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Predigt zu Gen. 4, 1-16a (So. 2. Sept. 2018; Pfr. ). Wassmer)

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.

Liebe Gemeinde
"Was ist richtig? Und was ist falsch?" Das ist keine einfache Frage im Leben. Schlielich kommt es immer darauf an ... auf die Umstände - auf die eigenen Möglichkeiten - auf dies - und auf das. Und trotzdem gibt es - in jeder Lage, in die wir geraten - ein Richtig und ein Falsch. Davon erzählt auch die Geschichte aus der Bibel für den heutigen Sonntag. Sie steht im ersten Buch Mose, Kapitel vier. Dort heißt es:

"Nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden erkannte Adam seine Frau Eva und sie wurde schwanger. Und sie brachte einen Sohn zur Welt und sagte: "Mit Hilfe des Herrn habe ich einen Mann hervorgebracht!" Und sie nannte ihn Kain. Danach bekam sie einen zweiten Sohn, den nannte sie Abel. Abel wurde ein Schafhirt. Kain aber wurde ein Ackerbauer.
 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain Gott, dem Herrn, ein Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte Gott ein Opfer und nahm die Besten von seinen erstgeborenen Schafen seiner Herde. Und Gott, der Herr, sah Abel und sein Opfer gnädig an, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.
 Da stieg in Kain der Zorn auf und er blickte finster auf den Boden. Da fragte ihn Gott, der Herrn: "Kain, warum bist du so zornig? Und warum starrst du auf den Boden? Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben, aber wenn du Böses planst, dann lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Sei aber stark - und lasse dich nicht von der Sünde beherrschen, sondern herrsche du über sie."
 Doch Kain ging zu seinem Bruder Abel und sprach zu ihm: "Komm, und sieh dir meine Felder an!" Und als sie drauen auf den Feldern waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und schlug ihn tot. Der Herr aber fragte Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" "Was wei ich?" antwortete Kain, "Soll ich etwa der Hüter meines Bruders sein?"
 Gott aber sprach: "Was hast du getan? Hörst du nicht, wie das Blut deines Bruders von der Erde zu mir schreit? Du hast die Erde mit dem Blut deines Bruders getränkt, deshalb stehst du unter einem Fluch und musst das Ackerland verlassen. Wenn du trotzdem die Felder bearbeitest, werden sie dir in Zukunft den Ertrag verweigern. Als heimatloser Flüchtling sollst du auf der Erde umherirren."
 Kain aber sprach zu dem Herrn: "Meine Strafe ist zu hart, das überlebe ich nicht! Du vertreibst mich von meinem Ackerland und aus deiner schützenden Nähe. Als heimatloser Flüchtling muss ich umherirren. Ich bin vogelfrei, jeder kann mich ungestraft töten."
 Aber Gott, der Herr, sprach zu ihm: "Nein, ich beschütze dich. Wenn es jemand wagen sollte, dich zu töten, so sollst du siebenfach gerächt werden!" Und Gott, der Herr, machte ein Zeichen an Kain, damit jeder wusste: Kain steht unter dem Schutz des Herrn. Danach musste Kain von dem Angesicht des Herrn weggehen. So zog Kain nach Osten und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden."

Liebe Gemeinde
Was ist richtig? Und was ist falsch? Die Antwort auf diese Frage erscheint in dieser Geschichte einfach. Abel umzubringen war eindeutig falsch. Nur: Dies hinterher zu wissen, bringt uns nur wenig. Besser wäre es doch, wenn wir es schon vorher wüssten.
 Einer, der dazu helfen möchte, ist der Theologe Klaas Huizing, dem ich während meiner Zeit an der Universität in Heidelberg begegnet bin. Er selbst nennt sich einen "Präventiv-Ethiker". Sein Ziel ist es, Tendenzen, die auf Schuld und Sünde zielen, schon im Vorfeld zu entschärfen.
 Er hat dazu eine eigene Ethik entworfen, also eine Lehre dessen, was richtig ist und was falsch - und wie wir das Richtige tun können - und das Falsche lassen.
 Dabei geht er in seiner Ethik ganz neue Wege. Er will diese Ethik nämlich auf ein Gefühl aufbauen.

