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Was hat es mit

der Jungfrauengeburt auf sich?

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"Geboren von der Jungfrau Maria" - so heißt es über Jesus im Glaubensbekenntnis, das regelmäßig im Gottesdienst gemeinsam gesprochen wird und in dem wir uns als Christinnen und Christen zu dem Kern unseres christlichen Glaubens bekennen. Doch viele Menschen tun sich mit der Vorstellung einer solchen Jungfrauengeburt schwer. Sie fragen: Was hat es eigentlich mit der Jungfrauengeburt auf sich? War Jesus wirklich Gottes Sohn? Und wie können wir uns das heute vorstellen?"

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Wird Jesus in der Bibel als Sohn Gottes bezeichnet?

Ja. Die Bezeichnung von Jesus als Sohn Gottes findet sich in der Bibel an verschiedenen Stellen - unter anderem taucht diese Vorstellung auch in der Geschichte von seiner Geburt auf.

Hat Jesus auch selbst von sich als "Sohn Gottes" gesprochen?

Jesus hatte seine ganz eigene Art mit dem Thema umzugehen. Er sagte immer, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Für Jesus war jeder Mann ein Sohn Gottes und jede Frau eine Tochter Gottes. Auch im "Vater Unser" heißt es ja, wir Menschen sollen zu Gott "Vater" sagen. Auf der anderen Seite hat Jesus von sich selbst nie direkt als Sohn Gottes gesprochen. Wenn er von sich selbst sprach, hat er für sich eher den Titel "Menschensohn" benutzt.

Wo finden sich in der Bibel nähere Hinweise, dass Jesus in

  besondere Weise Gottes Sohn ist?

Es gibt eine interessante Stelle im ersten Kapitel des Römerbriefes (Vers 3 und 4), nach der Jesus von der Geburt her aus dem Geschlecht Davids stammt. Nach dem Stammbaum Jesu, so wie er sich im Matthäusevangelium findet (Kap. 1), würde das bedeuten, dass Josef der leibliche Vater von Jesus wäre. Wie wird Jesus dann aber zum Sohn Gottes? Durch Adoption! Hinter dieser Idee steckt die Vorstellung, dass Jesus sich in seinem Leben so für Gott geöffnet und in so vorbildlicher Weise nach Gottes Willen gelebt hat, dass Gott ihn nach seinem Tod als Sohn adoptiert hat - und die Auferstehung ist dann das Zeichen für diese Einsetzung von Jesus als Sohn Gottes.

Das klingt spannend. Gibt es in der Bibel noch andere

  Vorstellungen, wie Jesus zum Sohn Gottes wurde?

Aber sicher. Die ersten Christinnen und Christen hatten da ganz verschiedene Arten und Weisen, sich das vorzustellen. Eine davon findet sich im Markusevangelium (Kapitel 1). Dort wird erzählt, wie Jesus sich von Johannes dem Täufer im Fluss Jordan taufen lässt. Bei dieser Taufe war Jesus bereits ein erwachsener Mann. Nach dem Markusevangelium erscheint der Geist Gottes (wie eine Taube) und kommt auf Jesus. Und eine Stimme ist aus dem Himmel zu hören, die sagt: "Dies ist mein lieber Sohn". Das heißt, nach dieser Vorstellung wurde Jesus bei der Taufe zum Sohn Gottes. Gott schenkt Jesus seinen Geist und nimmt ihn so als seinen Sohn an.

Und die Jungfrauengeburt?

Diese Vorstellung findet sich im Lukasevangelium. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist der, dass Jesus schon von Anfang an mit Gott in besonderer Weise verbunden war. Ursprung dieser Vorstellung könnte eine Verheiung aus dem Alten Testament sein, die sich beim Propheten Jesaja (Kap. 7, Vers 14) findet. Nach dieser Verheiung wird eine "Jungfrau" den Messias gebären. Doch lässt sich dieses Wort aus dem Propheten Jesaja ebenso als "junge Frau" übersetzen. Doch für die Menschen in der Antike, die von den griechischen und römischen Sagen geprägt waren, war die Vorstellung einer Jungfrauengeburt vermutlich viel naheliegender. Schlielich kannten sie ähnliches bereits aus den alten Göttersagen, in denen der Göttervater Zeus immer wieder in verkleideter Gestalt auf die Erde kommt und dabei auch einigen Frauen nahekommt. Doch während in den Göttersagen dieses Näherkommen durchaus sexuell geprägt war, wird dieses Näherkommen im Lukasevangelium auf eine geistige Weise vorgestellt. So ist vermutlich die Vorstellung der Jungfrauengeburt entstanden. Diese Vorstellung von einer Jungfrauengeburt war für viele Menschen in der Antike ein Bild, mit dem sie sich auf gute Weise die besondere Verbindung von Jesus mit Gott vorstellen konnten. Nach dieser Vorstellung war Jesus beides: er war ein Mensch - und zugleich wohnte von Anfang an etwas von Gott in ihm.

