Bonhoefferzentrum
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Geschichten und Bilder

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♦ Der Mann, der nur sich selbst sah

Ein Mann war sehr gläubig. Er vertraute auf Gott und sprach: „Gott wird mich nie im Stich lassen." Doch dann wurde er  krank. Da rief er: „Was soll ich noch an Gott festhalten, wenn er sich doch gar nicht um mich kümmert?" Und er legte seinen Glauben ab.

 Der Mann redete auch sehr gern. Aber eines Tages bekam er mit seiner Nachbarin Streit und sie sagte einige böse Worte zu ihm. Auch er hielt sich nicht zurück, so dass der Streit immer schlimmer wurde. „Was soll ich noch reden ...", fragte sich der Mann, als er später über den Streit nachdachte, „... wenn doch alle Worte immer nur in den Streit führen?" Und er beschloss, ab jetzt nicht mehr zu reden.

 Der Mann aß auch gern. Leidenschaftliche Stunden verbrachte er hinter dem Herd, um sich zu verwöhnen. Doch dann kaufte er versehentlich ein Stück verdorbenes Fleisch. Als er davon aß, spuckte er es angewidert aus. „Was soll ich noch essen ...", sagte er zu sich, „... wenn das Essen doch so schlecht ist?"  Seit diesem Tag aß er nichts mehr.

 Kurze Zeit darauf verstarb er, entkräftet und stumm. Obwohl er nicht an Gott glaubte, hatte Gott ein Einsehen und ließ den Mann zu sich rufen. „Was hast du dir dabei gedacht ...", fragte er den Mann, „... bei jeder kleinen Enttäuschung gleich aufzugeben?"  Doch der Mann sah Gott nur mit großen Augen an. „Dich gibt es ja wirklich ...", stammelte er. „Ja, und ich rede auch", erwiderte Gott. „Auch habe ich euch Menschen eine wunderschöne Welt geschenkt, mit unendlich vielen Möglichkeiten zum Leben. Warum hast du dieses Geschenk nicht angenommen?"
 Da senkte der Mann beschämt seinen Kopf. „Weil ich immer nur mich selbst sah ...", antwortete er traurig. „... und dich und die Welt darüber aus den Augen verlor."

 

Schneckenhaus 

♦ Die Könige und die junge Frau

Zu einer Zeit, als noch jeder Mensch in seinem Leben einen Wunsch frei hatte, lebten einmal drei Könige.
 Der erste König wünschte sich, mächtig und stark zu sein, so dass alle Welt ihn fürchtete.
 Der Zweite wünschte sich, reich zu sein, so dass er sich alles kaufen konnte, was ihm vor Augen kam.
 Und der Dritte wünschte sich, klug zu sein, so dass kein Geheimnis in der Welt vor ihm verborgen blieb.
 Viele Jahre lebten die drei Könige in ihrem Königreich und jeder wurde auf seine Weise berühmt. So lud der Kaiser sie zu sich an seinen Hof ein. Dort trafen sie eine wunderschöne junge Frau, in die sie sich alle drei verliebten.
 Der erste König sprach: „Komm mit mir, und ich werde dir mein Königreich zu Füßen legen. Alle Menschen werden dich fürchten und vor dir niederknien."
 Der zweite König sprach: „Nein, komm mit mir. Alles, was dein Herz begehrt, wirst du von mir bekommen. Diamanten und Edelsteine, so groß wie eine Apfelsine. Es soll nichts geben, was du nicht von mir bekommen kannst."
 Der dritte König war klug und versuchte die junge Frau mit Komplimenten zu umgarnen: „Höre nicht auf diese beiden Männer, sondern komm mit mir. Du bist so schön, wie die Sonne. So liebreizend, wie eine Lilie. So anmutig, wie ein Reh, das zum ersten Mal das Licht des Tages erblickt. Wenn du mit mir kommst, wird jeder Tag so sein, als ob die ganze Welt dir und deiner Schönheit zu Füßen liegt."
 Aber die junge Frau schüttelte nur den Kopf. „Ihr könnt meine Liebe nicht kaufen.", sagte sie. „Weder mit Macht, noch mit Geld oder Klugheit."
 „Aber warum?", fragte der erste König.
 „Weil Liebe immer Gnade ist. Und nichts, mit dem man handeln kann!", erwiderte die junge Frau.
 „Und hat jemand bei dir bereits diese Gnade gefunden?", fragte der kluge König.
„Ja!", die junge Frau nickte. „Der Platz in meinem Herzen ist vergeben! Ich liebe jemand anderen."
 „Wie ist dieser beneidenswerte Mann?", wollte der zweite König wissen.
 „Er ist nicht so reich, wie du. Und auch nicht so mächtig oder klug, wie ihr beide. Aber als ich ihn zum ersten Mal sah, lächelte er mir zu und in meinem Herzen ging die Sonne auf. Seit diesem Tag bin ich in ihn verliebt. Und ich habe bisher keinen Tag davon bereut.
Als die drei Könige die Worte der Frau hörten, gingen sie traurig nach Hause. Dort überdachten sie ihre Wünsche an das Leben noch einmal. Weil sie ihren Wunsch aber nicht mehr rückgängig machen konnten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als das, was sie wirklich von Herzen wollten, mühsam zu erlernen. Und das taten sie dann auch. Sie lernten so fröhlich aus ihrem Herzen heraus zu lachen, dass bei den anderen Menschen die Sonne aufging. Und so fanden sie jeder für sich doch noch das Glück.

