Bonhoefferzentrum
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Geschichten und Bilder

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Der Mann, der immer nur sich selbst sah

Ein Mann vertraute auf Gott und sprach: "Gott wird mich nie im Stich lassen." Aber dann wurde er krank. Da rief er: "Was soll ich noch an Gott glauben, wenn er sich nicht um mich kümmert?" Und er legte seinen Glauben ab.

Der Mann redete auch gern. Aber eines Tages bekam er Streit mit seiner Nachbarin. Dabei sagte die Nachbarin einige böse Worte zu ihm.  Auch er selbst hielt sich nicht zurück, so dass der Streit immer schlimmer wurde. "Was soll ich noch reden ...", fragte sich der Mann, als er später über den Streit nachdachte, "... wenn doch alle Worte immer nur in den Streit führen?" Und er beschloss, nicht mehr zu reden.

Der Mann aß auch gern. Leidenschaftliche Stunden verbrachte er hinter dem Herd, um sich selbst zu verwöhnen. Aber dann kaufte er versehentlich ein Stück verdorbenes Fleisch. Als er davon aß, spuckte er es angewidert aus. "Was soll ich noch essen ...", sagte er zu sich, "... wenn das Essen so schlecht ist?" Seit diesem Tag aß er nichts mehr.

Kurze Zeit darauf verstarb er, entkräftet und stumm.

Da ließ Gott den Mann zu sich rufen. "Was hast du dir dabei gedacht ...", fragte er den Mann, "... bei jeder Enttäuschung immer gleich aufzugeben?"  Der Mann sah Gott mit großen Augen an. "Dich gibt es ja wirklich ...", stammelte er. "Ja, und ich rede auch", erwiderte Gott lächelnd. "Auch habe ich euch Menschen eine wunderschöne Welt geschenkt, mit unendlich vielen Möglichkeiten. Warum also hast du dieses Geschenk nicht angenommen? War es dir so wenig wert?"
 Da senkte der Mann beschämt seinen Kopf. "Ich dachte immer nur an mich ...", antwortete er. "... und habe darüber dich und die Welt aus den Augen verloren."

 

Schneckenhaus

 

Die drei Könige und die junge Frau

Zu einer Zeit, als jeder Mensch in seinem Leben einen Wunsch frei hatte, lebten einmal drei Könige.
 Der erste König wünschte sich, mächtig und stark zu sein, so dass alle Welt ihn fürchtete.
 Der Zweite wünschte sich, reich zu sein, so dass er sich alles kaufen konnte, was ihm vor Augen kam.
 Und der Dritte wünschte sich, klug zu sein, so dass kein Geheimnis in der Welt vor ihm verborgen blieb.
 Viele Jahre lebten die drei Könige in ihrem Königreich und jeder von ihnen wurde auf seine Weise berühmt. So lud der Kaiser sie zu sich an seinen Hof ein. Dort trafen sie eine wunderschöne junge Frau, in die sie sich alle drei verliebten.
 Der erste König sprach: "Komm mit mir. Ich werde dir mein Königreich zu Füßen legen. Alle Menschen werden dich fürchten und vor dir niederknien."
 Der zweite König sprach: "Nein, komm mit mir. Alles, was dein Herz begehrt, wirst du von mir bekommen: Diamanten, Edelsteine und Rubinen. Es soll nichts geben, was du nicht haben kannst."
 Der dritte König war klug und versuchte die junge Frau mit Komplimenten zu umgarnen: "Höre nicht auf die beiden, sondern komm mit mir. Du bist so schön, wie die Sonne. So liebreizend, wie eine Lilie. So anmutig, wie ein Reh, das zum ersten Mal das Licht des Tages erblickt. Wenn du mit mir kommst, wird jeder Tag so sein, als ob die ganze Welt dir und deiner Schönheit zu Füßen liegt."
 Aber die junge Frau schüttelte nur den Kopf. "Ihr könnt meine Liebe nicht kaufen.", sagte sie. "Weder mit Macht, noch mit Geld oder Klugheit."
 "Aber warum?", fragte der erste König.
 "Weil jede Liebe eine Gnade ist. Und nichts, mit dem man handeln kann!", erwiderte die junge Frau.
 "Und hat bei dir jemand diese Gnade gefunden?", fragte der kluge König.
 "Ja." Die junge Frau nickte. "Der Platz in meinem Herzen ist bereits vergeben! Ich liebe jemand anderen."
 "Wie ist dieser beneidenswerte Mann?", wollte der zweite König wissen.
 "Er ist nicht so reich, wie du. Und auch nicht so mächtig oder klug, wie ihr beide. Aber als ich ihn zum ersten Mal sah, lächelte er mir zu und in meinem Herzen ging die Sonne auf. Seit diesem Tag bin ich in ihn verliebt. Und ich habe bisher keinen Tag davon bereut.
Als die drei Könige die Worte der Frau hörten, gingen sie traurig nach Hause. Dort überdachten sie ihre Wünsche an das Leben noch einmal neu. Weil sie ihren Wunsch aber nicht mehr rückgängig machen konnten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als das, was sie wirklich von Herzen wollten, selbst zu lernen. Und das taten sie dann auch. So lernten sie so fröhlich aus ihrem Herzen heraus zu lachen, dass bei den anderen Menschen die Sonne aufging. So fand jeder von ihnen am Ende doch noch für sich sein Glück.

