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Was ist Sünde?

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Was ist Sünde? Und was unterscheidet Sünde von Schuld oder

  einem Fehler?

Ich fange mit dem Einfachsten an: Was ist ein Fehler? Ein Fehler ist etwas, das falsch gelaufen ist. Wenn zum Beispiel in der Schule jemand bei der Aufgabe: "Was ist 2 + 3?" auf das Ergebnis "4" kommt, dann ist beim Rechnen im Kopf irgendwo ein Fehler passiert. Das ist meistens nicht schlimm, nur ärgerlich.

Und was ist Schuld?

Bei der Schuld kommt zu dem Fehler ein Beziehungsaspekt dazu. Um bei dem Beispiel von gerade eben zu bleiben: Wenn sich ein Chef bei der Gehaltsabrechnung verrechnet, und aus diesem Grund bei einem seiner Mitarbeiter die Hälfte des Lohnes einbehalten wurde, dann wird an dieser Stelle die Schuldfrage ganz schnell hochkochen. Wer trägt dafür die Verantwortung? Steckt da eine geheime Absicht dahinter? Und wer ist dafür zuständig, das Ganze wieder in Ordnung zu bringen? Denn - das sollte klar sein - einfach den Fehler bei der nächsten Gehaltsabrechnung stillschweigend zu berichtigen, reicht nicht aus. Es braucht in diesem Fall schon mehr. Es ist mindestens eine Entschuldigung nötig und je nach dem, vielleicht auch eine Sonderzahlung als Ausgleich für den fälschlicherweise einbehaltenen Lohn. Wenn ein Chef dies alles macht, dann hat er eine Chance, dass die Beziehung am Ende wieder stimmt, vielleicht sogar besser wird als je zuvor. Wenn er es aber versäumt, dann liegt immer ein Graben, ein Abgrund zwischen ihm und seinem Mitarbeiter. Schuld trennt, wenn sie nicht durch Vergebung aufgehoben wird. Dabei kann der, der schuldig wurde, Vergebung nicht erzwingen. Er kann nur die Voraussetzung dafür schaffen, dass ihm der andere vergibt. Jede echte Vergebung ist immer auch Gnade.

Das heißt Schuld geht tiefer?

Ja. Denn sie greift in Beziehungen ein und verändert sie hin zum Schlechten. Und die einzige Chance da wieder einigermaen heil herauszukommen, besteht darin, den mühsamen Weg zu gehen und die Schuld einzugestehen, sich zu entschuldigen und in irgendeiner Art und Weise eine Art Ausgleich herzustellen. Und doch bleibt, wenn es dumm läuft, trotzdem immer noch ein Rest übrig. Denn, wie gesagt: Vergebung lässt sich nicht erzwingen. Umgekehrt, wenn man sich gegenseitig Vergebung schenkt, dann kann eine Beziehung dadurch an Tiefe und Kraft gewinnen, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass man miteinander so etwas Heikles wie gegenseitige Schuld bewältigt hat.

Und was ist nun Sünde?

Sünde geht noch eine Stufe tiefer. Man kann es in manchen Punkten mit der Kategorie der Schuld vergleichen. Auch hier geht es um eine Beziehung, nur eben nicht um die Beziehung zu anderen Menschen, sondern um die Beziehung zu Gott. Sünde beschreibt, was durch unsere Fehler und durch unserer Schuld in unserem Verhältnis zu Gott geschieht. Sie beschreibt den Zustand, dass wir Menschen durch unser eigenes Verschulden von Gott getrennt sind.

Warum betrifft das, was wir tun, auch Gott?

Weil alles im Leben zusammenhängt. Jesus sagt im Matthäusevangelium: "Was ihr den geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!" (Matth. 25, 40). Das heißt, alles, was wir tun, wirkt sich auch auf Gott auf, positiv wie negativ. Wir leben nicht allein, sondern wir sind verbunden, sichtbar und unsichtbar, mit anderen Menschen und auch mit Gott.