 

Steinfigur

 

♦ Von der Freude

Ein alter Mann saß mit seiner Frau beim Abendessen. Sein Bein tat ihm weh, wie schon öfter in der letzter Zeit und er beschwerte sich bei seiner Frau über sein Leben. Darüber, wie arm sie beide waren und dass ihr Leben schon so gut wie vorbei war. „Für uns gibt es keine Hoffnung mehr", sagte er resigniert. „Nicht in dieser Welt, in der unser König die Welt mit immer neuen Kriegen überrollt und in der wegen der vielen Steuern und Abgaben, die sich der König einfallen lässt, um seine Kriege bezahlen zu können, das Leben der Menschen immer nur schwerer wird." Doch seine Frau wollte ihm nicht zustimmen. „Gib´ die Hoffnung nicht auf!", sagte sie zu ihm. „Irgendwann kommt einer, der anders sein wird. Er wird das geknickte Rohr nicht zertreten, sondern es wieder aufrichten. Die Mächtigen aber, die nur an sich selbst denken, wird er vom Thron stürzen. Dann werden selbst so arme Leute wie wir wieder Grund zur Freude haben." „Ach was!", sagte der alte Mann, „Warum sollte ich mich noch freuen? Bis der Messias kommt, von dem du sprichst, bin ich längst schon gestorben."„Du hast Recht", erwiderte seine Frau, „Wenn du dich jetzt aufgibst, kannst du dich auch genauso gut gleich begraben lassen. Aber solange du noch hoffst, hast du zumindest noch die Hoffnung. Und solange du dich auf den Messias freust, und sei es auch nur ein klein wenig, hast du zumindest die Vorfreude. Und diese Vorfreude bleibt dir, selbst wenn du  es nicht mehr erlebst, dass der Messias kommt."
 Der alte Mann nickte. Dann machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Er musste noch auf das Feld, um dort die Schafe zu hüten. Die ganze Nacht. Doch während er, gestützt auf seinen Stock, einen Fuß vor den anderen setzte, gingen ihm die Worte seiner Frau nach. Die Vorfreude kann dir niemand nehmen, dachte er. Ja, das stimmt. Er dachte an die anderen Hirten draußen auf dem Feld, die dort mit ihm in der Kälte die Nacht verbringen würden. Zumindest haben wir uns, dachte er. Und freute sich schon ein wenig, sie zu sehen. Und wer weiß, wie wir alle jubeln würden, wenn er wirklich käme, der Messias, der dafür sorgen würde, dass auch Menschen wie er wieder geachtet würden und etwas wert waren, dachte er. Ja, das wäre wirklich eine Freude! Und in Gedanken daran tat ihm sein Fuß nur noch halb so viel weh. So ging er, Schritt für Schritt, von Bethlehem hinaus auf das Feld zu den Schafen. Und über ihm leuchtete hell ein Stern, so dass die Nacht nicht ganz so dunkel war, wie manch´ andere Nächte.

 

Eichhörnchen

 

Es ist, was es ist,
    sagt die Hoffnung

     Es ist umsonst,                              
     sagt die Erfahrung.
 