 

Steinfigur

 

Von der Freude

Ein alter Mann saß mit seiner Frau beim Abendessen. Sein Bein tat ihm weh, wie schon öfter in der letzter Zeit. So beschwerte er sich bei seiner Frau über sein Leben und darüber, wie arm sie beide waren. "Für uns gibt es keine Hoffnung mehr", sagte er. "Nicht in dieser Welt, in der unser König die Welt mit immer neuen Kriegen überrollt und unser Leben immer schwerer wird." Aber seine Frau wollte ihm nicht zustimmen. "Gib´ die Hoffnung nicht auf!", sagte sie zu ihm. "Irgendwann kommt einer, der anders ist. Er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen, sondern es wieder aufrichten. Die Mächtigen aber, die nur an sich selbst denken, wird er vom Thron stürzen. Dann werden selbst arme Leute wie wir wieder Grund zur Freude haben." "Ach was!", sagte der alte Mann, "Warum sollte ich mich freuen? Bis der Messias kommt bin ich doch längst schon gestorben." "Du hast Recht", erwiderte seine Frau, "Wenn du dich jetzt aufgibst, kannst du dich genauso gut gleich begraben lassen. Aber solange du noch hoffst, hast du zumindest noch die Hoffnung. Und solange du dich auf den Messias freust, hast du zumindest die Vorfreude. Diese Vorfreude kann dir niemand nehmen. Sie bleibt, selbst wenn du das Kommen des Messias nicht mehr erlebst."
 Der alte Mann nickte. Dann machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Er musste auf das Feld, um dort in der Nacht die Schafe zu hüten. Aber während er, gestützt auf seinen Stock, einen Fuß vor den anderen setzte, gingen ihm die Worte seiner Frau nach. Die Vorfreude kann dir niemand nehmen, dachte er. Ja, das stimmt. Er musste an die Hirten auf dem Feld denken, die dort mit ihm in der Kälte die Nacht verbringen würden. Zumindest haben wir uns, dachte er. Und er freute sich schon, sie zu sehen. Wer weiß, dachte er, wie wir jubeln würden, wenn der Messias käme, so dass auch wir Hirten wieder geachtet würden? Ja, das wäre wirklich eine Freude! Als er daran dachte, tat ihm sein Fuß nur noch halb so viel weh. So ging er, Schritt für Schritt, von Bethlehem hinaus auf das Feld. Und über ihm leuchtete ein heller Stern, so dass die Nacht nicht ganz so dunkel war, wie manch´ andere Nächte.