"Was?", mögen Sie einwenden, "Sind solche Gefühle nicht viel zu wankelmütig, viel zu flüchtig, um darauf etwas so Stabiles aufzubauen, wie eine Lehre von Richtig und Falsch? Und zeigt nicht gerade die Geschichte von Kain und Abel, wohin wir kommen, wenn wir uns auf unsere Gefühle verlassen? Schlielich hat sich Kain - angestiftet von dem Neid in seinem Herzen - also von einem Gefühl - dazu hinreien lassen, seinen Bruder Abel zu erschlagen?"
 "Nun", würde Klaas Huizing vielleicht dazu sagen. "Es geht natürlich nicht mit jedem Gefühl. Neid,  Hass, Wut, ... darauf lässt sich keine Ethik aufbauen.
"Worauf dann?", mögen Sie fragen. "Vielleicht auf positive Gefühle wie Liebe oder Mitgefühl?"
 Aber auch da würde Klaas Huizing nur den Kopf schütteln. Schlielich hat dies schon einmal jemand versucht: der Philosoph Arthur Schopenhauer. Er baute vor über 200 Jahren seine Ethik auf dem Gefühl des Mitgefühls auf und erlitt damit schon bald Schiffbruch. Denn so wesentlich dieses Gefühl für unser Menschsein auch ist, so ist es doch nicht immer und überall gleich. Zudem verflüchtigt es sich schnell, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind - also leicht abstumpfen und das nicht erst heute, in unserer modernen Welt der Medien, die eine solche Abstumpfung durch die vielen Unglücksberichte aus aller Welt noch fördert.

Was aber dann? Welches Gefühl soll es dann sein? "Eines, das universal ist", würde Klaas Huizing antworten, "Eines, das jeder Mensch hat, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Für ihn ist die Scham ein solches Gefühl. Jeder Mensch kennt sie, bis hin zu den köperlichen Reaktionen. Dem Zittern, dem Rot anlaufen des eigenen Kopfes, den flatternden Knien. Sie tritt auf, wenn wir uns vor uns selbst oder vor anderen "blogestellt" fühlen. Wenn wir dabei ertappt werden, eine Norm zu übertreten, die uns selbst wichtig ist - oder die in der Gruppe wichtig ist, der wir angehören - oder angehören wollen.

Wer kennt das nicht? Vor allem aus der Zeit des Heranwachsens, in der so gut wie alles mit Scham besetzt war, das uns begegnete. Schlielich ist dies eine Zeit, in der wir uns selbst erst finden mussten - unsere eigene Identität, unsere eigene Rolle als Mann oder Frau, unser Idealbild von uns selbst, das noch schwankt, dem wir aber um jeden Preis genügen wollen - um auf uns selbst stolz sein zu können.  

Diese Scham nun, die jede und jeder kennt, rückt Klaas Huizing in die Mitte seiner Ethik. Denn, so sagt er, diese Scham hilft uns zu erkennen, was richtig ist und was falsch. Dabei kommt Klaas Huizing auch auf die Geschichte von Kain und Abel zu sprechen. Er sagt: "Gott konfrontiert in dieser Geschichte Kain mit seiner eigenen Scham. Gott beschämt Kain, wenn er zu ihm sagt, dass er seine Gefühle nicht im Griff hat. Nicht seinen Neid. Nicht seine Eifersucht auf seinen jüngeren Bruder, noch seinen Hass, der in seinem Herzen immer größer wird. Doch zugleich will Gott Kain damit helfen. Denn Gott sagt zu ihm: "Tu etwas, bevor es zu spät ist."

Aber was macht Kain? Stellt er sich der Aufgabe, die Gott ihm stellt? Sagt er zu Gott: "Ja, du hast recht. Da ist etwas in mir, das nicht gut ist."? Hat er die Fähigkeit, sich zu schämen und sein Verhalten zu ändern?

Die Antwort kennen Sie. Nein. Er schafft es nicht. Statt dessen lässt Kain die Stimme Gottes in seinem Gewissen links liegen und folgt seinen dunklen Gefühlen. Er verschiebt die Scham in die Schuld, sagt Klaas Huizing, weil er - Kain - meint, damit leichter leben zu können.
 Dass er damit nicht weit kommt, erzählt die Geschichte aus der Bibel konsequent zu Ende. Kain verliert alles, was ihm wichtig ist. Er muss fliehen und kann am Ende froh sein, dass Gott sein Leben schützt.