          Es ist, was es ist,                          
          sagt die Hoffnung.
 
     Es lohnt die Mühe nicht,
     sagt die Resignation.  
                                              
     Es ist nur ein Irrlicht.
     Nur ein falscher Schein
     am Horizont, sagt die Angst.
                                             
          Es ist, was es ist,
          sagt die Hoffnung.                       
 
     Es ist zu wenig,
     sagt die Verzweiflung.                  
     Es reicht nicht aus.
 
     Es ist kein Licht,
     am Ende des Tunnels,
     sondern nur der Zug,  
     der uns entgegenkommt.
     Denn die Katastrophe
     ist unausweichlich,
     sagt der Zynismus.
 
          Es ist, was es ist,  
          sagt die Hoffnung.                                           

          Es ist noch nicht da,
          aber es kommt.  
          Es ist noch klein,
          aber es wächst.                    
          Es hält uns eine Tür auf,
          durch die am Ende die ganze Welt hindurchgehen kann.
          Und auch, wenn man es jetzt noch nicht sieht,
          so ist es doch da.
 
          Es ist, was es ist,  
          sagt die Hoffnung.                                        

(Nach einem Gedicht von Erich Fried.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe)

 

Blatt

 

♦ Die drei Fragen an den weisen Mann

Ein Mann wusste in seinem Leben nicht mehr weiter und beschloss, einen weisen Mann aufzusuchen. Dieser sollte, so sagten die Leute, einem auf die drei wichtigsten Fragen im Leben eine Antwort geben können.
 Der Mann wollte den Weisen fragen, ob er seinen Job kündigen sollte, unter dem er schon seit Jahren litt. Auch wollte er wissen, ob er seine Frau verlassen sollte, weil er mit ihr nicht mehr die gleiche Liebe erlebte wie in seiner ersten Zeit und er wollte von dem Weisen wissen, ob er mit dem Lottospielen anfangen sollte, um so sein Glück zu machen. Dies schienen ihm die drei wichtigsten Fragen in seinem Leben zu sein. So brach er auf.
   Der Weise lebte in einem fernen Land, in einer kleinen Hütte auf einem hohen Berg. So war der Mann lange unterwegs. So lange, dass, als er bei dem Weisen ankam, sich seine drei Fragen bereits von selbst gelöst hatten. Seine ungeliebte Arbeit hatte er durch die lange Abwesenheit auf der Reise verloren und auch seine Frau hatte ihn wegen eines anderen verlassen. Die dritte Frage nach dem Lottospielen aber kam ihm mittlerweile so banal vor, dass er sich schämte, sie dem Weisen zu stellen.
   Dafür hatte der Mann auf der Wanderschaft Zeit gehabt, nachzudenken. Dabei war er auf drei neue Fragen gekommen, die er nun dem Weisen stellte.

Seine erste Frage lautete: „Was ist das Leben?" Der Weise überlegte eine Weile. Dann sagte er: „Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen."

„Was ist das Unglück?", fragte der Mann als Zweites. Wieder überlegte der Weise. Dann sagte er: „Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, aber angefüllt mit Verbitterung und Hass."

„Und was ist das Glück?", fragte der Mann als Drittes. Der Weise lächelte. Er sagte: „Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, aber gewürzt mit Hingabe und Liebe."

See Genezareth

 

♦ Der Traum

Ein Mann träumte, dass ein Engel zu ihm kam und ihn in den Himmel brachte. Dort stand er nun, direkt an der Eingangspforte und klopfte, um hereingelassen zu werden.
 „Was willst du?", fragte ihn Petrus, den Himmelsschlüssel in der Hand.
 „Ich will zu Gott!"
 „Dann komm doch herein!", antwortete Petrus freundlich.
 „Aber glaube ich dafür auch genug?", fragte der Mann ängstlich. „Schließlich zweifle ich manchmal an allem! Vielleicht bin ich ja gar nicht würdig, vor Gott zu treten?"
 „Komm herein!", wiederholte Petrus seine Worte. „Glauben und Zweifel sind zwei Seiten einer Medaille. Nur wenn du glaubst, kannst du auch zweifeln. Und nur wenn du zweifelst, kannst du auch glauben."
 „Aber kann dann hier einfach jeder so hereinkommen?", fragte der Mann.
 „Nein! Nein!", erwiderte Petrus lachend. „Ganz so einfach ist es auch nicht!
 Bevor du hier eintrittst, musst du deinen Egoismus ablegen, der so tut, als wärst du ganz allein auf dieser Welt.
 Du musst deinen Hass ablegen, den du gegen andere Menschen pflegst.
 Und dein Selbstmitleid, in das du dich manchmal versinken lässt, so dass dich niemand mehr erreichen kann."
 Der Mann überlegte. Dann sagte er: „Das scheint mir ein faires Angebot zu sein." Und er reichte im Traum Petrus alles, was ihn von Gott trennte. Danach betrat er erleichtert das Himmelreich.