 

Eichhörnchen

 

Es ist, was es ist,
sagt die Hoffnung

     Es ist umsonst,                              
     sagt die Erfahrung.
 
          Es ist, was es ist,                          
          sagt die Hoffnung.
 
     Es lohnt die Mühe nicht,
     sagt die Resignation.  
                                              
     Es ist nur ein Irrlicht.
     Nur ein falscher Schein
     am Horizont, sagt die Angst.
                                             
          Es ist, was es ist,
          sagt die Hoffnung.                       
 
     Es ist zu wenig,
     sagt die Verzweiflung.                  
     Es reicht nicht aus.
 
     Es ist kein Licht,
     am Ende des Tunnels,
     sondern nur der Zug,  
     der uns entgegenkommt.
     Denn die Katastrophe
     ist unausweichlich,
     sagt der Zynismus.
 
          Es ist, was es ist,  
          sagt die Hoffnung.                                           

          Es ist noch nicht da,
          aber es kommt.  
          Es ist noch klein,
          aber es wächst.                    
          Es hält uns eine Tür auf,
          durch die am Ende die ganze Welt hindurchgehen kann.
          Und auch, wenn man es jetzt noch nicht sieht,
          so ist es doch da.
 
          Es ist, was es ist,  
          sagt die Hoffnung.                                        

(Nach einem Gedicht von Erich Fried.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe)

 

Blatt

 

Die drei Fragen an den weisen Mann

Ein Mann wusste in seinem Leben nicht mehr weiter. Da beschloss er, einen weisen Mann aufzusuchen, der, so sagten die Leute, einem auf die drei wichtigsten Fragen im Leben eine Antwort geben könnte.
 Der Mann wollte den Weisen fragen, ob er seinen Job kündigen sollte. Denn er litt schon seit Jahren unter seiner Arbeit. Auch wollte er wissen, ob er seine Frau verlassen sollte. Denn er empfand nicht mehr die gleiche Liebe mit ihr, wie in ihren ersten Tagen. Und er wollte von dem Weisen wissen, ob er mit dem Lottospielen anfangen sollte, denn er dachte, er könnte so vielleicht sein Glück machen. Dies schienen ihm die drei wichtigsten Fragen in seinem Leben zu sein. So brach er auf.
   Der Weise lebte in einem fernen Land, in einer kleinen Hütte auf einem hohen Berg. So war der Mann lange unterwegs. So lange, dass sich seine drei Fragen auf dem Weg von selbst erledigt hatten. Durch seine lange Abwesenheit auf der Reise hatte er seine ungeliebte Arbeit verloren und auch seine Frau hatte sich wegen eines anderen von ihm getrennt. Die dritte Frage nach dem Lottospielen aber kam ihm mittlerweile so banal vor, dass er sich schämte, sie dem Weisen zu stellen.
 Dafür hatte der Mann auf der Wanderschaft  drei neue Fragen gefunden, die er dem Weisen stellte.

Seine erste Frage lautete: "Was ist das Leben?" Der Weise überlegte eine Weile. Dann sagte er: "Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen."

"Was ist das Unglück?", fragte der Mann als Nächstes. Wieder überlegte der Weise. Dann sagte er: "Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, aber angefüllt mit Verbitterung und Hass."

"Und was ist das Glück?", fragte der Mann als Drittes. Der Weise lächelte. Er sagte: "Eine Ansammlung von mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, aber gewürzt mit Hingabe und Liebe."

