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Erntedank 2018

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   Ertendankaltar

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Predigt zu I. Tim. 4, 4-5     (So. 7. Okt. 2018; Pfrin. Bärbel Wassmer)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne, reden und hören. Amen

Liebe Gemeinde,

der Predigttext zum heutigen Erntedanktag steht im 1. Brief an Timotheus, Kapitel 4, die Verse 4-5:

Denn alles, was von Gott geschaffen ist, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Liebe Gemeinde,

heute, am Erntedanktag, danken wir ganz besonders für das, was in diesem Jahr gewachsen ist. Das versteht sich von selbst. Und das sehen wir ja auch, ganz anschaulich und schön in der Mitte liegen.

Doch hinter dem Danken steckt noch mehr - und das bedeutet, dass alles Gewachsene und Schöne, was wir heute hier in der Mitte sehen können, wie ein Platzhalter ist für das, was an Arbeit und Liebe noch alles dahinter steckt und für das wir mindestens genauso dankbar sein können.

Das Lied vom Bauern, der die Ernte einfährt, das wir eben gesungen haben, gibt schon erste Hinweise auf diesen Zusammenhang, denn es dreht sich sozusagen im Kreis um das, was der Bauer nach Hause bringt. Wer anfängt nachzudenken, kommt von der Ernte, die der Bauer heimfährt zum Wagen, ohne den das gar nicht ginge. Von denen, die den Wagen bauen und die Bretter sägen bis zur Bäckerin, die das Pausenbrot backt - und dann wieder zurück zum Mehl, das sie fürs Brot braucht, zum Müller, der das Mehl aus Korn mahlt, zum Bauern, der die Körner auf seinem Feld ausgesät hat. Es ist ein Geben und ein Nehmen, denn niemand hat’s allein gemacht wofür wir am Ende dankbar sind.

Erntedank ist deshalb in jedem Jahr eine Erinnerung daran, dass wir nie nur aus uns selbst leben und aus dem was wir selbst können, sondern dass wir immer auf andere und auf das, was Gott uns schenkt angewiesen sind. Manchmal mehr, manchmal weniger - doch es geht durch alle Generationen. Die einen brauchen die anderen und was uns so geschenkt wird, von Gott und von den anderen, dafür können wir dankbar sein.

Der heutige Predigttext fügt diesen Gedanken zum Danken noch einige wesentliche Aspekte hinzu, die uns vielleicht nicht immer so bewusst sind.

Wie schreibt Paulus so schön an Timotheus:

Denn alles, was von Gott geschaffen ist, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Nun sind diese Zeilen des Paulus kein Brief zum Erntedankfest. Sie haben einen ganz anderen Hintergrund. Es gab nämlich Streit in der Gemeinde, sowohl ums Essen und Trinken - als auch um die Lebensformen. Und es gab eine Fraktion im Umkreis von Timotheus, die sozusagen eine asketische Lebensform verlangt hat. Sie verlangten von den Christinnen und Christen, bestimmte Speiseregeln einzuhalten, also auf manche Speisen ganz zu verzichten und auerdem noch, ehelos zu leben. Sozusagen sture Enthaltsamkeit, Absage an jede Form von Genuss und die Forderung, Christen sollten allein leben, ganz ohne Partnerschaft und Ehe.

Wie wunderbar, dass Paulus den Timotheus ermutigt, solchen Leuten ganz selbstbewusst entgegenzutreten und stattdessen eine Haltung der Dankbarkeit einzunehmen, für alles, was uns von Gott geschenkt ist, die ganze Schöpfung, alles was wächst und lebt und auch einander in erfüllten Beziehungen mit allem, auch der Sexualität, die dazu gehört, genießen zu können.

Paulus ermutigt Timotheus zur Dankbarkeit für alles, für Essen, für Trinken und für erfüllte Beziehungen statt Ehelosigkeit und Einsiedlertum.

Das biblische Argument, das Paulus in seinem Brief mitliefert, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und wahrscheinlich ist Ihnen der Wink mit dem Zaunpfahl in diesen Sätzen auch schon aufgefallen. Paulus schreibt ganz bewusst:

Denn alles, was von Gott geschaffen ist, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Wer sich auch nur ein wenig in der Bibel und vor allem ganz am Anfang der Bibel auskennt, dem wird das kleine Wörtchen gut in den Ohren weiter klingen.

Denn natürlich spielt Paulus hier auf die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose an.

An die bekannte Geschichte, in der ein Schöpfungstag nach dem anderen erzählt wird, davon wie Gott Wasser und Erde, Licht und Dunkelheit, alle Tiere und Pflanzen und am Ende ein menschliches Erdenwesen geschaffen hat - und sich am Ende jedes einzelnen Schöpfungstags das kleine Sätzchen wiederholt: Und Gott sah, dass es gut war - oder sogar sehr gut. Gut also ist die ganze Schöpfung.

Nur bei dem menschlichen Erdenwesen, das ganz zum Schluss aus Erde geformt und dem von Gott der Lebensatem eingehaucht wird, da ist in der zweiten Schöpfungsgeschichte am Anfang noch nicht alles ganz gut.

