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Wer hat Schuld am Tod Jesu?

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Wer hat Schuld am Tod Jesu?

Schuld ist dort, wo sie auftritt, oft zerstörend. Schuld sucht nach Sündenböcken - oder aber nach Vergebung. Wie ist es mit der Schuld bei dem Tod Jesu? Wer hat dort Schuld auf sich geladen? Jahrhundertelang wäre diese Frage ganz schnell und eindeutig beantwortet worden: Schuld sind die Juden. Diese Meinung stützt sich unter anderem auf eine Bibelstelle (Matth. 27, 15-30), in der erzählt wird, wie der römische Militärchef Pontius Pilatus einer großen Menschenmenge die Wahl lässt, wen er freigibt - und wer umkommen soll. Die Menge entscheidet sich für Barrabas - und Jesus wird zum Tod am Kreuz verurteilt. Pontius Pilatus wäscht sich an dieser Stelle theatralisch die Hände und weist alle Schuld am Tod von Jesus von sich - während die Menge die Schuld übernimmt und bereit ist, diese zu tragen.

Warum haben die Menschen sich damals für Barrabas entschieden?

Dies kann niemand genau sagen. Man kann nur vermuten. Vielleicht waren ja viele Freunde und Verwandte von Barrabas in der Menge. Schlielich war bekannt, dass er freikommen sollte. Als sie nun plötzlich vor die Wahl gestellt wurden zu entscheiden, wer leben und wer sterben sollte, haben sie sich für ihren Freund entschieden. Es könnte aber auch sein, dass der oberste Priester und der König ihre Finger mit im Spiel hatten. Schlielich hatten sie ja die ganze Geschichte mit der Verurteilung Jesu mit eingefädelt. 

Das heißt, die Juden sind gar nicht Schuld am Tod Jesu?

Die Juden ganz bestimmt nicht. Wenn, dann liegt eine Teilschuld bei den Machthabern. Das waren vor allem der König und der oberste Priester. Sie fühlten sich von der Jesusbewegung in ihrer Macht bedroht und haben die Verhaftung von Jesus betrieben. Dem ganzen jüdischen Volk die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, ist historisch völlig falsch. Viele Jüdinnen und Juden waren damals Anhänger von Jesus und mit seinem Tod überhaupt nicht einverstanden. Trotzdem musste das jüdische Volk immer wieder als Sündenbock dienen. So erzählt der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin, dass er als Kind in München im Englischen Garten von anderen Kindern gefragt wurde, warum die Juden den Heiland gekreuzigt hätten. Er beschreibt es wie einen alten Fluch, der seine Kindheit überschattete.

Wer trägt dann letztlich die Verantwortung am Tod Jesu?

Historisch und juristisch eindeutig Pontius Pilatus und die Römer. Sie allein hatten die Macht, Todesurteile auszusprechen und zu vollziehen. Und da nützt es auch nichts, sich hinterher die Hände zu waschen und zu sagen: "Ich war es nicht!".

Warum wird diese Schuld der Römer in der Bibel so wenig betont?

Das könnte mit daran liegen, dass die ersten Christinnen und Christen im römischen Reich schlecht sagen konnten: "Seht her! Ihr, die römischen Machthaber mit eurem Militärapparat seid Schuld am Tod Jesu!" Sie hatten auch schon ohne eine solche Anschuldigung genug Probleme im römischen Reich und mussten um ihr Überleben zu kämpfen.

Ist damit alles über die Schuld am Tod Jesu gesagt?

So einfach ist das nicht. Schlielich gab es da ja auch noch Judas, der seinen ganz eigenen Anteil am Tod Jesu hatte. Und auch die ersten Christinnen und Christen fühlten sich mit schuldig, und auch sie nicht ganz zu Unrecht. Schlielich hatten sie Jesus damals allein gelassen, waren aus Angst oder aus Unkenntnis nicht zu dem Platz gegangen, um mit ihren Stimmen um seine Freiheit zu kämpfen. Viele hatten im Nachhinein Schuldgefühle, auch wenn nicht klar war, ob sie wirklich eine Chance gehabt hätten, Jesu Freilassung zu erwirken. Sie hatten aber das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben, während Jesus bereit gewesen war, sein Leben für ihr Überleben einzusetzen und zu opfern.

Ist so die Aussage entstanden, dass Gott sich für uns Menschen

  geopfert hat?

Es könnte einer der Gründe gewesen sein, die zu dieser Aussage geführt haben. Für die ersten Christinnen und Christen war dies ein vorherrschendes Lebens-Gefühl: Jesus hat sich geopfert, damit wir heil aus der Geschichte herauskommen. Spätere Christinnen und Christen haben diese Aussagen aufgenommen und auf ihre eigene Schuld übertragen. Sie sagten: Jesus trägt unsere Schuld mit. In seinem Tod ist auch unsere Schuld mit gestorben - in seiner Auferstehung fängt auch unser Leben wieder neu an. Es war ihre Art der Deutung: die Vergebung, die Jesus sein Leben lang gepredigt hatte, auch mit seinem Tod und der Auferstehung in Verbindung zu bringen.

Ich denke, so mit Schuld umzugehen, ist eine bessere Art, als die Schuld auf andere zu schieben und sich einen Sündenbock zu suchen. Jesus hat sich in seinem Leben immer für Vergebung eingesetzt. Und er hätte bestimmt nicht gewollt, dass sein Tod für einen Rachefeldzug genutzt wird, egal gegen wen. Eher hätte er gewollt, dass die Menschen auch nach seinem Tod die Vergebung suchen - und sie leben. Dazu lädt das Osterfest  uns bis heute ein: Unsere Schuld, die auch unser Leben oft zerstört und kaputt macht, loszulassen und sie in Gottes Hand zu legen und Vergebung zu suchen - untereinander und mit Gott, damit wir neu  leben. Dazu gebe uns Gott auch heute Kraft und Mut.

                                                                                                                                  Pfr. Paul Wassmer