See Genezareth

 

Der Traum

Ein Mann träumte, dass ein Engel zu ihm kam und ihn in den Himmel brachte. Dort stand er an der Eingangspforte und klopfte.
 "Was willst du?", fragte ihn Petrus, den Himmelsschlüssel in der Hand.
 "Ich will zu Gott!"
 "Dann komm herein!", antwortete Petrus freundlich.
 "Aber glaube ich dafür auch genug?", fragte der Mann ängstlich. "Schließlich zweifle ich manchmal! Vielleicht bin ich ja gar nicht würdig, vor Gott zu treten?"
 "Komm herein!", wiederholte Petrus seine Worte. "Glauben und Zweifel sind zwei Seiten derselben Medaille. Nur wenn du glaubst, kannst du auch zweifeln. Und nur wenn du zweifelst, kannst du auch glauben."
 "Aber kann hier dann jeder hereinkommen?", fragte der Mann.
 "Nein!" Petrus lachte. "Ganz so einfach ist es nicht! Bevor du eintrittst, musst du deinen Egoismus ablegen, der so tut, als wärst du ganz allein auf dieser Welt. Du musst den Hass ablegen, den du gegen andere Menschen pflegst. Und dein Selbstmitleid, in dem du manchmal versinkst, so dass dich niemand mehr erreicht."
 Der Mann überlegte. Dann sagte er: "Dies scheint mir ein faires Angebot zu sein." Er reichte Petrus alles, was ihn von Gott trennte. Danach betrat er  erleichtert das Himmelreich.

Libellen 

Der Blick in den Spiegel

Am fünften Tag der Schöpfung beschloss Gott, die ersten Tiere auf der Erde zu erschaffen. Alle Engel kamen zusammen, um Gott bei der Arbeit zuzusehen. Sie freuten sich an allem, was Gott schuf, angefangen von der kleinen Makrele bis hin zum großen Wal. Auch sahen sie neugierig zu, wie sich die Vögel in den Himmel erhoben: kleine Spatzen und Amseln, ebenso wie die riesigen Albatrosse und mächtigen Adler. Als der Tag zu Ende ging, sprach Gott seinen Segen über alles Leben im Wasser und in der Luft und die Engel jubelten dazu.
 Auch am nächsten Tag kamen die Engel wieder zusammen und sahen zu, wie Gott die Tiere auf dem Land schuf. Ameisen und Frösche, Kaninchen und Löwen, große und kleine Tiere, jedes ein Wunder für sich. Aber dann, bevor Gott den Menschen schuf, stand er auf und verschwand hinter einer Wand. Mehrere Minuten blieb er dort verschwunden. Dabei muss man wissen, dass eine Minute bei Gott länger dauert, als einen Tag, ja länger als ein Jahr oder ein Jahrhundert. Aber endlich kam Gott zurück und begann sein Werk. Auch der Mensch wurde etwas ganz Besonderes. Er hatte zwei Arme, mit denen er greifen konnte, zwei Beinen,um sich fortzubewegen und einem Verstand, um die Welt zu durchdringen. Als Gott sein Werk vollendet hatte, sprach er den Segen und gab dem Menschen das Leben der Erde in ihre Hand. Es war ihm zwar ein wenig bang dabei, aber er vertraute auf seine Schöpfung. Auch gab er gern. Wieder jubelten die Engel und freuten sich an dem neuen Leben. Auch wenn sie direkt danach ihren Jubel einen ganzen Tag unterbrechen mussten, weil Gott ausruhen wollte.
 Aber dann, am achten Tag, als alles Leben seinen gewohnten Gang ging, wagte sich ein neugieriger Engel zu Gott und fragte: "Warum bist du aufgestanden, bevor du den Menschen erschaffen hast? Was hast du hinter der Wand gemacht?" Da antwortete Gott: "Hinter der Wand war ein Spiegel. In diesem Spiegel habe ich mich angesehen. Ich wollte herausfinden, wer ich bin. Denn nur so konnte ich etwas von mir in die Menschen hineinlegen. Etwas von der Liebe, die in mir wohnt, etwas von der Barmherzigkeit und dem Sinn für Gerechtigkeit. Denn der Mensch sollte mein Ebenbild sein, so dass durch ihn mein Segen auf die Erde käme."