Und doch - wenn wir ehrlich sind - sind wir Kain gar nicht so unähnlich, wie es wir gerne wären. Denn dort, wo wir Menschen uns eigentlich schämen sollten, wo unser eigenes Verhalten beschämend ist, hören auch wir nicht immer auf die Stimme Gottes in unserem Gewissen, sondern schieben diese Stimme weg. "Ach was", sagen wir, "das machen doch alle so", verharmlosen wir unser Verhalten. Oder wir finden tausend andere Gründe, warum das, was wir machen, nicht so schlimm ist. Nicht so schlimm jedenfalls, wie das, was all´ die anderen machen.

So vergeben wir unsere Chance, sagt Klaas Huizing. Denn diese Scham könnte uns warnen, so wie sie Kain gewarnt hat. Dieses Scham  - wenn wir sie nicht verdrängen - könnte uns helfen, schon im Vorfeld unser Verhalten so zu ändern, dass wir uns hinterher nicht mehr zu schämen bräuchten. Weil wir es rechtzeitig geschafft haben, die Dinge richtig zu machen.

Von daher, liebe Gemeinde, kann ich der Idee von Klaas Huizing durchaus etwas abgewinnen. Scham kann uns Menschen helfen, das Richtige zu tun.

Trotzdem habe ich mich damals in Heidelberg heftig mit Klaas Huizing über seine Ideen gestritten. Denn letztlich bin ich ganz anderer Meinung als er. Ich glaube, er will mit seiner Idee zwar hoch hinaus, springt am Ende aber viel zu kurz. Denn ich glaube, dass so wie das Mitgefühl, auch die Scham nicht bei allen Menschen gleich ist, sondern anerzogen wurde. Warum sich Menschen schämen, hängt von der Kultur ab, in der sie aufwachsen. So kann die Scham zwar immer ein Warnzeichen sein, aber manchmal eben auch ein falsches. Weil es auch eine falsche Scham gibt.

Ich habe eine solche falsche Scham in meiner Zeit im Zividienst im Krankenhaus kennen gelernt, als ich andere Menschen gepflegt habe. Diese Aufgabe war für mich als junger Mann nicht immer einfach. Nicht immer habe ich dabei richtig reagiert. Zum Teil, weil mir eine falsche Scham im Weg stand. Diese falsche Scham hinderte mich daran, im richtigen Moment selbstverständlich die Hand auszustrecken, weil ich Angst hatte, dem anderen dabei zu nahe zu kommen. Ich wollte ihn aus Scham nicht berühren. Obwohl es nötig gewesen wäre. So musste ich diese falsche Scham erst ablegen, um den Menschen helfen zu können. Dafür lernte ich mich an anderen Stellen zu schämen, wenn ich Menschen auf falsche Weise zu nahe trat. Denn auch das gab es.

Für mich war diese Zeit im Krankenhaus damals eine wichtige Zeit. Denn ich begriff,  dass wir Menschen nicht nur dafür verantwortlich sind, nach unserem Gewissen zu handeln. Nein, wir sind auch dafür verantwortlich, ein eigenes Gewissen auszubilden. Damit dort, in diesem Gewissen, richtig auch richtig ist, und falsch falsch.

Darum bin ich froh um Geschichten wie die von Kain und Abel. Weil sie von den Gefühlen erzählen, die wir Menschen haben, von den guten Gefühlen, wie die auch den Bösen, sie diese Gefühle aber trotzdem nicht zum Mastab für unser Leben machen. Statt dessen erzählen sie von den Werten, die von Gott her kommen und die universal sind, wie zum Beispiel der Schutz des Lebens. So universal, dass Gott selbst das Leben derer schützt, die gegen diese Werte verstoen.

An diesen Werten, liebe Gemeinde, richtet sich unser Gewissen aus. An ihnen schärft es sich und wächst es, und an ihnen entlang kann sich auch unsere Scham entwickeln, die uns hilft - ganz im Sinne von Klaas Huizing - manches schon im Vorfeld richtig zu machen, so dass es uns so erspart bleibt, am Ende so wie Kain vor einem Scherbenhaufen zu stehen.

Denn nicht, wer sich für nichts mehr in seinem Leben schämt, ist bei Gott angesehen, noch der, der sich in falscher Scham von allem Möglichen peinlich berührt fühlt, sondern der, der sich schämt, wenn er gegen die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verstöt, die Gott uns Menschen vorlebt und aus dieser Scham Konsequenzen für sein Leben zieht.

Zu einer solchen Scham, die uns zum Leben führt, helfe uns der gute Gott. Amen. 

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Mehr zum gleichen Thema unter: Fragen des Glaubens - Was sollen wir tun?