Bonhoefferzentrum
Galerie
Galerie
Galerie

 

Was ist Glauben?

_______________________________________________________________________________

 

Was ist für Sie Glauben?

Einige Konfirmandinnen und Konfirmanden haben zu der Frage "Was ist Glaube?" verschiedene Bilder gemalt. Auf einem der Bilder war ein Schiff zu sehen, das über eine große, weite Wasserfläche segelt. In dem nachfolgenden Gespräch sagte einer der Konfirmanden, dass Glaube für ihn etwas sei, das nicht fest ist, sondern das sich bewegt, so wie auch ein Schiff nie ganz fest ist, sondern immer in Bewegung ist und auf den Wellen schaukelt.

Zugleich aber ist Glaube auch etwas, das einen trägt. Nicht umsonst hat das Bild von einem Schiff immer auch etwas Bewahrendes. Auch sagte jemand, der Glaube sei etwas, das einen vorwärts bringt. So hätte das Schiff ja auch ein Segel. Wir haben uns damals länger über dieses Bild unterhalten und ich finde, dass in ihm sehr viel von dem zur Sprache kommt,  was Glaube ausmacht.

Was ist Ihnen in Ihrem Glauben wichtig?

Drei Dinge sind für mich und meinen Glauben wichtig. Da ist zum Einen die Freiheit. Ohne Freiheit kann der Glaube nicht atmen. Und er muss atmen, wenn er leben will. Im Glauben geht es nämlich nicht ums "Recht haben", sondern um die Wahrheit. Und das ist ein großer Unterschied. Wer Recht haben will, der versucht, den anderen solange mit seiner Meinung unter Druck zu setzen, bis er nachgibt. Das hat für mich aber nichts mit Glauben zu tun. Es ist mehr ein Machtspiel. Wer sich dagegen der Wahrheit verpflichtet fühlt, der ist ein Suchender. Und er bleibt es ein Leben lang. Dabei braucht eine solche Suche Freiheit, sonst endet sie, noch bevor sie überhaupt begonnen hat. Wer es aber wagt, dem Glauben diese Freiheit zu schenken, der wird sich manchmal vielleicht verirren und Hilfe brauchen, aber er wird umgekehrt auch immer wieder etwas von der Wahrheit finden, die einen wirklich trägt und hält. In der Bibel heißt es an einer Stelle: Gott ist Geist. Und wo Gottes Geist ist, das ist Freiheit (II. Kor. 3,17). Diese Freiheit ist für mich ein wesentliches Zeichen des Glaubens.

Und was sind die beiden anderen Punkte?

Freiheit, für sich allein, endet oft in Einsamkeit. Es braucht von daher einen Gegenpol, eine Art von Ergänzung, um das Gleichgewicht zu bewahren. Dieser Gegenpol finde ich in der Gemeinschaft. In der Bibel heißt es, wir Christinnen und Christen seien - alle gemeinsam - der Leib Christi (I. Kor. 12). Das heißt: Wir können nicht für uns alleine glauben, sondern wir brauchen einander, auch in unseren Unterschieden. Auch die Wahrheit braucht ein solches Gegenüber. Damit wir uns nicht in uns selbst vergraben, sondern miteinander im Gespräch bleiben und gemeinsam darum ringen, was wahr ist und was trägt. Dabei bedeutet Leib Christi zu sein für mich, auch ganz praktisch füreinander da zu sein, durch gegenseitige Hilfe. Auch das ist ein Teil des Glaubens.

Und der dritte Punkt?

Der gebührt Gott, und nur ihm allein. Wenn die ersten beiden Punkte die Form des Glaubens beschreiben, so beschreibt dieser dritte Punkt seinen  Inhalt. Denn ohne Inhalt wäre jeder Glaube sinnlos.

Wie könen wir aber an Gott glauben, wenn wir ihn gar nicht sehen

   und greifen können?

Eine spannende Frage. Paul Tillich, ein berühmter Theologe, hat dies als eines der grundlegenden Probleme des Glaubens beschrieben. Er sagt: Wir können Gott, den Urgrund unseres Seins, nicht sehen und auch nie wirklich begreifen. Darum hält sich der Glaube oft an etwas fest, das nur ein Teil dieser Welt ist, das dafür aber sichtbar und greifbar ist. Paul Tillich bezeichnet solche Dinge als etwas "Vorletztes". Alles Mögliche kann auf diese Weise an die Stelle Gottes treten. So glauben die einen an Macht oder Geld, die anderen an Schönheit oder Erfolg. Jede und jeder hat etwas anderes, das für ihn oder sie heilig ist und das im Mittelpunkt des eigenen Glaubens steht. Doch ein solcher Glaube geht letztlich an Gott vorbei. Er verfängt sich im "Vorletzten".  Zugleich aber ist der Glaube immer auch etwas, das sich wieder frei machen kann und sich neu auf das hinbewegt, was zugleich das "Erste und Letzte" ist. Glaube hat diese Größe, sich zu trauen, nach diesem Letzten zu fragen und zu greifen, auch wenn er wei, dass er damit immer wieder auch scheitern wird.

Wie können wir dann glauben?

In Demut und Liebe. Zu Glauben heißt auch, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Denn wir stehen im Glauben jemandem gegenüber, der größer ist, als wir selbst. In der Bibel heißt es, dass der Glaube etwas ist, das aus dem Hören kommt (Röm. 10, 17). Glaube ist daher für mich etwas, das ein Leben lang wächst und sich verändert. Martin Luther hat einmal gesagt: "Wir sind keine Christen, sondern Christsein ist immer ein Werden." Manchen Menschen macht das Angst, weil sie denken, dass man dann nie mit dem Glauben fertig wird. Mich selbst macht es eher neugierig, weil ich wei, dass immer noch etwas zu erwarten ist, solange ich bereit bin, mich dafür zu öffnen.