Libellen 

♦ Der Blick in den Spiegel

Am fünften Tag der Schöpfung beschloss Gott, auf der Erde Leben zu schaffen. Alle Engel kamen zusammen, um Gott bei der Arbeit zuzusehen. Sie freuten sich an jedem Fisch, den Gott schuf, angefangen von der kleinen Makrele bis hin zum großen Wal. Auch sahen sie neugierig zu, wie die Vögel in den Himmel flogen: Spatzen und Amseln, Albatrosse und Adler. Als der Tag zu Ende ging, sprach Gott seinen Segen über alles Leben im Wasser und in der Luft und die Engel jubelten dazu.
 Auch am nächsten Tag kamen die Engel wieder mit und sahen zu, wie Gott die Tiere auf dem Land schuf. Ameisen und Frösche, Kaninchen und Löwen. Große und kleine Tiere. Jedes Tier war ein Wunder für sich. Aber dann, bevor Gott den Menschen schuf, stand er plötzlich auf und verschwand hinter einer Wand. Mehrere Minuten blieb er dort verschwunden. Dabei muss man wissen, dass eine Minute bei Gott lange dauert. Länger, als ein Tag, länger als ein Jahr oder ein Jahrhundert. Aber endlich kam er zurück und begann sein Werk. Auch der Mensch wurde etwas ganz Besonderes. Mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Verstand, der die Welt durchdringen konnte. Als Gott sein Werk vollendet hatte, sprach er den Segen und gab dem Menschen das Leben der Erde in ihre Hand. Es war ihm ein wenig bang dabei. Aber er vertraute auf seine Schöpfung. Und er gab gern. Wieder jubelten die Engel und freuten sich an dem neuen Leben. Auch wenn sie direkt danach ihren Jubel einen ganzen Tag unterbrechen mussten, weil Gott ausruhen wollte.
 Doch dann, am achten Tag, als alles Leben anfing seinen gewohnten Gang zu gehen, wagte sich ein neugieriger Engel zu Gott und fragte ihn: „Warum bist du aufgestanden, bevor du den Menschen erschaffen hast? Und was hast du hinter der Wand gemacht?" Da antwortete Gott: „Hinter der Wand war ein Spiegel. In diesem Spiegel habe ich mich angesehen. Ich wollte herausfinden, wer ich bin. Nur so konnte ich etwas von mir in die Menschen hineinlegen. Etwas von der Liebe, die in mir wohnt. Etwas von der Barmherzigkeit und dem Sinn nach Gerechtigkeit und Frieden."

 

Blätter

♦ Das Handy

Eine junge Frau war die ganze Zeit nur mit ihrem Smartphone beschäftigt. Ständig tauschte sie sich mit ihren Freundinnen über What´s-App, SMS, oder Voice-mails über den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Doch zeigte sie nie echtes Mitgefühl mit anderen Menschen. Selbst als sie heiratete und ein Kind bekam, war ihr das Smartphone wichtiger als ihr Mann oder ihr neugeborenes Kind. Beim Einkaufen, beim Kinderwagen schieben, beim Autofahren, ... egal was sie auch tat, sie hatte das Smartphone stets vor ihren Augen. Doch dann, als sie mit dem Auto unterwegs war und dabei eine What´s-App schrieb, verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen und raste gegen einen Baum. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Ein Engel brachte sie vor den Richterstuhl. Bei der Durchsicht ihrer Akte fand der Richter keine einzige barmherzige Tat. Nur einmal, als sie als Kind ihr erstes Handy geschenkt bekam, hatte sie ihrer Großmutter eine Geburtstagsnachricht gesandt, die von echter Liebe erfüllt war.