 

Blätter

Das Handy

Eine junge Frau war ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt. Laufend tauschte sie sich mit ihren Freundinnen über What´s-App oder Voice-mails über den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Dabei zeigte sie nie echtes Mitgefühl mit anderen Menschen, sondern war immer nur daran interessiert, durch die Nachrichten der anderen eine Bestätigung für sich selbst zu erhalten. Auch als sie heiratete und ein Kind bekam, war ihr das Smartphone wichtiger als ihr Mann oder ihr neugeborenes Baby. Beim Einkaufen, beim Kinderwagen schieben, selbst beim Autofahren, ... sie hatte das Smartphone stets vor ihren Augen. Aber dann, als sie wieder einmal mit ihrem Auto unterwegs war und dabei eine What´s-App schrieb, verlor sie die Kontrolle über den Wagen. Sie raste gegen einen Baum und starb noch an der Unfallstelle.

Ein Engel brachte sie vor den Richterstuhl Gottes. Bei der Durchsicht ihrer Akte erbleichte Gott. Denn er fand keine einzige barmherzige Tat. Nur einmal, als sie als Kind ihr erstes Handy geschenkt bekam, hatte sie ihrer Großmutter eine Geburtstagsnachricht gesandt, die von echter Liebe erfüllt war.

Da aber jede liebevolle Tat bei Gott mehr wert war, als viele böse Taten, beschloss er, sie um dieses einen Anrufes willen in den Himmel zu lassen.

Er gab ihr das Smartphone in die Hand und als sie danach griff, stieg das Smartphone langsam in die Luft und trug die junge Frau mit sich nach oben in den Himmel.

Da kam ein alter Alkoholiker vorbei und sah die junge Frau. Er klammerte sich an ihrem Kleid fest und wurde mit ihr zusammen in den Himmel gezogen.
 Kurz danach kam eine alte verbitterte Frau vorbei. Sie bekam gerade noch den Fuß des Alkoholikers zu fassen. Und auch sie wurde mit in den Himmel gezogen.
  Immer mehr Menschen kamen vorbei und nutzten die Gelegenheit, die sich ihnen bot.  So hing schon bald eine lange Menschenkette an der jungen Frau. Trotzdem spürte die Frau nicht das Gewicht der Menschen, die sich an ihr festhielten.

 Aber als sie beinahe das Himmelstor erreicht hatten, schaute die junge Frau noch einmal zurück, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen. Da entdeckte sie die Menschenschlange, die sich an ihr festhielt.
 "Das muss ich unbedingt meiner Freundin zeigen!", dachte die Frau. Sie suchte auf dem Display ihres Smarthones nach der Kamera, dabei lockerte sie kurz den Griff um ihr Smartphone. Im gleichen Moment rutschte sie ab und stürzte mit allen Menschen, die an ihr hingen, in die Tiefe.

 

Bodensee

 

Der alte Mann und das Buch

Der Legende nach lebte in einer kleinen Hütte in einem Wald ein weiser Mann, der ein Buch besass, in dem alle Menschen verzeicchnet waren, die in diesem Jahr sterben würden. Eine junge Frau, die von einer schweren Krankheit gezeichnet war, machte sich auf den Weg zu dem Weisen. Voller Angst fragte sie den alten Mann: "Stehe ich in dem Buch?". Der weise Mann sah in dem Buch nach und nickte. Im selben Moment fiel die Frau vor Schreck tot um.
 Auch ein alter Mann kam zu dem Weisen, der in den letzten Wochen und Monaten eine zunehmende Müdigkeit in seinen Gliedern gespürt hatte. Auch er fragte den Weisen: "Stehe ich in deinem Buch?" Wieder schlug der weise Mann nach. Und wieder nickte er. Da ging der alte Mann traurig nach Hause. Und schon kurze Zeit später verstarb er.
 Da kam ein Kind zu dem Weisen. Seine Eltern hatten es zu ihm gebracht, weil sie Angst um sein Leben hatten. Das Kind fragte den Weisen: "Stehe ich in deinem Buch?" Wieder schlug der weise Mann nach und wieder nickte er. Da fragte das Kind: "Kannst du meinen Namen nicht streichen?" Der Mann überlegte. Dann sagte er: "Aber sicher." Und strich den Namen des Kindes durch. Das Kind bedankte sich bei dem Weisen und ging anschließend fröhlich mit seinen Eltern nach Hause. Dort lebte es noch viele Jahre glücklich und zufrieden. Es bekam viele Jahre später selbst Kinder und verstarb erst im hohen Alter, zufrieden und lebenssatt.

