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Gibt es Wunder?

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Gibt es Wunder?

Ja. Warum auch nicht? Ich jedenfalls wundere mich immer wieder. Nicht jeden Tag, aber ich komme doch in kleineren oder größeren Abständen ins Staunen. Solange so etwas geschieht, gibt es für mich auch Wunder.

Was ist ein Wunder?

Ein Wunder ist für mich, wenn etwas geschieht, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Also etwas, das jenseits meiner Erwartungen liegt.

Gibt es dann auch Wunder, in denen etwas Schlechtes geschieht?

Nein. In solchen Fällen würde ich eher von Enttäuschungen sprechen. Wunder sind für mich mit positiven Überraschungen verbunden. Etwas geschieht, das mich freudig überrascht.

Was ist für Sie das größte Wunder?

Das größte Wunder ist für mich, dass es so etwas wie unsere Welt überhaupt gibt. Viele Menschen nehmen es als ganz selbstverständlich, dass es sie selbst gibt und dass auch eine Welt da ist, in der sie leben. Wer sich aber näher mit diesen Fragen beschäftigt, kann schon ins Staunen kommen: Warum, zum Beispiel, hat sich - wie es unsere Wissenschaft beschreibt - vor vielen Milliarden Jahren plötzlich quasi aus dem Nichts heraus ein Urknall ereignet aus dem unser Universum entstanden ist? Viele Wissenschaftler suchen hier nach Antworten. Sie forschen, sie fragen, und - so denke ich - sie staunen, ebenso wie ich, dass es so etwas wie unser Universum überhaupt gibt und dass die Welt nicht einfach nur kalt und leer ist.

Was hat es mit den Wundern in der Bibel auf sich?

Auch da haben Menschen gestaunt. Sie haben etwas erlebt, das die Erfahrungen ihrer normalen Welt gesprengt hat und haben sich darüber gewundert und es dann weitererzählt. Manches davon hat sich in den Erzählungen vielleicht etwas verändert, wurde noch wunderbarer, um das Besondere zu betonen. Wer wei? Aber am Anfang stand genau ein solches Staunen.

Wie ist das mit den Wundern bei Jesus?

Viele der Wunder Jesu sind Heilungen. Wenn man die Evangelien durchliest, so kann man immer wieder über solche Heilungen stolpern. Ich vermute - ohne jetzt genau nachgezählt zu haben - dass in rund 90 % der Wundergeschichten, die von Jesus erzählt werden, Heilungen im Mittelpunkt stehen. Damals sind Menschen zu Jesus gekommen und wurden an Leib und Seele gesund. Kein Wunder, dass die Menschen darüber gestaunt haben und davon anderen weiter erzählt haben.

Gibt es solche Heilungswunder auch heute?

Sicher. Sie werden oft nur anders genannt. In der Medizin heißt der Fachbegriff dafür "Spontanheilung". Dieses Wort bedeutet aber letztlich nichts anderes, als dass der Patient oder die Patientin von einem Moment auf den anderen gesund geworden ist, ohne dass die Ärzte dafür eine Erklärung haben. Man könnte statt dessen genauso gut auch von einem Wunder sprechen. Manche Ärzte tun dies auch. Sie nennen es ein medizinisches Wunder, das alle ihre Erwartungen durchbrochen hat

Heißt das auch, dass solche Wunder die Naturgesetze

  durchbrechen?

Ich wei es nicht. Ich halte mich nicht für so kompetent, dies beurteilen zu können. Wer wei, vielleicht finden die Wissenschaftler in 100 Jahren heraus, woran es liegt. Bei manchen Heilungen spielt vermutlich die Psyche eine Rolle. Unser Geist ist viel stärker mit unserem Körper verbunden, als wir Menschen dies uns oft vorstellen. Auch Jesus hat damals nach einer gelungenen Heilung oft gesagt: "Nicht ich habe dich gesund gemacht, sondern dein Glaube hat dir geholfen." Auf jeden Fall, so denke ich, geht es bei den Wundern nicht als Erstes darum, dass Naturgesetze aufgehoben werden, obwohl manche Wunder für uns heute naturgesetzlich nicht, oder auch vielleicht noch nicht, erklärbar sind.

Was war das größte Wunder im Leben Jesu?

Die Auferstehung. Sie durchbricht alle Erwartungen. Was tot ist, ist tot. Diese leidvolle Erfahrung machen wir Menschen immer wieder. Sie legt uns Menschen fest und bestimmt unser Leben. Und das soll plötzlich nicht mehr gelten? Was kann es Größeres geben?

Und was ist das Wunder von Weihnachten?

Das Wunder von Weihnachten ist für mich, dass Gott, die Kraft, die hinter dem Universum steckt, nicht weit entfernt von uns Menschen lebt, sondern uns ganz nah kommt. Wir Menschen sind nicht allein, Gott ist bei uns. Das ist der Kern von Weihnachten: Gott kommt zu uns. Die Weihnachtsgeschichte erzählt dies und gestaltet es aus. Gott kommt nicht als König, sondern als Kind. Er wird nicht in einem Palast geboren, sondern in einem Stall. So ist Gott, sagt die Bibel. Er kommt in unsere Welt. Er kommt zuerst zu denen, die am meisten auf ihn warten, zu den Armen und Entrechteten. Aber er kommt auch zu den Reichen, zu den Denkern und Weisen. Davon erzählt die Geschichte von den drei Königen. Wer sich auf so näher auf die Weihnachtsgeschichte einlässt, hat immer wieder die Möglichkeit, sich neu zu wundern und zu staunen. Auch heute. Denn das ist ja das besondere an der Advents- und Weihnachtszeit: dass sie das Bewusstsein dafür offen hält, dass dieses Kommen Gottes noch nicht abgeschlossen ist, sondern dass Gott auch heute zu uns kommt, in vielerlei Gestalt und auf unterschiedlichste Weise, zum Beispiel dort, wo Menschen füreinander da sind. Wer für solche Momente ein Gespür entwickelt, der kann vielleicht auch hier und heute manches Wunder erleben.

                                                                                                                 Pfr. Paul Wassmer

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    "Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben;
     entweder so, als wäre nichts ein Wunder,
     oder so, als wäre alles ein Wunder."              (Albert Einstein) 

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Vogel

   "Nicht müde werden,
     sondern dem Wunder
     leise wie einem Vogel
     die Hand hinhalten"          (Hilde Domin)

"... dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hin halten." Vielleicht ist dies ja der angemessene Umgang mit Wundern? Sie nicht einzufordern, als seien sie unser gutes Recht, sie nicht einzuplanen, als könnte man mit ihnen rechnen, aber auch nicht die Augen vor ihnen zu verschlieen, nur weil sie vielleicht das eigene Weltbild zu sehr durcheinanderbringen könnten. Nein, das alles nicht. Statt dessen: ihnen die Hand hinhalten. Leise, vorsichtig, so wie man es tut, wenn man versucht, einen Vogel Futter zu geben.
 
Vielleicht kommt dann ja das Wunder ebenso leise und vorsichtig bei uns vorbei? So leise und vorsichtig, dass wir es am Anfang überhaupt nicht bemerken? Und erst nachträglich, im Rückblick, begreifen wir, wie wunderbar es doch war?
   Wie auch immer: Eines ist auf jeden Fall klar. Die eigene Welt wird viel spannender für alle, die nicht müde die Augen schlieen und blind durch´s Leben gehen, sondern die ihre Augen öffnen und dabei auch damit rechnen, dem einen oder anderen Wunder zu begegnen.