Da aber jede liebevolle Tat bei Gott sehr viel wiegt, beschloss der Richter, sie um dieses Anrufes willen in den Himmel zu lassen.

Er gab ihr das Smartphone in die Hand und als sie danach griff, begann das Smartphone langsam in die Luft zu steigen und die junge Frau mit sich nach oben in den Himmel zu tragen.

  Da tauchte ein alter Alkoholiker auf und sah die junge Frau. Er klammerte sich an ihrem Kleid fest und wurde mit ihr zusammen in Richtung Himmel gezogen.
 Als nächstes kam eine verbitterte, alte Frau vorbei. Sie bekam gerade noch den Fuß des Alkoholikers zu fassen. Und auch sie wurde mit hochgezogen.
  Immer mehr Menschen die vorbei kamen nutzten die Gelegenheit, die sich ihnen bot.  Schon bald hing eine lange Menschenkette an der jungen Frau. Trotzdem spürte die Frau das Gewicht der Leute nicht, die sich an ihr festhielten.

 So stiegen sie gemeinsam immer höher und höher. Als sie beinahe das Himmelstor erreicht hatten, schaute die junge Frau noch einmal zurück, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen. Da entdeckte sie die lange Menschenschlange, die sich an ihr festhielt.
 „Das muss ich unbedingt meiner Freundin zeigen!", dachte die Frau. „Die glaubt das nie!" Und sie suchte auf dem Display ihres Smarthones nach der Kamera, um ihrer Freundin ein Bild zu schicken. Dabei musste sie kurz den Griff um ihr Smartphone lockern. Im gleichen Moment rutschte sie ab und stürzte mit allen Menschen, die an ihr hingen in die Tiefe.

 

Bodensee

 

♦ Der alte Mann und das Buch

Der Legende nach lebte in einer kleinen Hütte in einem Wald ein weiser Mann, der ein Buch besass, in dem alle Menschen, die in diesem Jahr sterben würden, verzeichnet waren. Eine junge Frau machte sich auf den Weg zu dem Weisen. Sie hatte eine schreckliche Krankheit. Voller Angst fragte sie den alten Mann: „Stehe ich in dem Buch?". Der weise Mann sah in dem Buch nach und nickte. Im selben Moment fiel die junge Frau vor Schreck tot um.
 Auch ein alter Mann kam zu dem Weisen, der in den letzten Wochen und Monaten eine zunehmende Müdigkeit in seinen Gliedern gespürt hatte. Auch er fragte den Weisen: „Stehe ich in deinem Buch?" Wieder schlug der weise Mann nach. Und wieder nickte er. Da ging der alte Mann traurig nach Hause. Kurze Zeit darauf verstarb er.
 Da kam ein Kind zu dem Weisen. Seine Eltern hatten es zu ihm gebracht, weil sie Angst um sein Leben hatten. Das Kind fragte den Weisen: „Stehe ich in deinem Buch?" Wieder schlug der weise Mann nach und wieder nickte er. Da fragte das Kind: „Kannst du meinen Namen nicht einfach streichen?" Der Mann überlegte kurz. Dann sagte er: „Aber sicher."  Und strich den Namen des Kindes durch. Das Kind bedankte sich bei dem Weisen und ging anschließend fröhlich mit seinen Eltern nach Hause. Dort lebte es noch viele Jahre glücklich und zufrieden. Viele Jahre später bekam es selbst Kinder und es verstarb erst im hohen Alter, zufrieden und lebenssatt.

 

Wolken und Licht

 