Kann man Glauben "machen"?

Man kann Einiges dafür tun. Aber letztlich ist unser eigener Glaube immer etwas, das sich uns auch entzieht. Er ist uns ganz nah und bleibt uns doch zugleich ein Geheimnis. Letztlich können wir uns unseren Glauben immer nur schenken lassen. Glauben zu können ist eine Gnade, die uns nicht zu allen Zeiten in gleicher Weise geschenkt wird. Manchmal gibt es im Glauben auch "Wüstenzeiten", in denen die Zweifel das Vertrauen niederringen. Auf der anderen Seite können sich gerade in solchen "Wüstenzeiten" wichtige Veränderungen im Glauben anbahnen, die man selbst in dieser Zeit noch gar nicht wahrnimmt, die aber später zu einem wichtigen Teil des eigenen Glaubens werden.

Wie wirkt sich Glaube praktisch aus?

Bei jeden Menschen etwas anders. Christlicher Glaube hat dabei einen Schwerpunkt in einer gewissen "Innerlichkeit". Ich würde meinen eigenen Glauben auch dort als erstes "verorten". Glaube hat für mich etwas mit Vertrauen zu tun und damit, der Welt mit Liebe zu begegnen. Zugleich hat Glaube aber auch etwas mit dem zu tun, was ich wei und an Erfahrungen gesammelt habe. Denn Glaube ist mehr als nur ein Gefühl. Glaube deutet die Erfahrungen, die wir mit dem gemacht haben, was uns "heilig" ist und bringt sie in einen größeren Zusammenhang. Man könnte darum auch sagen, Glaube ist eine Erfahrung, die hinter den Erfahrungen steckt. Und nicht zuletzt ist Glaube etwas, was wir tun. Wenn wir beten, wenn wir Gottesdienst feiern, aber genauso, wenn wir uns für andere einsetzen. Glaube lebt davon, dass er nicht nur in uns bleibt, als etwas Innerliches, sondern sich nach drauen wagt und sich in der Welt einmischt. "Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt!" , sagt Jesus in der Bergpredigt. Auch das macht den Glauben aus, weil er Gott und der Liebe, die in Gott wohnt, verpflichtet ist.

_____________________________________________________________________________________ 

"Das musst du glauben!" Diesen Satz habe ich als Kind öfter von meinem Pfarrer gehört. Er hat mir damals nicht gut getan. Ich kam mit meinen Fragen, mit dem, was ich bin, plötzlich im Raum des Glaubens nicht mehr vor. Fast so, als müsste ich meinen Verstand - einen Teil von mir selbst - abgeben, wenn ich mich Gott annähern will. Es hat Jahre gebraucht, bis ich diesen Satz wieder ablegen konnte. Heute wei ich, ich kann auch mit meinen offenen Fragen zu Gott kommen, mit meiner Vernunft - auch wenn sie immer wieder an Grenzen kommt. Ich darf ich selbst sein, wenn ich zu Gott komme - und ehrlich gesagt, wenn ich es nicht selbst bin, würde es ja auch nur wenig Sinn machen. Was ich abgeben muss, wenn ich zu Gott komme? Es sind ganz andere Dinge: meine Vorurteile, schon alles zu wissen, meinen Egoismus, den Neid oder das Selbstmitleid. Und vor allem den Hass, den ich manchmal in mir trage. Sie trennen mich von Gott - nicht mein Verstand.

_____________________________________________________________________________________ 

 

Was ist Glaube?

Etwas, das aus dem Hören kommt.

Was ist Glaube?

Zu 80 % Vertrauen, zu 10 % Wissen und zu 20 % Handeln;

also etwas, das beim Nachrechnen nie richtig aufgeht und das doch,

auf seine ganz eigene Art und Weise in einem tieferen Sinn in sich stimmt.

Was ist Glaube?

Etwas, das uns hilft, mit der Welt nicht fertig zu werden,

sondern mit ihr und auch uns selbst immer wieder neu anzufangen.

Was ist Glaube?

Manchmal mehr Fragen als Antworten, angesichts dessen, was alles in der Welt geschieht.

Aber da ist doch jemand, ein Gegenüber,

dem man all´ diese Fragen stellen kann und der einem hilft, nicht zu verzweifeln.

Was ist Glaube?

Mit Gott zu reden, mit im Gespräch zu bleiben und zu merken,

wie sich das eigene Leben dabei verändert.

Zu spüren, wie man sich traut mehr auf die Liebe zu setzen,

anstatt sich im Hass einzurichten

und wei gut es tut, diese Liebe im eigenen Leben umzusetzen.

Was ist Glaube?

Wenn es eng auf eng kommt,

sich notfalls auch nur an einem einzigen Wort festzuhalten, wenn Wahrheit darin wohnt.

Was ist Glaube?

Am Ende ganz viel Gnade.

Es ist ein Geschenk, nichts, das wir selbst machen können

und doch etwas, für das wir viel tun können.

Was ist Glaube?

Was glauben Sie?

 

Pfr. Paul Wassmer

_____________________________________________________________________________________

"Man muss den Glauben erbitten, wie das tägliche Brot: unseren täglichen Glauben gib uns heute. Von keinem wird verlangt, alles sofort zu glauben!"   

Dietrich Bonhoeffer