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Predigt am Sonntag Invokavit

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Predigt zu Gen. 32, 25-30 (18.2.2018, Singen, Pfrin. Bärbel Wassmer) 

Einstieg in die Aktion: Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes  
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Gott segne Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

"Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen."
Das Motto der Aktion "Sieben Wochen ohne" hat es in diesem Jahr in sich.
Es geht genau genommen um eine große Portion Mut. Um den Mut, sich zu zeigen, um den Mut, sich nicht wegzuducken, nicht zu kneifen.

Seit ich mich mit diesem Motto beschäftige, ist mir klar geworden, dass diese Sorte Mut im Alltag dauernd gefragt ist. Und dass die meisten Menschen nicht so besonders mutig sind, mich eingeschlossen, sondern ganz gern mal untertauchen und unauffällig in der Masse mitschwimmen, statt sich klar zu äuern und damit angreifbar zu machen. Und natürlich sind manche Menschen mutiger und manche zurückhaltender.

Ich habe in einem Test sieben Fragen dazu gelesen.
Nur so zum Beispiel zwei Situationen daraus. Was würden Sie tun?

Angenommen, Sie sind in einer Besprechung und eine ihrer Kolleginnen trägt etwas unbeholfen eine gute Idee vor. Eine andere, sehr beliebte Mitarbeiterin geht schnell darüber hinweg und sagt: "Na, sie wollen hier wohl das Rad neu erfinden, was?"
Und schon ist die gute Idee unter den Tisch gefegt.

Was machen Sie?
Springen Sie mutig der unbeholfenen Kollegin bei und sagen laut: "Moment mal, ich fand den Vorschlag gerade eben gut. Lasst uns mal darüber reden!"
Oder kneifen Sie und denken resigniert: "Wie oft hab ich das schon erlebt, wer nicht so gut reden kann, wird übergangen"
Oder nehmen Sie sich vor, die Kollegin  mit der guten Idee noch einmal im Stillen beiseite zu nehmen und mit ihr zu reden?

Und noch eine zweite Situation aus den sieben Fragen. Was würden Sie hier tun. Sie haben zwei Wochen vorher einer Angestellten in der Bücherei, die Sie sowieso etwas seltsam finden,  ordentlich die Meinung gesagt, weil sie Ihnen ein Buch in Rechnung stellen wollte, das Sie schon längst abgegeben hatten - dachten Sie. Bis Sie es heute unter Ihrem Sofa entdeckt haben. Was machen Sie? Versuchen Sie, zu kneifen und das Buch beim nächsten Mal ganz unauffällig abzugeben, vielleicht hat sie es ja vergessen, oder sie geben das Buch einem anderen zum Abgeben mit? Oder bleiben Sie aufrecht, nehmen allen Mut zusammen und entschuldigen sich beim nächsten Mal persönlich bei der Angestellten, ganz egal wie unangenehm es Ihnen ist.  

Spannend ist nun, wie es in der Bibel aussieht, mit dem Zeig dich! Und dem "Nicht Kneifen". Wie jedes Jahr ist jeder der sieben Wochen vor Ostern eine biblische Geschichte zugeordnet. Und wenn ich mir die sieben Geschichten so anschaue, dann befinden wir uns da in guter Gesellschaft bei denen, die sich eher wegducken. Das fängt bei Adam und Eva im Paradies an, die sich lieber gegenseitig die Schuld zuschieben und vor Gott verstecken, statt zuzugeben, dass sie die verbotene Frucht gegessen haben. Und es geht weiter bei Petrus, von dem wir vorhin in der Lesung gehört haben, dass er sich dreimal wegducken wird, bevor der Hahn kräht, oder beim Propheten Jona, der lieber mit dem Schiff in die ganz falsche Richtung fährt, um der Stadt Ninive keine unangenehmen Wahrheiten sagen zu müssen. Die Mutigen scheinen auch in der Bibel in der Minderzahl zu sein. Doch sie kommen vor, so wie der Barmherzige Samariter, der nicht zögert, zu handeln, als er einen misshandelten Mann auf der Straße findet - oder wie die mutige Frau in Bethanien, die Jesus mit kostbarem Öl salbt, ohne sich um die bissigen Kommentare der anderen zu kümmern.

Eröffnet wird diese erste Woche der Sieben Wochen ohne Kneifen und sich Zeigen aber mit einer der geheimnisvollsten Geschichten der Bibel. Die Hauptperson ist Jakob - und ihm zeigt sich Gott in einem geheimnisvollen Zweikampf mitten in der Nacht.

Kennen Sie Jakob? Er gehört bis zu dieser Nacht eher zu denen, die sich immer so durchschlängeln. Jakob, das ist der, der seinen älteren Bruder Esau und seinen Vater austrickst, als es um den Erstgeburtssegen geht. Daraufhin muss er die Flucht aus seiner Heimat ergreifen. Er schlägt sich weiter durch, wird diesmal selber ausgetrickst, weil er plötzlich mit der Schwester der Frau verheiratet wird, die er eigentlich heiraten wollte. Letztendlich ist er erfolgreich, wird reich, hat zwei Frauen, viele Kinder. Aber nun will er heim - und er hat Angst, obwohl es viele Jahre her ist, wie ihn sein Bruder Esau empfangen wird.
Er trifft alle möglichen Vorkehrungen, schickt alle voraus und bleibt mitten in der Nacht am Flussufer des Jabbok zurück. Ganz allein. In dieser Nacht muss sich Jakob plötzlich stellen. Er, der so oft ausgewichen ist und sich durchgeschummelt hat, muss jetzt Standfestigkeit beweisen. Jakob kämpft. Doch hören Sie selbst, aus dem 1. Buch Mose, im 32. Kapitel, ab Vers 25:  

Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde beim Ringen mit ihm verrenkt. Und  der andere sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht los, auer du segnest mich. Der andere sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Der andere sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heien, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heie? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob nannte die Stelle Pnuel; Angesicht Gottes; denn er sprach, ich habe Gott von Angesicht gesehen und doch wurde mein Leben gerettet.