Warum reden dann so wenig Menschen von der Sünde?

Das Reden von der Sünde wurde jahrhundertelang sehr einseitig auf alles reduziert, was mit Sexualität zu tun hatte. Das hat dem Sündenverständnis nicht unbedingt gut getan. Die Sünde wurde so zu einem Unterbegriff der Sexualmoral. Durch die Veränderung der Sexualmoral im letzten Jahrhundert - und durch die in dieser Zeit noch immer bestehende Engführung der Sünde auf Fragen der Sexualität - ist der Sündenbegriff irgendwie heimatlos geworden. Heute wird darum kaum noch von der Sünde geredet. Sünde taucht meist nur noch in Zusammenhang mit Essen auf ("Eine süe Versuchung - Kann denn Essen Sünde sein?"), wenn es zu großen Umweltskandalen kommt ("Eine Sünde an der Natur") oder wenn Menschen versuchen, die Auswüchse des Kapitalismus zu beschreiben ("Die Sünde vom grenzenlosem Reichtum"). Aber auch hier wird der Sündenbegriff immer nur sehr einseitig benutzt. Es geht mehr um eine moralische Verfehlung, als um die Beziehung mit Gott.

Ist das denn so schlimm? Könnten wir das Reden von der Sünde

  nicht einfach bleiben lassen?

Sicher. Viele Leute machen das so. Und doch geht dabei auch etwas verloren. Das Leben wird flach, wenn man nur noch Fehler macht, aber keiner mehr Schuld hat - geschweige denn, dass sich jemand mit seinem Leben auch in einer Verantwortung vor Gott wei. Und doch, da bin ich ganz tief davon überzeugt, tut uns Menschen ein solches Leben nur an der Oberfläche des Lebens auf Dauer nicht gut. Zum Einen klappt das nicht. Schuld ohne Vergebung bleibt immer irgendwie an einem Kleben und vergiftet das Leben. Und zum Anderen glaube ich, dass wir Menschen auf Dauer auch eine gewisse Tiefe wollen und brauchen, um zu leben. Die spannendsten Entdeckungen wurden in der Tiefe gemacht, wie z.B. die, dass Gott zwar nicht die Sünde liebt, aber die Sünder. Und dass es Gott nicht darum geht, uns Menschen mit der Rede von der Sünde klein zu halten, sondern uns ein Leben in Vergebung zu ermöglichen.

Geht es darum auch an Ostern?

Ja. Ostern nimmt die Erfahrung auf, dass das Leben nicht immer nur gelingt. Manchmal läuft etwas schief und dann muss auch jemand dafür bezahlen. Das ist eine ganz tiefe, archaische Erfahrung von uns Menschen: Alles, was wir tun, hat auch einen Preis. Und dieser Preis kann manchmal sehr hoch sein. Die Ostergeschichte erzählt davon, dass Gott selbst den Preis für unsere Sünden bezahlt. Gott nimmt die Last auf sich, obwohl er selbst - objektiv gesehen - keine Schuld trägt. Aber er tut es trotzdem, weil immer jemand bezahlen muss und weil er an uns Menschen hängt.  Er tut es für uns - damit wir leben können. Er nimmt stellvertretend für uns den Tod auf sich - damit wir neues Leben geschenkt bekommen.

Ist die Sünde darum ein für alle mal durch Ostern besiegt?

Das kann man so nicht sagen. Der Apostel Paulus schreibt: "Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." (Röm. 7,20). Sünde beschreibt eine Grunderfahrung von uns Menschen. Sie wird auch durch Ostern nicht aufgehoben.

Aber die Ostergeschichte spricht uns zu, dass wir Menschen mit der Sünde nicht allein sind, sondern Vergebung finden können - und auch einander Vergebung schenken können, so wie es im Vater unser heißt: "Vergib uns unserer Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.". Und was kann es Schöneres geben, als aus der Kraft der Vergebung zu leben?

                                                                                                                                  Pfr. Paul Wassmer