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Was sagt die Bibel

zur Erschaffung der Welt?

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Oder: Wie passen Glaube und Naturwissenschaft zusammen?

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Wie passen die Evolutionstheorie und die Schöpfungsgeschichte

   in der Bibel zusammen?

Für mich passen beide gut zusammen. Doch nicht alle Christinnen und Christen sehen das so. Manche Christinnen und Christen - vor allem in Amerika - sagen: Entweder gilt die Schöpfungsgeschichte in der Bibel - oder aber die Evolutionstheorie. Für sie ist beides ein unüberbrückbarer Gegensatz, der nur ein "Entweder-Oder" zulässt. Dabei gehen die meisten dieser Menschen davon aus, dass die Bibel im wortwörtlichen Sinne wahr ist und dass Gott die Lebewesen einzeln erschaffen hat, also jede Tierart für sich, so wie es in im ersten Buch Mose erzählt wird (von dieser Vorstellung her hat diese Glaubensauffassung auch ihren Namen erhalten: Kreationismus). Diese Christinnen und Christen bekämpfen die Evolutionslehre radikal (bis dahin, dass sie versuchen, sie aus den Lehrplänen der Schulen zu verbannen). Ihr starker Einsatz gegen die Evolutionstheorie hat Amerika tief gespalten und dort zum Teil zu einer Atheismuswelle geführt. Vertreter dieser neuen Form des Atheismus lehnen den Glauben grundsätzlich ab, weil er angeblich der Vernunft widerspricht - und den Hass und die Intoleranz fördert.

  Muss man sich wirklich entscheiden? Also entweder Glaube - oder

    Naturwissenschaft?

Ich glaube, man muss sich im Leben immer wieder entscheiden. Zwischen Hass oder Liebe. Zwischen Vergeltung und Versöhnung. Aber nicht zwischen Glaube oder Naturwissenschaft. Für mich wird hier von den Kreationisten ein künstlicher Widerspruch aufgebaut, der so nicht sein muss.

  Wie kann man denn beides anders miteinander verbinden, ohne in

    ein solches "Entweder-Oder-Denken" zu verfallen?

Das fängt für mich damit an, dass man die Bibel ernst nimmt. "Ernst" nehmen heißt dabei nicht unbedingt das Gleiche, wie "wörtlich" nehmen. Manchmal kann sich beides sogar widersprechen. Ernst nehmen heißt zum Beispiel, dass man erkennt, dass die Bibel aus unterschiedlichen Arten von Texten besteht. Es kommen in der Bibel Gebete vor, wie die Psalmen, es gibt Briefe, wie sie zum Beispiel der Apostel Paulus geschrieben hat, und es kommen dort auch Glaubensbekenntnisse vor, wie zum Beispiel das Bekenntnis, dass Jesus auferstanden ist, oder auch das Bekenntnis, dass Gott die Welt erschaffen hat. Jede Art von Text hat dabei auch ihre eigene Art von Wahrheit. Ein Liebesgedicht, wie es zum Beispiel im Hohen Lied der Liebe vorkommt, hat eine andere Art von Wahrheit, als zum Beispiel ein Geschichtstext, wie er in den Büchern der Chroniken zu finden ist. Das heißt, es lohnt sich, die Texte daraufhin anzusehen, um was für eine Art von Text es sich handelt.

Das Zweite, was zu diesem ernst nehmen für mich dazugehört, ist, dass man die biblischen Texte in ihren Unterschieden wahrnimmt und nicht versucht, alles in den gleichen Topf zu werfen und so zu tun, als gäbe es diese Unterschiede nicht. Denn die Bibel lebt von dieser Vielfalt und man würde ihr einen großen Teil ihrer Kraft rauben, wenn man ihr diese Vielfalt nicht mehr zugesteht.

Welche Unterschiede meinen Sie?

In der Bibel gibt es - ganz am Anfang im ersten Buch Mose - zwei verschiedene Geschichten vom Anfang der Welt. Diese beiden Geschichten haben vieles gemeinsam. Umgekehrt aber unterscheiden sie sich auch in wesentlichen Punkten und setzen unterschiedliche Akzente.

Welche Geschichten meinen Sie?

