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Predigt am Sonntag Sexagesimae

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Predigt zu II. Kor. 12, 1-10 (4.5.2018, Singen, Pfr. Paul Wassmer) 

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.

Liebe Gemeinde
Wer kennt das nicht? - Da ist etwas schiefgelaufen - hat nicht so geklappt hat, wie man es sich vorher vielleicht vorgestellt hat - und - anstatt zu jubeln und sich über das Gelungene zu freuen - steht man plötzlich mit einer Handvoll Scherben da. Was nun? Was machen wir, wenn wir eine Niederlage erlitten haben? Verschweigen wir sie? Versuchen wir unsere Misserfolge kleinzureden - um danach wieder einfach zur Tagesordnung überzugehen? Oder stellen wir uns unseren Niederlagen - um aus ihnen zu lernen?

"Wie soll ich mit meiner Niederlage umgehen?" Vor dieser Frage stand damals auch der Apostel Paulus, als fremde Wanderprediger in die Gemeinde nach Korinth gekommen waren und die Gemeinde immer mehr auf ihre Seite zogen. Er war - kaum hatte er von der Sache Wind bekommen - von Ephesus aufgebrochen - mit dem Schiff nach Korinth - um in "seiner" Gemeinde nach dem Rechten zu sehen. Doch die Menschen in Korinth wollten nichts mehr von ihm wissen. Sie lieen ihn abblitzen, ins Leere laufen. Die Wanderapostel waren die neuen Stars, die mit ihrer Weisheit, ihren geistlichen Offenbarungen und ihrem Eigenlob glänzten - er selbst war abgeschrieben.

Was sollte er nun tun? Was würden Sie tun, in so einer Situation? Abgeschrieben - in eine Ecke gestellt - ausgezählt?

Mobbing-Opfer können von solchen Erfahrungen berichten: dass sie sich nach einer Niederlage wie dieser selbst nicht mehr in die Augen sehen konnten, weil sie sich nur noch mit den Augen der anderen sahen, dass sie nur noch ein Zerrbild von sich sahen, das aber für sie zur neuen Wirklichkeit geworden war.

Da ist es dann wichtig, sich selbst neu zu finden, sich nicht mit den Augen der anderen zu sehen, sondern den eigenen Blick zu bewahren. Oder, um mit den Worten von Erich Kästner zu sprechen, der treffend meinte:

                                      Was auch immer geschieht:
                                      Nie dürft ihr so tief sinken,
                                      von dem Kakao, durch den man euch zieht,
                                      auch noch (selber) zu trinken!

Der Apostel Paulus trinkt nicht von dem Kakao, durch den er selbst gezogen wurde. Doch hat der verlorene Streit auch auf ihn abgefärbt. Trotzdem gibt er nicht auf. Er kämpft. Noch einmal. Mit einem Brief. Und vielleicht denkt er sich beim Schreiben: "Was die anderen können, das kann ich schon lange. Und wenn sich die anderen rühmen, mit ihrer ach so großen Weisheit, ihrer Erkenntnis, ihren geistigen und geistlichen Fähigkeiten - dann kann auch ich das schon lange. Und so fängt auch der Apostel Paulus an, sich zu rühmen - doch er tut es auf seine ganz eigene Art und Weise. Doch hören sie selbst, was der Apostel Paulus im zweiten Korintherbrief, Kapitel 12, in den Verse 1 bis 10 zu sagen hat. Er schreibt dort:

Es kann manchmal ja nötig sein, sich selbst zu rühmen - aber ob es auch förderlich ist, das steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Nichtsdestotrotz will ich jetzt auf die Visionen und Offenbarungen des Herrn kommen. Ich kenne einen Menschen in Christus, der - vierzehn Jahre ist es her - bis zum dritten Himmel entrückt wurde. Ich wei nicht, ob es eine Entrückung des ganzen Leibes war, oder ob ich meinen Leib verlassen hatte, das wei Gott allein. Und ich wei von demselben Menschen, dass er in der derselben Weise - sei er  im Leib gewesen oder auerhalb des Leibes - Gott wei es allein - ins Paradies entrückt wurde und dort Worte hörte, die man mit der menschlichen Sprache nicht wiedergeben kann.
 Diesen Menschen könnte ich rühmen - aber ich wäre es nicht selbst. Denn wenn ich mich selbst rühmen wollte, dann wollte ich mich nichts anderes rühmen, als meiner Schwachheit. Nicht, dass es eine Narrheit wäre, mich meiner Offenbarungen zu rühmen. Denn ich würde dabei die Wahrheit sagen. Doch ich will mich ihrer nicht rühmen, damit nicht einer Dinge von mir annimmt, die über das hinausgehen, was man an mir sehen kann oder was man von mir hören kann. Ja, damit ich nicht selbst überheblich werde, wegen dem Überma an Offenbarungen, die ich erlebt habe, wurde mir als Stachel im Fleisch ein körperliches Leiden mitgegeben - ein Engel des Satans, der mich mit seinen Fäusten schlagen soll, wenn ich übermütig werde. Wegen ihm habe ich schon dreimal zum Herrn gefleht, dass er den Engel des Satans von mir wegnehme. Doch der Herr hat zu mir gesagt: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
 Aus dieser Erfahrung heraus will ich mich - (wenn ich mich schon rühmen muss und kämpfen um eure Anerkennung) - am liebsten meiner Schwachheit und meiner Krankheit rühmen, weil Christus dort seine Kraft in mir wohnen und wirken lässt. Und darum verliere ich auch meinen Mut nicht, wenn ich schwach bin, wenn ich misshandelt werde, Nöte erleide, verfolgt werde und in Ängsten bin um Christi willen - denn wenn ich schwach bin, so gibt er mir Kraft.

Liebe Gemeinde
Fast verschlägt es einem da die Sprache - bei dem Feuerwerk an Leidenschaft, das der Apostel Paulus da abbrennt. Er will sich nicht rühmen - und tut es doch. Verschämt zwar und verdeckt - redet er von sich, als würde er sich selber nicht meinen. "Ich kenne da einen Menschen in Christus, der..." Vierzehn Jahre ist es her, als er dies erlebt hat. Vielleicht ist es sein Damaskus-Erlebnis, das er hier beschreibt? Als er unterwegs war, von Jerusalem nach Damaskus, um dort die Christen zu verfolgen - und plötzlich sich wiederfand, als einen, der von Gott selbst angesprochen wurde. Vielleicht, ja vielleicht war es ja dort, dass er selbst entrückt wurde, bis in den dritten Himmel. Und dass sich dadurch eine Welt - seine Welt - völlig verändert hat - auf den Kopf gestellt wurde. Dabei war das beileibe nicht seine einzige Vision, seine einzige Offenbarung. Nein, das Paradies selbst hat er gesehen - und es war dort so unaussprechlich schön, dass er es mit Worten, mit menschlichen Worten, gar nicht beschreiben kann.

Glücklich, liebe Gemeinde, wer ein solches Glück schon einmal erlebt hat. Wer einmal so verliebt war, dass er (oder sie) im siebten Himmel die Geigen spielen hörte. So selbstvergessen, dass er / sie nicht mehr wusste, ob er oder sie mit seinen / mit ihren Füßen noch auf der Erde stand, oder ganz woanders. Glücklich, wer ein solches Glück in seinem, in ihrem Leben schon einmal erfahren hat.

Doch gerade wer ein solches Glück schon einmal erlebt hat, der wei auch, dass man damit nicht hausieren gehen kann. Dass man es nicht benutzen kann, um etwas anderes damit zu beweisen. Ein solches Glück hat seinen Wert in sich. Es zählt für sich alleine. Es ist etwas Besonderes, etwas Wertvolles, auch etwas Zerbrechliches. Man kann nicht damit umhergehen - und es den anderen im Streit um die Ohren schlagen.

Der Apostel Paulus wei das - selbst mitten im Streit. Er bleibt nahe genug bei sich selbst, um an dieser Stelle Halt zu machen. Stop zu rufen, zu sich selbst und zu den anderen. Nicht darum kann es gehen, das Glück und die Größe vergangener Tage aufzurechnen - auch wenn dieses Glück noch so schön war. Nein, sich mit diesem Glück zu rühmen, wäre eine Narrheit, auch wenn es wahr wäre. Es würde alles in eine Schieflage bringen - würde dieses Glück entwerten, zerstören, indem man es zu einem Kampfmittel macht - so dass man am Ende auch nicht besser wäre, als die anderen.

Doch was dann? Gerühmt werden muss scheinbar - und kampflos will der Apostel Paulus den anderen nicht das Feld überlassen.