♦ Die Tür

Es lebte vor vielen, vielen Jahren einmal ein Handwerker. Er war schon lange verheiratet. Doch dann starb unerwartet seine Frau. Der Mann kam mit ihrem Tod nicht zurecht. Es war, als hätte jemand eine dunkle Decke auf sein Leben gelegt. Unter dieser Decke wurde er jeden Tag ein Stück kleiner. Am Anfang wehrte er sich noch dagegen. Aber nach und nach fehlte ihm dazu die Kraft. So ergab er sich in sein Schicksal. Trotzdem ging er weiter jeden Tag in seine Werkstadt, die direkt neben dem Königspalast lag. Der Mann hatte den König noch nie gesehen, obwohl er Wand an Wand mit ihm lebte. Doch er hatte in seinem Leben schon viele wertvolle Schmuckstücke für den König hergestellt. So wusste er, dass hinter der Wand die Menschen ein völlig anderes Leben führten, als er hier in seiner Werkstatt. Seit dem Tod seiner Frau kam es nun immer wieder vor, dass er mitten bei der Arbeit plötzlich sein Handwerkszeug niederlegte und still dastand. Manchmal stand er nur für einen kurzen Augenblick so da: starr und unbeweglich wie eine Statue. An anderen Tagen konnte es aber auch länger dauern, bis wieder Leben in ihm kam. Als er wieder einmal still in seiner Werkstatt stand, meinte er, ein leises Klappern zu hören. Es kam ihm vor, als würden die Geräusche direkt von der Wand kommen, die seine Werkstatt vom Palast trennte. Langsam setzt er sich in Bewegung und ging zu der Wand. Er legte sein Ohr an die Wand und horchte, ob er nicht von der anderen Seite etwas hören konnte. Und ja! Da war ein Lachen hier. Da war ein Klirren von Gläsern dort. Es klang nach Leben. Nach einem Leben, das ihm selbst schon lange entglitten war. Seit diesem Tag war der Mann immer öfter mit seinem Ohr an der Wand zu finden. Er wollte nichts von dem Leben verpassen, das hinter dieser Wand stattfand. Nach einigen Tagen fing er an, die Wand genauer zu untersuchen. Dabei entdeckte er, vom Staub der Jahre verdeckt, eine Ritze. Beim Säubern entpuppte sich die Ritze als die Umrisslinie einer Tür. Früher einmal musste es hier eine Verbindung zwischen dem Palast und seiner Werkstatt gegeben haben. Doch war die Tür schon vor langer Zeit zugemauert worden. Als der Mann die Ritzen in der Wand entdeckt hatte, veränderte sich etwas in ihm. Er hörte auf, mit dem Ohr an der Wand zu lauschen. Es kam ihm plötzlich sinnlos vor. Statt dessen lenkte er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Tür.„Ich muss auf die Tür achten!“, sagte er sich immer wieder, während er an seiner Werkbank saß und leer vor sich hin starrte. „Vielleicht kommt ja der König, um sie wieder zu öffnen!“Der Mann verließ seit diesem Tag kaum noch die Werkstatt, obwohl er immer weniger arbeitete.Als seine Kinder ihn fragten, was er die ganze Zeit über hier machte, sagte er zu ihnen die gleichen Worte. „Ich muss auf die Tür achten! Vielleicht kommt ja der König. Dann muss ich da sein, damit ich ihn nicht verpasse.“

So saß der Mann in seiner Werkstatt und sah auf die zugemauerte Tür. Tag für Tag. Woche für Woche. Die Zeit verging. Mittlerweile verließ der Mann die Werkstatt selbst in der Nacht nicht mehr. Seine Kinder machten sich um ihn immer größere Sorgen. Schließlich schickten sie nach seiner ältesten Tochter, die nach ihrer Hochzeit in die Nachbarstadt gezogen war. Vielleicht konnte ja sie ihrem Vater helfen? Als die Tochter in die Werkstatt kam, sah sie ihren Vater auf einem Hocker sitzen. Er schien sie nicht wahrzunehmen. Unbeirrt starrte er auf die zugemauerte Tür. Behutsam ging sie auf ihn zu. „Was machst du hier?“, fragte sie. „Ich muss auf die Tür achten.“ „Und warum?“ „Vielleicht öffnet sie sich ja heute und das Leben beginnt für mich neu!“ Sehnsucht lag in seiner Stimme. „Aber dazu müsste erst der König kommen.“ Da nahm die Tochter ihren Vater in den Arm und umarmte ihn. Beide fingen an zu weinen.