Eine der biblischen Geschichten vom Anfang des Lebens ist die Geschichte von Adam und Eva. Diese Geschichte beginnt mitten in der Wüste. Sie erzählt den Beginn des Lebens mit einfachen Worten. Alles fängt hier damit an, dass ein Nebel über der Wüste aufsteigt und so Wasser in die Wüste kommt. Und dort, wo vorher alles noch Sand war, wo kein Strauch und kein Grashalm gewachsen ist, kann das Leben langsam anfangen zu blühen. In dieser Geschichte nimmt nun Gott etwas von diesem Wasser und vermischt es mit der Erde und erschafft so den ersten Menschen. Doch dieser Mensch atmet noch nicht. So haucht ihm Gott selbst seinen Atem des Leben ein. Das heißt, nach dieser Geschichte ist alles menschliche Leben ein Geschenk von Gott. Auch sorgt sich Gott um den Menschen und schafft ihm mitten in der Wüste eine Oase, einen Ort des Lebens, mit vielen großen Bäumen und einer Quelle, aus der viele Flüsse gleichzeitig entspringen. Und doch bleibt der Mensch einsam - so schafft Gott die ersten Tiere. Die Geschichte erzählt, dass Gott jede Tierart für sich erschafft und der Mensch den Tieren ihren Namen gibt. Doch der Mensch blieb weiter einsam, obwohl sich Gott so um ihn sorgt und ihm immer neue Tiere schenkt. Bis am Ende Gott dem Menschen schlielich ein Gegenüber schafft - so entstehen aus dem einen Menschen zwei Menschen - Adam und Eva - Mann und Frau - die aber - wie die Geschichte vom Baum der Erkenntnis erzählt - verführbar sind - und so schlielich das Paradies verlieren. Es ist eine zeitlose Geschichte, mit der die Menschen damals bekannten, dass unser Leben aus Gottes Hand kommt - und dass wir Menschen mit diesem Leben nicht immer nur das Richtige anfangen.

Moment, Sie sagen, diese Geschichte ist ein Bekenntnis?

Genau. Ein Bekenntis, kein Tatsachenbericht. Schlielich war bei der Erschaffung der Welt auch kein Mensch dabei, der mitschreiben konnte. Aber trotzdem hatten die Menschen Fragen: Wo kommen wir her? Wie begann das Leben? Und so erzählten sie sich diese Geschichte, mit der sie sich dazu bekannten, dass alles Leben von Gott her kommt. Über viele Jahrhunderte haben sich die Menschen diese Geschichte weitererzählt und so ihren Glauben an Gott lebendig gehalten. Bis dann etwas geschehen ist, das ihr Bekenntnis in Frage gestellt hat.

Was geschah damals?

Die Israeliten wurden von einem Aggressor von auen überfallen und verschleppt. Diese feindliche Macht brachte viele Israeliten in ihre Hauptstadt nach Babylon. Dort mussten sie als Sklaven für die neuen Machthaber arbeiten. Viele Israeliten verzweifelten angesichts der großen militärischen Übermacht. Andere kamen auch ins Zweifeln, weil die Babylonier als eine Seefahrernation viel mehr Wissen über die Welt hatten, als sie selbst. Sie trauten ihrem eigenen Wissen nicht mehr, und auch nicht mehr ihrem eigenen Glauben. In dieser Zeit ist als Antwort auf diese Zweifel ein zweites, ein neues Bekenntnis entstanden.

  Und wie sieht dieses Bekenntnis aus?

Es erzählt die Geschichte von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Alles beginnt hier mit einer Art von Ur-Chaos - einem großem Tohuwabohu - in das Gott langsam Ordnung hineinbringt. Diese Ordnung ist eine gute Ordnung, so dass man keine Angst haben muss, ganz im Gegensatz zu den Babyloniern, die ihrer Welt nie ganz trauten und immer Angst davor hatten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Auch sind in dieser Welt der Mond und die Sterne keine Götter, sondern nur Lampen, die Gott an den Himmel geklebt hat. Das sind zwei neue Akzente, die in diesem zweiten Bekenntnis zu Gott als Schöpfer der Welt gesetzt werden.

In dieser Geschichte vom Anfang des Lebens wird auch eine Entwicklung des Lebens beschrieben, wobei sich hier die Reihenfolge im Vergleich zu der ersten Geschichte deutlich verändert hat.  So beginnt hier das tierische Leben zuerst im Wasser - danach kommen die Vögel - und erst danach - gemeinsam benannt und von daher auch sehr viel enger miteinander verbunden - kommen die Landtiere und die ersten Menschen (die in dieser Geschichte von Anfang an zu zweit sind). Vieles in dieser Geschichte erinnert fast schon an die Evolutionstheorie von Charles Darwin.

Der Schwerpunkt dieser Geschichte liegt dabei auf dem siebten Tag, dem Tag, an dem Gott ruht und an dem Gott auch den Menschen einen Tag der Ruhe schenkt. So sagt diese Geschichte: das Leben ist mehr als Mühe und Arbeit. Denn wenn selbst Gott nach sechs Tagen harter Arbeit ruhte - dann soll auch unser menschliches Leben solche Ruhepunkte besitzen, in denen wir Menschen aufatmen können und Zeit haben, für Gott und füreinander.

Mit diesem Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt erkämpften sich damals die gefangenen Israeliten einen freien Tag in der Woche und legten so nicht nur den Grundstein für unser heutiges Wochenende, sondern halfen damals auch den Menschen in der Fremde überleben zu können und dabei auch den eigenen Glauben zu bewahren.

