Bonhoefferzentrum
Galerie
Galerie
Galerie

 

Was sollen wir tun?

____________________________________________________________________________

 

Was sollen wir tun?

Was sollen wir tun? Und was sollen wir lassen? Diese beiden Fragen gehören zu den Urfragen der Menschheit, die wohl nie abschlieend beantwortet werden können. Schlielich verändert sich unsere Welt laufend, so dass die Menschen in jeder Zeit aufs Neue herausfinden müssen, was für ihre Zeit das Richtige ist.

 

Was könnte einem helfen, eine Antwort zu finden?

Es gibt ganz unterschiedliche Prinzipien, an denen sich Menschen orientieren. Ein Prinzip lautet zum Beispiel, immer das zu tun, was einem selbst nützt. Das ist zwar nicht immer die feine Art, aber es leben trotzdem viele Menschen nach dieser Devise, auch wenn sie sich dabei nicht unbedingt beliebt machen. Schlielich merken Menschen meist schnell, wenn jemand nur an sich selbst denkt. Von solchen Menschen nehmen wir Abstand, so dass unsere Bereitschaft sinkt, ihnen zu helfen. So kann ein solches Leben auf Dauer ziemlich einsam werden.

Und wenn sich mehrere Menschen

   unter dieser Devise zusammenschlieen?

Das wäre eine nächste Stufe der Entwicklung, eine Art von Gruppen-Egoismus. "America first", das Motto des amerikanischen Präsidenten Trump fällt in diese Kategorie. Doch schürt ein solches Denken den Nationalismus, in dem diejenigen, die Macht haben, sich auf Kosten derjenigen, die weniger Macht haben, das nehmen, was sie meinen, dass sie es zum Leben brauchen. Eine solche Einstellung vermehrt die Konflikte in der Welt, so dass unsere Welt dadurch wesentlich unsicherer wird.


Gibt es auch noch andere Prinzipien?

Aber sicher. Eine berühmte Antwort steht in der Bergpredigt. Jesus sagt dort: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut auch ihnen!" (Matth. 7,12)

Der Philosoph Immanuel Kant hat die Worte Jesu aufgegriffen und seine Ethik auf ein ganz ähnliches Prinzip aufgebaut. Er sagt: "Handle stets so, dass dein Handeln der Mastab für das Handeln aller sein kann." Immanuel Kant stellt also die Frage: Was wäre, wenn alle Menschen das Gleiche tun würden wie du? Wäre dein Handeln dann noch in Ordnung? Wenn ja, dann bist du auf dem richtigen Weg. Wenn du dagegen diese Frage mit einem "Nein" beantworten musst, ist es Zeit, dein Handeln zu ändern.

 

Welche Antworten gibt es noch?

Viele. So wird zum Beispiel zwischen einer Gesinnungsethik unterschieden, die ihren Schwerpunkt auf die Absichten und Motive des Handelnden lenkt, und einer Verantwortungsethik, die das eigene Handeln an dem Ergebnis misst, das am Ende herauskommt.

 

Was sagt denn die Bibel zu dieser Frage?

Eine Antwort auf diese Frage, neben der goldenen Regel von Jesus, in der er rät, sich anderen Menschen gegenüber so zu verhalten, wie man es sich umgekehrt für sich selbst wünscht, findet sich in den Tugendtafeln im Neuen Testament. In diesen Tugendtafeln werden keine allgemeingültigen Regeln entworfen, sondern es werden für die damalige Zeit ganz konkret die "Do´s" und Don´ts (also das, was wir tun oder lassen sollen) in einer Art von Liste aufgeführt. Doch finden sich in solchen christlichen Haustafeln (wie z.B. im fünften Kapitel des  Epheserbriefes) auch Werte für das Zusammenleben, die aus der zeitgenössischen Umwelt übernommen wurden. So wird dort z.B. von einer Unterordnung der Frau unter den Mann gesprochen, obwohl der Apostel Paulus im Galaterbrief schreibt, dass es in Christus keine Rangfolge mehr zwischen Mann und Frau gibt (Gal. 3,28).

 

Heißt das, dass diese Tafeln von der Zeit überholt sind?

Keineswegs. Nur müssen wir sie in unsere Zeit übertragen. Trotzdem können sie uns eine unschätzbare Hilfe sein, uns im Dschungel der Möglichkeiten ethischen Verhaltens zu orientieren.
 Eine der wichtigsten Orientierung findet sich dabei im Alten Testament. Dort wird erzählt, wie der Prophet Mose zwei Tafeln aus Stein vom Berg Sinai herunterbringt (II. Buch Mose, Kap. 20). Auf diesen Tafeln finden sich zehn elementare Gebote, die gleichsam eine Art von Schutzzaun um uns Menschen herum errichten und uns so von den schlimmsten Auswüchsen unseres eigenen Verhaltens schützen: vor Mord und Raub, vor dem Lügen vor Gericht oder vor einer hemmungslosen Gier, die uns Menschen in den Wahnsinn treibt.