Das Erdengeschöpf ist nämlich allein und sucht nach einem Gegenüber - und die Tiere und Pflanzen können dieses Gegenüber nicht sein, wie sich herausstellt. Und erst als Gott dieses erste menschliche Erdenwesen - das übrigens, so wie es beschrieben ist noch völlig geschlechtslos, also weder männlich noch weiblich ist - erst als Gott dieses erste Erdenwesen in Tiefschlaf versetzt und aus dem einen Erdling zwei Erdlinge macht, von denen dann tatsächlich eins männlich und eins weiblich ist, erst dann ist es wirklich gut mit den Menschen.

Denn beide haben nun ein Gegenüber, eine Hilfe für ihr Leben. Sie müssen gar nicht allein und asketisch und unabhängig auskommen, sondern sie können dankbar sein, alle beide, dass sie einander haben.

Ganz ähnlich übrigens, wie es dann im Lebenslauf der Erdenwesen weitergeht. Jedes kleine Menschlein wird komplett hilfsbedürftig geboren und braucht die Hilfe seiner Eltern. So ein kleines Menschlein muss getragen und gefüttert, gewickelt und gestreichelt werden und niemand von uns wäre heute da, hätte es nicht Menschen gegeben, die uns das alles geschenkt haben. Die uns getragen und gefahren und geliebt und genährt haben, bis wir etwas mehr allein konnten. Doch ganz allein kommt auch dann niemand durchs Leben. Ohne Freundinnen und Freunde, ohne Partnerinnen und Partner wäre das Leben nicht das was es ist, nämlich gut. Und auch am Ende eines Lebenslaufs wird es wieder so sichtbar wie am Anfang. Denn wenn wir die Freude haben, alt zu werden - dann gehört dazu auch, dass wir uns daran gewöhnen, wieder mehr Hilfe anzunehmen. Denn es kann sein, dass es uns dann geht wie am Anfang unseres Lebens. Das ist dann ein bisschen: "werden wie die Kinder" - und ich bin inzwischen überzeugt davon, dass gutes Altwerden zwar kein Kinderspiel ist - aber trotzdem viel damit zu tun hat, sich dankbar zu erinnern, was alles gut war im Leben und voller Humor Hilfe anzunehmen. Denn es ist völlig selbstverständlich und gut, dass Menschen nicht nur Anfang ihres Lebens, sondern auch im Alter besonders darauf angewiesen sind, dass sie gefahren und gestreichelt und gut gepflegt werden. Dass sie Menschen haben, die um sie herum sind, mit ihnen reden und singen und Geschichten erzählen und was sonst noch alles dazugehört.

Wie feiern wir also heute Erntedank?

Wir danken für alles, was in diesem Jahr gewachsen ist. Und wir schauen auerdem darauf, was alles noch darin und dahinter steckt an Arbeit und Liebe.

Wir danken nicht nur für Äpfel, Kartoffeln und Weizenmehl. Wir danken heute besonders für die Menschen, die unser Leben täglich begleiten und für die, die uns von Anfang an auf dieser Erde willkommen geheien und geliebt haben. Und genauso für die, die in den mittleren Jahren und Alter für uns da sind und an unserer Seite stehen. Wir danken für Eltern und Kinder, für Großeltern und liebe Kolleginnen und Kollegen, für alle Menschen, die uns eine Hilfe sind.

Denn Paulus hat recht. Es ist gut so, dass der Mensch nicht allein ist. Es ist gut so, dass niemand von uns alles kann.

Wir haben Hilfe nebenan, ob wir nun jung oder alt sind. Eigentlich kommt es, ganz egal in welchem Alter, eher darauf an, ob wir Hilfe annehmen können.

Wer perfektionistisch denkt, hat damit oft besondere Schwierigkeiten. Perfektionistinnen und Perfektionisten wollen alles allein machen und perfekt soll es dann auch noch sein.

Wie erleichternd ist es da, wenn Paulus sagt, dass "gut" nicht perfekt bedeutet.

Denn "gut" ist die Schöpfung Gottes tatsächlich dadurch, dass die einen das eine und die anderen das andere gut können - und dass sie miteinander viel besser zum Ziel kommen als alleine, weil sie sich gegenseitig helfen können.

Wie also sagt Paulus?

Denn alles, was von Gott geschaffen ist, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Danken wir heute dafür, dass unser Leben gut gemacht ist, genau dadurch, dass die einen die anderen brauchen und beten wir dafür, dass wir hinter dem, was wir sehen, auch das sehen können, was uns von Gott geschenkt ist.

Weil niemand von uns alles kann, gab Gott uns Hilfe nebenan. Drum was ein Mensch so baut und schafft, verdankt er nicht nur eigner Kraft.

Wir verdanken es der Liebe Gottes, die höher ist, als unsere Vernunft.

Amen

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  Letierwagen

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(Diese Predigt ist Eberhard Malitius gewidmet, dessen Erntedanklied: "Der Bauer fährt die Ernte ein.." mich zu dieser Predigt inspiriert hat.)

Das Erntedanklied wird vor der Predigt mit der Gemeinde gesungen.

Nach der Predigt wird es ein zweites Mal gesungen. Dabei fahren Kinder/Jugendliche/ Erwachsene einen Leiterwagen mit Erntedankgaben im Kreis um die Erntedankmitte herum, die nächsten Runden machen dann der Fabrikarbeiter oder die Fabrikarbeiterin mit Werkzeug, der Schreiner oder die Schreinerin mit einem Holzbrett, die Bäckerin oder der Bäcker mit dem Erntedankbrot und der Müller oder die Müllerin mit einem Paket Mehl)