Leben stärke und bewahre uns der barmherzige  Gott. Amen.