Was für eine Nacht und was für ein Ringkampf am Flussufer.
Es ist rutschig und abschüssig und beide finden keinen festen Stand.
Sie ringen, sie rutschen, sie liegen halb im Wasser und kriechen wieder ans Ufer. Und richten sich aneinander auf, nur um sich wieder zu Boden zu werfen. Eine ganze Nacht lang geht das so, mit erschöpften Pausen dazwischen.

Jakob hält dagegen. Bis er einen Schlag unter die Gürtellinie bekommt. Und trotzdem klammert er sich weiter an den anderen. Da wird aus dem stummen Ringen ein Gespräch. Keuchend bitten sie einander: Lass mich doch gehen. Es wird schon hell.
Nein, segne mich zuerst. Dass es nicht dunkel bleibt über meinem Leben, antwortet Jakob. Und der andere tut es. Im Licht der Morgensonne steht Jakob schlielich am Ufer, müde, schmutzig und erschöpft, mit zitternden Knien und schmerzender Hüfte. Und hinkt langsam davon.

Was für eine sperrige Geschichte davon, wie Gott sich zeigt.
In ihr verliert man selber den sicheren Stand, und auch das eigene Bild von Gott gerät ins Rutschen. Gott zeigt sich Jakob am Fluss Jabbok. Aber nicht einmal der Erzähler ist sicher, ob das wirklich Gott ist. "Der Andere" heißt es nur. Der Andere ist gewalttätig und hartnäckig. Nicht ganz fair. Schlägt zu und entzieht sich. Weicht immer wieder aus, nicht nur bei der Frage nach seinem Namen und ob er denn nun Gott ist oder nicht.

Wie Gott sich in meinem Leben zeigt und zu meinem Gott wird, das erzählt diese Geschichte. Und sagt ganz unverblümt: Pass auf. Da kommt manchmal etwas auf dich zu und dann musst du kämpfen. Und du weit im Dunkeln noch nicht einmal, mit wem du kämpfst.

Dabei liegt ja eigentlich schon eine ganze Menge Kampf hinter Jakob. Ein großes Stück gelebtes Leben, viel Arbeit, manche Enttäuschungen. Um seine Frau, um seine Kinder, um Land und Vieh musste er immer wieder kämpfen. Ein Ringen ist Jakobs Leben. "Ich will dich behüten, wo du auch hinziehst", hate Gott im Traum zu ihm gesagt. Aber manchmal hat es sich wie ein Alptraum angefühlt.
 
Und nun diese Nacht. Eine Nacht lang Ringkampf. Das ist eine Schlüsselszene für Jakob. Hier kommt alles zusammen: Seine Vergangenheit, seine ungewisse Zukunft.  Und Jakob hält stand. Er ist schmutzig und verletzt, aber er klammert sich an Gott. Gott hat schlielich zugelassen, dass ihm das alles geschieht. Gott ist dieser Andere, fremd und unheimlich. Aber er ist da.

Sicher gibt es hellere und freundlichere Geschichten in denen Gott sich Menschen zeigt. Aber auch diese Nachtgeschichte gehört dazu. Sie führt von den grünen Auen und vom frischen Wasser, an dem wir gerne immer unterwegs wären, weg, hinunter an einen dunklen Fluss. Es ist eine Geschichte für alle, die auch schon manche Nacht gerungen haben, mit ihrem Leben und mit Gott.
Eine Geschichte für die, die auch schon mancher Schlag unter die Gürtellinie getroffen hat. Diejenigen, die deshalb wütend sind auf Gott und sich doch an ihm festhalten.

Denn auch so zeigt sich Gott. Wir ringen mit ihm in der Nacht. Seine Nähe tut manchmal weh, wir gehen hinkend in den neuen Morgen oder den neuen Lebensabschnitt, doch wir haben Gott nicht losgelassen und Gott lässt uns nicht los, sondern ist da und segnet uns.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete sieben Wochen vor Ostern.
Sieben Wochen, in denen Sie so oft es geht den Mut fassen, sich ganz offen zu zeigen und für das einzustehen, was Sie bewegt, ohne zu kneifen.
Sieben Wochen, in denen Sie sich an Gott fest halten, der uns im Dunkeln nicht loslässt , sondern segnet.
Sieben Wochen, an deren Ende sogar drei dunkle Nächte stehen, in denen Jesus Christus mit dem Tod gerungen hat - und ein Ostermorgen, an dem das Leben über jede dunkle Todesnacht siegt. Amen.

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Literaturhinweis:
Fragen zum Test habe ich entnommen aus: Zutaten. Themenheft zur Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018, Edition Chrismon, Leipzig 2017, S. 8ff
Auerdem habe ich profitiert vom Andachtsimpuls von Kathrin Oxen, ebda, S. 33