Und so kommt der Apostel Paulus auf etwas anderes zu sprechen, auf das, was wirklich zählt. Dabei bleibt er in der Niederlage bei sich selbst - sucht einen anderen Ort der Niederlage auf, den er schon von sich kennt - und fängt von dort an, Vergleiche zu ziehen. Mutig ist das - und offen. Statt sich im Streit zu verhärten, die Reihen zu schlieen, öffnet er sich und zeigt sich von der verletzlichen Seite. So fängt er gleichsam noch einmal von vorne an, und beginnt, von seiner Krankheit zu reden, mit der er geschlagen ist. Dreimal, so berichtet er, dreimal schon hat er zu Gott gebetet, dass dieser ihn von seiner Krankheit erlöst - die er mit einem Engel des Satans vergleicht, der mit seinen Fäusten auf ihn einschlägt. Dreimal hat er gebetet, gefleht, mit seiner ganzen Kraft, mit seinem ganzen Hoffen, seinem ganzen Glauben. Doch - hat es etwas genützt? Nein. Der Apostel erlebt hier sein Scheitern - sein ganz persönliches Waterloo. Er betet - doch sein Gebet nützt scheinbar nichts. Doch er gibt nicht auf. Er betet wieder - und wieder. Doch es bleibt umsonst. Diese Erfahrung des Scheiterns mutet er sich - und mutet sie den anderen zu - und zeigt sich darin von seiner verletzlichen Seite.

Traurig, liebe Gemeinde, wer in seinem Leben eine ähnliche Erfahrung wie der Apostel Paulus machen musste. Die Erfahrung, dass auch mit Gott manche Not nicht aufzuhalten ist. Dass alles Flehen, alles Bitten, alles Betteln, umsonst bleibt. Viele Menschen, die solche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, verbittern. Sie schlieen sich ein, in ihr Haus, in ihren Körper, in ihren Geist. Sie lassen niemand mehr hinein, kapseln sich ab.

Nicht so der Apostel Paulus. Er bleibt hellhörig, auch im Leid. Und so hört er, ganz leise, mitten in seinem Leid, eine Stimme. Eine Stimme, die zu ihm spricht. Von der Gnade - und von der Kraft. Von der Kraft, die nicht in den Starken wohnt, in den Gesunden, sondern bei denen wirksam wird, die am Boden liegen. Gottes Kraft ist es, die dort pulst, die dort lebt, die dort wohnt, wo wir sie nicht mehr vermuten. Der Apostel Paulus ist so glücklich über diese Erfahrung, dass - wenn er sich schon rühmen muss - im Wettstreit der Apostel - er sich dessen rühmen will: Seiner Schwachheit - und dass Gott auch dort wohnt, spürbar ist, mit ihm geht. Darauf, darauf allein will er setzen:
    
         "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Liebe Gemeinde
Wie gehen wir mit einer Niederlage um? Mit dieser Frage hat diese Predigt begonnen.  Trinken wir von dem Kakao, durch den uns die anderen ziehen - oder schlieen wir im Streit unsere Reihen und setzen auf Macht und Gewalt? Oder haben wir die Kraft, bei uns selber zu bleiben - ohne zu verhärten? Die Kraft, im Streit das richtige, das lösende Wort zu finden, in dem Gnade wohnt, so dass wir nicht an unseren Siegen zugrunde gehen, weil sie ohne Gnade sind?

Der Apostel Paulus hat damals - in seinem Streit, in seiner Niederlage - bei Gott diese Kraft gefunden, die ihm geholfen hat, nicht einfach das nachzumachen, was alle anderen getan haben, sondern mit seinen Stärken und Schwächen offener und gnädiger umzugehen und darin seinen ganz eigenen Weg zu finden.

         "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"

Diese Worte gab der Apostel damals den Menschen in Korinth mit, die am Ende auf ihn hörten, weil sie bei ihm etwas fanden, das die neuen Wanderapostel ihnen nicht bieten konnten. Eine Wahrheit, die über das Leid nicht einfach hinweg ging, sondern das sich gerade mitten im Leid als tragfähig erwies.

Möge Gott auch uns, in unseren Niederlagen, mit dieser Kraft der Gnade beistehen, damit wir in unseren schwachen Momenten nicht verbittern - sondern Gnade erfahren -und wir diese Erfahrungen der Gnade auch in unserer Stärke mit uns tragen - uns und den anderen Menschen zum Segen - und Gott zur Ehre. Amen.