 

Wie werden diese "Anweisungen" in der Bibel begründet?

Durch den Willen Gottes. In der Geschichte von den zehn Geboten bringt Mose diese Gebote direkt von Gott. Sie sollen dem Volk Israel helfen, die Freiheit, die sie sich durch ihrem Auszug aus der Sklaverei mühsam erkämpft haben, auch in Zukunft zu bewahren. Denn dort, wo es keine solche Regeln gibt, gilt oft das Recht des Stärkeren. Ein solches Recht des Stärkeren aber führt schnell zu Unterdrückung und ist daher für ein gutes Zusammenleben nicht geeignet.

 

Das heißt, diese Regeln sind nicht dazu da,

   uns Menschen einzuengen, sondern uns zu schützen?

Ja. In ihnen zeigt sich die Liebe Gottes, der uns Menschen mit seinen Geboten hilft, die Freiheit in unserem Leben zu bewahren. Nicht Willkür, nicht Macht und auch nicht diejenigen, die am Lautesten schreien sollen über unser Zusammenleben bestimmen, sondern in der Mitte unseres Zusammenlebens soll Gerechtigkeit und Frieden stehen.

 

Gibt es noch andere Ansätze für eine Ethik?

Eine weitere Idee für eine Ethik (also die Lehre von dem, was wir Menschen tun oder lassen sollen), habe ich in meinem Kontaktstudium in Heidelberg kennen gelernt. Dort traf ich Klaas Huizing, einen Theologieprofessor aus Würzburg. Er baut seine Ethik auf einem Gefühl auf. Denn Gefühle, so sagt er, sprechen direkt zu uns Menschen. So wie das Gefühl der Scham, das er in die Mitte seiner Ethik rückt. Denn immer, wenn wir Menschen uns für etwas schämen, spüren wir bis hin zu den körperlichen Reaktionen, dass wir gerade einen Fehler gemacht haben.

 

Was ist von diesem Ansatz zu halten?

Er regt zum Nachdenken an. Trotzdem glaube ich, dass er uns letztlich nicht weiterhilft. Ich denke nämlich, dass sich nicht alle Menschen für das Gleiche schämen, sondern dass unsere Scham vielmehr von unserer Erziehung und unserer Kultur abhängig ist. Dabei kann es immer wieder vorkommen, dass sich Kulturen voneinander abkapseln und völlig eigene Regeln entwickeln, so dass sich die Menschen in diesen Binnenkulturen für ganz andere Dinge schämen, als üblicherweise. So zumindest erkläre ich mir zum Teil die Bankenkrise im Jahr 2008. Damals wussten alle Beteiligten genau, dass etwas fundamental falsch läuft. Trotzdem schämte sich niemand deswegen. Schlielich machten es alle anderen ja genauso. Bis das Kartenhaus schlielich krachend in sich zusammenfiel.
  Auch die Menschen, die sich bei die Pegida-Demonstrationen versammeln, verstehe ich ähnlich. Auch sie leben in einer Art von geschlossenem Raum, in dem sie sich gegenseitig immer weiter aufheizen, bis die Hemmschwellen fallen, gegen andere Menschen zu hetzen und ihnen Gewalt anzudrohen - oder diese Gewalt sogar auszuüben. Und das nur, weil diese Menschen aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen.
  Von daher reicht meines Erachtens die Scham nicht aus, um uns Menschen sicher durch die ethischen Fragen unseres Lebens zu führen. Sie ist, wie jedes Gefühl, zu willkürlich, um sich auf sie allein zu verlassen.

 

Zum Abschluss noch einmal die Frage:

  Was sollen wir tun?

Wenn es nach Gott geht: das Leben bewahren, im Großen, wie im Kleinen. Für die Politik heißt das, dass wir etwas gegen die Ursachen des Klimawandels tun müssen, genauso wie für den Frieden in der Welt. Auch der Einsatz für die Gerechtigkeit ist wichtig, damit in unserer Welt nicht die einen Menschen auf Kosten der anderen leben. Im Kleinen ist es ganz ähnlich. Auch dort kommt es darauf an, der Gerechtigkeit und dem Frieden den Weg zu bahnen. Und wenn wir dabei einmal scheitern, was sicher geschehen wird, sollen wir nicht verzweifeln, sondern einander vergeben und neu miteinander anfangen. Das ist ein Leben, wie es Gott gefällt.

                                                                   
                                                                                        Pfr. Paul Wassmer

____________________________________________________________________________

Mehr zu Klaas Huizing finden Sie auch bei der Predigt zu Gen. 4 (Kain und Abel).