 

Schneckenhaus 

Die Gebetsmaschine

Ein Mann hatte in seinem Leben aufgehört, zu Beten. Er sagte sich: "Wenn ich um ein neues Auto bete, so hat mir Gott noch nie eines geschenkt, sondern ich musste immer dafür arbeiten. Darum ist das Beten reine Zeitverschwendung!"

 Aber dann hatte der Mann eines Nachts einen Traum. Er träumte, dass er bei seiner Arbeit eine Gebetsmaschine erfunden hätte. Sie war klein, aus Holz und hatte einen Knopf und einen Hebel. Wenn man ein Gebet sprach, auf den Knopf drückte und anschließend den Hebel nach unten zog, wurde das Gebet erfüllt. Das einzige Problem war, dass es für jedes Gebet eine eigene Gebetsmaschine brauchte. Maschinen sind eben so, sagte sich der Mann in seinem Traum. Sie sind exakt und genau. In seinem Traum wusste der Mann, dass seine Gebetsmaschine funktionierte, auch wenn er nicht wusste, für welches Gebet sie gemacht war. In Träumen gibt es ja manchmal so etwas. Eine seltsame Gewissheit in manchen Dingen. So ging es auch dem Mann. Er wusste genau: die Maschine funktionierte, er musste nur noch das richtige Gebet für sie finden. Lange Zeit saß er vor der Maschine. Er betete. Er drückte auf den Knopf. Danach zog er den Hebel nach unten. Sein Arm wurde nach und nach lahm. Trotzdem gab er nicht auf. Und endlich hatte er das richtige Gebet gefunden. Es war ein Gebet um Essen. Wenn er um ein Essen bat, dann erschien auf seinem Tisch ein Brot, ein Fisch; und ein Glas Wasser. Es war wie ein Wunder. Der Mann aß das Brot und den Fisch und trank das Glas Wasser. Danach machte er sich sofort an die Arbeit, um eine zweite Gebetsmaschine zu bauen. Eine größere, bessere, für ein neues Gebet. Er arbeitete und arbeitete, der Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Er fand keine Ruhe, bis die zweite Maschine fertig war. Wieder versuchte er herauszufinden, für welches Gebet die Maschine gebaut war. Er betete. Er drückte auf den Knopf. Er zog den Hebel nach unten. Wieder und immer wieder. Aber er konnte das Gebet nicht finden. Er raufte sich die Haare. Er wurde immer verzweifelter. Aber so oft er auch betete, den Knopf drückte und den Hebel nach unten zog, es blieb umsonst. So wachte er schlielich auf, schweißgebadet und völlig erschöpft
Und das Erste, was ihm in den Sinn kam, war ein Gebet: "Lieber Gott,", sprach er, "Hilf mir, dass ich auf dich vertraue und nicht auf irgendwelche Maschinen. Denn Maschinen können uns nicht glücklich machen. Du aber schon!" Und das Wunder geschah. Er wurde ruhig und konnte einschlafen. Denn er hatte seine Sorgen Gott geschenkt. Und Gott hatte sie angenommen.
Paul Wassmer

 

Baum und Bodensee