„Aber der König kommt nicht!“, immer wieder sagte der Vater diese Worte leise schluchzend vor sich hin. „Er kommt einfach nicht, obwohl ich Tag und Nacht auf ihn warte!“Schließlich, als sie eine Zeit lang miteinander geweint hatten, richtete die Tochter sich auf und sah sich in der Werkstatt um. Sie sah die Wand mit der zugemauerten Tür. Sie sah die anderen Wände. Schließlich bückte sie sich und drehte mit all´ ihrer Kraft den Hocker, auf dem ihr Vater saß, in Richtung der offenen Eingangstür. Die Strahlen der Sonne fielen hell durch die Tür und ließen den Staub in der Luft funkeln, wie kleine Diamanten. „Siehst du diese Tür?“, fragte sie ihren Vater.Er nickte. „Diese Tür ist offen.“, sagte sie. „Du musst nicht länger warten. Du kannst einfach aufstehen und durch diese Tür gehen. Dort wartet das Leben auf dich!“

Sie reichte ihm ihre Hand. Ihr Vater zögerte. Zu fremd erschien ihm der Gedanke. Aber er sah die Tür. Er sah das Licht, das durch sie fiel. Und er hörte die Geräusche, die von draußen in seine Werkstatt drangen. Es waren die Geräusche der Straße, die er schon lange nicht mehr gehört hatte. „Komm´ mit mir!“, sagte seine Tochter und zog leicht an seiner Hand. Da stand er auf und gemeinsam gingen sie nach draußen.

 

Schneckenhaus 

♦ Die Gebetsmaschine

Ein Mann hatte in seinem Leben aufgehört, zu Beten. Er sich sagte: „Wenn ich ein neues Auto will und ich bete darum, so hat mir Gott noch nie ein Auto geschenkt, sondern ich mußte immer hart dafür arbeiten. Darum ist das Beten reine Zeitverschwendung!" So sprach der Mann und so lebte er auch. Sein Leben war Arbeit.
 Eines Nachts jedoch hatte er einen Traum. Er träumte, daß er bei seiner Arbeit eine Gebetsmaschine erfunden hätte. Sie war ganz klein und aus Holz. Sie hatte einen Knopf und einen Hebel. Wenn man ein Gebet sprach und dann auf den Knopf drückte und anschließend den Hebel nach unten zog, dann wurde das Gebet erfüllt. Das einzige Problem war, dass es für jedes Gebet eine eigene Gebetsmaschine brauchte. Maschinen sind eben so, sagte sich der Mann in seinem Traum. Sie sind exakt und genau. In seinem Traum wusste der Mann, dass seine Gebetsmaschine funktionierte, auch wenn er noch nicht wusste, für welches Gebet genau sie gemacht war. In Träumen gibt es ja so etwas. Eine seltsame Gewissheit in manchen Dingen. So ging es auch dem Mann. Er wußte genau: die Maschine funktionierte, er musste nur noch das richtige Gebet für sie finden. Lange Zeit saß er vor der Maschine. Er betete. Er drückte auf den Knopf. Danach zog er den Hebel nach unten. Sein Arm wurde nach und nach lahm und schwer. Trotzdem gab er nicht auf. Und endlich hatte er das schließlich das richtige Gebet gefunden. Es war ein Gebet um Essen. Wenn er um ein Essen bat, dann erschien auf seinem Tisch ein Brot und ein Fisch; und dazu ein Glas Wasser. Es war wie ein Wunder. Der Mann aß davon, wenn auch nur wenig - denn danach machte er sich sofort an die Arbeit, eine zweite Gebetsmaschine zu bauen. Eine größere, bessere, für ein neues Gebet. Er arbeitete und arbeitete. Der Schweiß lief ihm über das ganze Gesicht. Er fand keine Ruhe, bis endlich die zweite Maschine fertig war. Wieder setzte er sich davor. Und wieder versuchte er herauszufinden, für welches Gebet diese Maschine gebaut war. Er betete. Er drückte auf den Knopf. Er zog den Hebel nach unten. Immer wieder. Immer schneller. Immer mehr. Der Schweiß tropfte von seiner Stirn. Aber er konnte das Gebet nicht finden. Er raufte sich die Haare und wurde immer verzweifelter. So wachte er schließlich auf. Völlig erledigt und schweißgebadet.

Das Erste, das ihm in den Sinn kam, war ein Gebet: „Lieber Gott,", sprach er, "Hilf mir, dass ich auf dich vertraue und nicht auf irgendwelche Maschinen. Denn Maschinen können uns nicht glücklich machen. Du aber schon!" Und das Wunder geschah. Er konnte wieder einschlafen, ruhig und zufrieden. Denn er hatte Gott seine Sorgen geschenkt. Und Gott hatte sie angenommen.

Paul Wassmer

 

Baum und Bodensee