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Was ist Wahrheit?

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Was ist wahr? Eine spannende Frage in der heutigen Zeit der "alternativen" Fakten, in der manche Menschen nicht mehr zugeben können, dass sie sich in einer Frage vielleicht geirrt haben und statt dessen dreist irgendwelche angeblichen Beweise zitieren, die niemand nachprüfen kann. So wird leicht ein Klima geschaffen, in dem blinde Behauptungen eine immer größere Rolle spielen, während die tatsächlichen Fakten an den Rand gedrängt werden. Der Wahrheit tut ein solches Klima nicht gut. Denn sie lebt von den Fakten und dem Ringen um ihre sachgemäe Interpretation. Sie braucht ein Hören auf die Argumente anderer, so wie jeder Mensch die Luft zum Atmen braucht. Darum, an dieser Stelle, die Frage: Was ist Wahrheit?

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Was sind einfache Wahrheiten?
 
Eins und eins sind zwei. Ein Kreis ist rund. Es sind Aussagen, die jeder sofort versteht und denen auch jeder zustimmen kann. Manchmal werden unter diesem Etikett aber auch nur scheinbare Wahrheiten verkündet, wie zum Beispiel, dass jeder Mensch egoistisch sei und wir darum am Besten auf uns selbst sehen sollten. Dass Menschen egoistisch sind, stimmt zwar. Aber nur auf der einen Seite. Denn auf der anderen Seite können Menschen auch äuerst selbstlos sein und sich ohne Hintergedanken für andere einsetzen.

Gibt es also gar keine eindeutige Wahrheit?

Das möchten uns manche Menschen gerne weismachen. Weil ihre Welt dann viel einfacher wäre und sie tun und lassen könnten, was sie wollen. Obwohl es natürlich stimmt, dass unsere Welt kompliziert ist und wir mit einfachen Wahrheiten oft nicht weiter kommen.

Wie finden wir dann heraus, was wahr ist?
 
Die meisten Menschen verlassen sich dabei auf ihr Gefühl. Und das ist erst einmal gar keine so schlechte Idee. Denn ein solches Gefühl kann aus den geballten Erfahrungen unseres bisherigen Lebens erwachsen sein. Trotzdem sind wir gut beraten, uns bei dem, was wir für wahr halten, nicht nur auf unser Gefühl zu verlassen.

Warum?
     
Manche Gefühle können uns auch trügen. Denn Gefühle entstehen oft auch kurzfristig und sind abhängig von äueren Einflüssen. So entscheiden wir uns zum Beispiel ganz anders, je nachdem,ob es uns gerade gut geht oder nicht. Richtig und falsch sind aber größer als unsere momentane Stimmung. So wie auch die Wahrheit mehr ist als nur unser subjektives Gefühl. Darum lohnt es ich, bei manchen "Wahrheiten" genauer nachzufragen und die Quellen zu überprüfen, bevor aus dem, was wir für wahr halten, innere Überzeugungen werden.

Was spielt bei der Frage nach der Wahrheit noch für eine Rolle?
 
Es gibt ganz unterschiedliche Wahrheiten. Den grundlegenden Umgang mit diesen Wahrheiten lernen wir dabei durch unsere Eltern. Schon als Kinder saugen wir Menschen quasi mit der Muttermilch auf, was in der Familie als "wahr" akzeptiert wird. Dabei gibt es meist zwei ganz unterschiedliche Wahrheiten. Eine, die offen mit Worten benannt wird, wie zum Beispiel: "Sei immer ehrlich!". Und eine zweite, über die nie gesprochen wird und die manchmal auch ganz anders lauten kann, wie zum Beispiel: "Du darfst alles machen, was du willst. Du darfst es mir nur nie sagen oder dich dabei erwischen lassen!" Über solche versteckten Botschaften wird in vielen Familien nicht offen gesprochen. Und genau das macht sie so gefährlich. Weil wir Menschen selbst als Erwachsene uns viel öfter als wir meinen nach dieser zweiten Wahrheit ausrichten und uns dann darüber wundern, dass andere Menschen uns als nicht "wahrhaftig" empfinden.

Wo lernen wir noch, was wahr ist?

Eine Quelle ist der Glaube. Er lehrt uns Wahrheiten, die über uns hinausgehen. Wahrheiten, die uns Menschen auch über unsere Familien hinaus miteinander verbinden. Und er lehrt uns den Umgang mit der Wahrheit selbst. So wird in der Geschichte von Mose von den zehn Geboten erzählt, in denen es unter anderem heißt: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."

Das heißt, der Glaube bringt immer auch Werte in eine Gesellschaft mit ein?
 
Ja. Er versucht es zumindest. Dabei ist Religion nicht nur dafür da, um Moral zu vertreten. Aber sie bringt immer auch moralische Vorstellungen und Werte in eine Gesellschaft mit ein. Und die Frage nach der Wahrheit ist einer dieser Werte. Sogar ein ganz zentraler. Denn ohne Wahrheit können wir Menschen auf Dauer nicht leben. Umgekehrt verbraucht die Gesellschaft diese Werte immer wieder, so
dass sie letztlich auf die Religion angewiesen ist, die diese Werte stiftet. So wie auch jede Gesellschaft auf die Familien angewiesen ist, in denen Kinder Werte vermittelt bekommen.

Was sollen wir tun, wenn Grundwerte wie die Wahrheit bedroht sind?

Uns für sie einsetzen. Jede Zeit und jede Gesellschaft braucht Menschen, die bereit sind, für die Werte einzustehen, an die sie glauben. Denn es ist nicht egal, wenn einige Leute damit anfangen, die Wahrheit zu verbiegen und sich ihre  eigene Weltsicht zusammenbauen, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat.

Warum ist das gefährlich?

Weil es die Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Wahrheit ist ein hohes Gut. Ohne sie ist nichts mehr verlässlich. Wenn richtig und falsch austauschbar werden, wenn gefühlte Wahrheiten objektive Fakten ersetzen, dann ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Dann entscheiden die Mächtigen und nicht mehr die Gerechtigkeit. Das tut keiner Gesellschaft gut. So wie es auch den einzelnen Menschen nicht gut tut.
 
Gibt es auch so etwas wie eine innere Wahrheit?

Ja. Ich glaube schon, dass es so etwas wie eine innere Leitschnur gibt, der man folgt. So wie jede und jeder einen eigenen Umgang mit der Aufrichtigkeit hat. Doch diese Aufrichtigkeit wird bedroht, wenn in einer Gesellschaft plötzlich so getan wird, als spielte die Wahrheit keine Rolle mehr. Eine solche Gesellschaft korrumpiert uns. Und dem zu widerstehen ist für uns Menschen nicht immer einfach.

Gibt es denn ein hundertprozentiges richtiges Leben?

Nein. Hundertprozentig perfekt ist niemand. Wir alle stoen immer wieder an unsere Grenzen und scheitern daran. Aber wir haben unsere menschliche Würde darin, es zumindest zu versuchen. Und manchmal gelingt es uns ja auch. Der Philosoph Theodor Adorno hat einmal gesagt: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Vielleicht hat er damit ja recht. Aber es gibt zumindest so etwas wie ein aufrichtiges Leben. Eines, das versucht richtig zu leben und das mit seinem Scheitern offen umgeht, anstatt dieses Scheitern durch Lebenslügen vor sich und anderen zu verstecken.

                                                                                                                       Pfr. Paul Wassmer