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Was macht Kirche zu Kirche?

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Einige kritische Gedanken zur Ökumene

Unter Papst Benedikt XVI war immer wieder von höchster Stelle der kath. Kirche aus zu hören, dass die Evangelische Kirche keine "Kirche im eigentlichen Sinn" sei - sondern lediglich eine "kirchenähnliche Gemeinschaft" darstellt. Diese Äuerungen haben zu einigen Verletzungen innerhalb der Ökumene geführt. Unter Papst Franziskus ist diese Diskussionen wieder abgeflaut. Doch hat sich an der grundsätzlichen Position der katholischen Kirche in dieser Frage trotzdem nichts geändert. 

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Wie kommt es, dass Papst Benedikt XIV der Evang. Kirche das

  "Kirchesein" abspricht - und was haben wir von evangelischer Seite

  aus dazu zu sagen?

Warum Papst Benedikt XVI mehrmals der evangelischen Kirche abgesprochen hat, eine "Kirche" zu sein, lässt sich von auen nur schwer feststellen. Inhaltlich ist damit von katholischer Seite aus nichts Neues gesagt - es werden lediglich alte katholische Vorstellungen wiederholt (nach denen es nur eine wahre Kirche gibt - die katholische Kirche - und auerhalb dieser kein Weg zum Heil). Es sind allerdings Vorstellungen, von denen wir uns als evangelische Kirche erhofften - durch den ökumenischen Aufbruch nach dem II. Vatikanischen Konzil Mitte der 60.- Jahre - dass sie in der katholischen Kirche in den Hintergrund gerückt sind. Denn sie widersprechen dem Geist dessen, was in den vergangene Jahrzehnten an Gemeinschaft gewachsen ist. Dass nun genau diese alten Vorstellungen plötzlich praktisch unverändert wieder auftauchen, hinterlässt deshalb einen schalen Nachgeschmack. Auf der anderen Seite ist es aber vielleicht auch gerade jetzt an der Zeit, sich um die Fragen zu kümmern, die noch offen stehen - eben weil viel an Gemeinsamkeit gewachsen ist.

Also, was macht - von evangelischer Seite aus gesehen - eine

  Kirche zu einer Kirche?

Beginnen wir im Neuen Testament. Dort lässt sich feststellen, dass es keine Kirche im "katholischen" Sinne gibt, mit einer festen Hierarchie und einem Papst an der Spitze. Vielmehr existierte dort eine sehr lebendige Ökumene der verschiedenen Kirchen: vor allem zwei Gruppen ragten damals heraus: die einen waren judenchristlich geprägte Gemeinden, die sich als Juden und als Christen verstanden - und sich dabei streng an das jüdische Gesetz hielten - und die zweite große Gruppe waren heidenchristlich geprägte Gemeinden, die in zunehmender Zahl vor allem auerhalb von Israel entstanden und der hauptsächlich so genannte "Heiden" (also Nichtjuden) angehörten. In diesen Gemeinden wurde das jüdische Gesetz meist  frei ausgelegt. Damals drohte das Christentum über diese Frage der Einhaltung des jüdischen Gesetzes immer wieder fast auseinanderzubrechen. Dabei wurden die verschiedenen Gemeinden in dieser Zeit nicht durch eine feste Hierarchie (auch nicht durch Petrus - als dem Fels der Kirche, der von Jesus dazu eingesetzt wurde), sondern durch die gemeinsame Mitte in Christus und durch das Band der Liebe (und gemeinsame Absprachen) zusammengehalten. Theologisch wurden in dieser Zeit Worte des Apostel Paulus für das Kirchenverständnis wichtig. Er beschreibt im ersten Korintherbrief die Kirche als den unsichtbaren Leib Christi: Christus existiert in und als Kirche weiter - aber genauso, wie es Jesus Christus nur einmal gegeben hat, gibt es auch nur einen Leib Christi und nur eine Kirche. Keine Gemeinde - und keine Kirche - kann deshalb für sich in Anspruch nehmen, dieser Leib Christi ganz zu sein - sondern jeder und jede ist nur ein Teil davon. Darum kann auch nicht ein Teil zum anderen sagen, du gehörst nicht dazu - sondern wir sind als christliche Kirchen aufeinander angewiesen - um miteinander die wahre Kirche Christi zu sein.

Die katholische Kirche, die erst nach und nach im Laufe der ersten sechs Jahrhunderte entstanden ist - tat sich zunehmend schwer, ein solches ökumenisches Kirchenverständnis, in dem verschiedene Kirchen miteinander und nebeneinander existierten, anzunehmen. Sie versuchte statt dessen einen Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen, in der es auerhalb der römisch-katholischen Kirche keine andere Kirche mehr gibt. Diesem Verständnis von Kirche - in der vor allem die hierarchische Nachfolge des Petrus eine zentrale Rolle spielt (der zur Zeit Jesu eher eine Art von Regionalbischof von Galiläa war) - ist von evangelischer Seite aus strikt zu widersprechen.

Martin Luther, der Begründer der evangelischen Kirche, hat das Kirchesein im Rückblick auf das Neue Testament und die Erfahrungen der ersten Christinnen und Christen deshalb nicht hierarchisch, sondern inhaltlich festgemacht. Er nennt zwei wesentliche Punkte für das Wesen der Kirche: 

Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, in der

    - das Evangelium rein gepredigt wird

    - und die Sakramente dem göttlichen Wort gemä gereicht werden.

Welche Position vertritt dabei die Evang. Kirche in der Frage des

  Abendmahls?

Nach evang. Verständnis lädt nicht die jeweilige Kirche zum Abendmahl ein, sondern Gott selbst lädt die Gläubigen an seinen Tisch. Darum wünschen wir uns auch von evangelischer Seite, dass sich die katholische Kirche durchringt, gemeinsame Abendmahlsfeiern zuzulassen - um die Einheit der Kirchen auch in dieser zentralen Stelle gemeinsam zu leben.

Soll es am Ende also nur noch eine Kirche geben, in der alles gleich

  ist?

Etwas miteinander zu machen, heißt noch lange nicht, dass man alles zusammen machen muss. Auch muss man nicht in allen Punkten übereinstimmen, um miteinander etwas tun zu können. Ich glaube, es wäre am Ende auch gar nicht gut, weil dann eine Kirche des "kleinsten gemeinsamen Nenners" herauskäme. Auch ist es von evangelischer Sicht aus nicht notwendig, dass die katholische Kirche um miteinander Abendmahl zu feiern "evangelisch" werden muss - sie kann und soll ihre eigenen Vorstellungen und Traditionen bewahren, auch was das Abendmahl betrifft - umgekehrt möchten aber auch wir nicht als Evangelische katholisch werden müssen, nur um von der kath. Kirche als Kirche anerkannt zu werden.

In der Ökumene wird diese Position als eine "versöhnte Verschiedenheit" beschrieben. Dafür setzen wir uns als evangelische Kirche ein, im Wissen, dass wir nur gemeinsam die wahre Kirche Christi sein können. Auf diesem Weg sehen wir die Zukunft der Kirche im 21. Jahrtausend - ökumenisch - vereint im Glauben an Jesus Christus und verbunden durch das Band der Liebe. Und wir hoffen, dass wir diese Zukunft miteinander - evangelisch und katholisch - gemeinsam im Geist Christi gestalten können - und nicht an den Stolpersteinen hängen bleiben.

                                                                                                                            Pfr. Paul Wassmer