Findet sich eine solche Vorstellung von einer Jungfrauengeburt auch

  in den anderen Evangelien?

Nein. Nur im Lukasevangelium. Im Matthäusevangelium, das neben dem Lukasevangelium ebenfalls von der Geburt Jesu erzählt, ist eine solche Jungfrauengeburt nicht zu finden. Dafür findet sich dort ganz am Anfang eine Liste mit den Vorfahren Jesu, die aber nicht über Maria läuft, sondern über Josef. Das heißt, nach dem Matthäusevangelium gilt Josef als der Vater von Jesus.

Und was steht im Johannesevangelium?

Dort ist noch einmal eine ganz andere Vorstellung zu finden. Das Johannesevangelium beginnt mit den Worten: "Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott!". Nach der Vorstellungswelt des Johannesevangeliums ist Jesus dieses Wort, das von Anfang an - noch vor der Erschaffung der Welt - bei Gott ist. Das heißt, nach dem Johannesevangelium ist Jesus bereits seit Anbeginn der Zeiten Gottes Sohn. Diese Nähe von Jesus zu Gott wird im Johannesevangelium auch besonders betont, indem Jesus hier Gott sehr oft seinen Vater nennt und sich zum Teil mit ihm gleichsetzt.

Muss man dann an die Jungfrauengeburt glauben?

In der katholischen Kirche wurde die Jungfrauengeburt zu einem Dogma erhoben, also zu etwas, an das man als Christ oder Christin glauben soll. In der evangelischen Kirche halten wir uns an die Bibel. Und dort, so kann man sehen, gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen von Jesus als Sohn Gottes - und die Jungfrauengeburt ist nur eine davon. Von daher gibt dies uns Menschen heute - wenn wir uns an die Bibel halten - eine innere Freiheit, mit der Jungfrauengeburt auch anders umzugehen. Sie ist nur eine unter verschiedenen Deutungsmöglichkeiten für die Nähe von Jesus zu Gott.

Welche Bedeutung hat die Vorstellung der Jungfrauengeburt

   dann für uns heute?

Ich persönlich denke, dass Glaube immer etwas damit zu tun hat, eigene Erfahrungen in Worte zu fassen. Dazu braucht es oft Bilder und Vergleiche. Die Sprache des Glaubens ist eine andere, als die der Mathematik. Aber sie hat ihre ganz eigene Wahrheit. Wichtig sind für mich immer die Erfahrungen, die dahinter stecken. Im Falle der Jungfrauengeburt ist es die Erfahrung der Menschen damals, dass sie in der Begegnung mit Jesus das Gefühl hatten, Gott selbst zu spüren. Da war etwas, das über Jesus als Mensch weit hinaus ging. Diese Erfahrung, dass Jesus angefüllt war mit Gottes Nähe, dass ihnen gleichsam Gott selbst in einem Menschen gegenüberstand, versuchten die Menschen damals in Bildern und Vergleichen zu beschreiben. Die Vorstellung von Jesus als Sohn Gottes erschien ihnen dazu als ein passendes Bild. Und wenn man dieses Bild weiter ausmalt, dann kommt man ganz leicht an die Stelle, in der manche Menschen von der Jungfrauengeburt sprechen. Manche der ersten Christinnen und Christen haben dies getan, weil es für sie ein gutes Bild, ein guter Vergleich war - und alle, die es heute ähnlich empfinden - sollten sich ihnen anschlieen. Es malt diese Nähe von Jesus zu Gott in kräftigen Farben aus. Andere aber, die durch diese Vorstellung eher abgeschreckt werden, können in der Bibel auch andere Vorstellungen finden, die ihnen vielleicht helfen, sich diese besondere Nähe Jesu zu Gott vorzustellen.

Wie gesagt, die Sprache der Religion hat ihre ganz eigenen Regeln. Und manchmal kommt es nicht so sehr darauf an, welches Bild im Vordergrund steht, sondern darauf, ob die Erfahrung, die dahinter steckt, hier und heute lebendig wird. Für mich ist die Geschichte von der Geburt Jesu dabei immer wieder neu anregend, mich auf diese Erfahrungswelt einzulassen. Diese Erfahrung wünsche ich allen Menschen.

                                                                                                                               Pfr. Paul Wassmer