Und beide Geschichten finden sich in der Bibel?

Ja, direkt hintereinander. Wobei das neuere und modernere Bekenntnis nach vorne gerutscht ist. Dabei setzen beide Bekenntnisse unterschiedliche Akzente - sowohl was das Menschenbild - als auch was das Weltbild angeht, das hinter ihnen steht. Aber die Menschen, die hinter der Bibel stehen, hatten die Größe, beide Bekenntnisse in ihren Unterschieden "Stehen" zu lassen. Sie nahmen die Bibel also nicht wörtlich, sondern eher beim Wort, nämlich in dem Sinn, dass Gott der Schöpfer von allem ist. Dabei waren den Menschen, welche die Bibel zusammengestellt haben, beide Bekenntnisse wichtig, so dass sie beide bewahrt haben, und nicht das eine durch das andere ersetzt haben. Sie hatten also keine Probleme damit, mit einer gewissen Vielfalt im Glauben umzugehen. Ganz im Gegensatz zu manchen Christinnen und Christen heute, die meinen, alle Unterschiede glattbügeln zu müssen.

Was bedeutet das nun für uns heute?

Die beiden Bekenntnisse, die ganz bewusst am Anfang der Bibel stehen - laden uns Menschen der Neuzeit ein, uns ebenfalls zu bekennen. Und mit ihren Unterschieden und Akzenten, die sie in sich tragen, machen sie uns heute Mut, dass auch wir es wagen, unser Wissen mit in ein solches Bekenntnis einzubringen und auch eigene Akzente zu setzen, die für uns Menschen heute - in Bezug auf Gott und seine Welt - wichtig sind.

Ein solches Bekenntnis täte unserer Zeit gut - und dazu muss man nicht die Evolutionslehre verdammen oder die Logik und den Verstand unserer Welt ablehnen - sondern man kann beides nutzen, so wie es auch die Menschen früher getan haben, um den eigenen Glauben in dem eigenen Weltbild eine Sprache und einen Raum zu geben. In dem biblischen Verständnis von Glauben ist dazu auf jeden Fall Platz. Schlielich haben sich schon die Menschen, welche die Bibel geschrieben haben, diese Freiheit genommen, ihr erstes Bekenntnis, das ihnen viele Jahrhunderte hindurch Halt und Orientierung gegeben hat, durch ein zweites zu ergänzen. Vielleicht bräuchten auch wir heute ein solches neues Bekenntnis, das diese beiden anderen Bekenntnisse nicht ersetzt, aber ergänzt.

Und wie könnte ein solches Bekenntnis aussehen?

Es wäre ein Bekenntnis zu Gott als der Kraft, die hinter allem Leben steht. Wer wei, vielleicht würde es ja so anfangen:

Am Anfang war noch keine Zeit und kein Raum. Aber es gab eine Macht, die alles anfüllte. Von dieser Macht kommt alles her. Zu ihr geht alles hin. Diese Macht ist Gott.
 
Er schuf unser Universum, indem er Zeit und Raum und Materie in einem Punkt zusammenballte. Mit einem großen Knall lie er danach alles auseinander fliegen. Es sah schön aus, wie ein großes, riesiges Feuerwerk. Zuerst entstanden so die Bausteine für die ersten Atome, danach die ersten Atome selbst, vor allem Wasserstoff und Helium. Sie ballten sich zusammen und wurden zu Sonnen, in denen alle anderen Atome "gebacken" wurden. So ist alles, was ist, aus dem Staub der Sterne entstanden. Auch wir Menschen sind aus "Sternenstaub".
 
Viele Sterne sind seit dieser Zeit entstanden. Sie bildeten Haufen und Galaxien. Sie leuchteten und strahlten und füllten die Welt mit ihrem Licht. Bei manchen Sternen kam es dazu, dass sich Planeten bildeten. Und auf manchen Planeten konnte sich Leben entwickeln. Gott hatte dazu der Welt seine Gesetze mitgegeben. Er wollte, dass das Universum voller Leben ist. Auch auf unserer  Erde bildete sich das Leben. Zuerst im Wasser, dann auf dem Land. Zuerst die Pflanzen, dann die Tiere (kleine Tiere, wie die Ameisen und große Tiere, wie die Dinosaurier) und danach kam der Mensch.
 
Der Mensch hatte ein Bewusstsein von sich selbst. Er konnte sprechen, denken, lieben und gemeinsam mit anderen etwas tun. Er war in vielem ein Abbild von Gott, der auch ein Bewusstsein von sich selbst hatte, der denken konnte und lieben. Die Menschen lernten im Laufe ihrer Entwicklung den Ackerbau und wurden sesshaft. Da zeigte sich Gott den Menschen und sagte ihnen: "Habt Ehrfurcht vor dem Leben. Haltet Frieden untereinander und bewahrt die Schöpfung, so dass ihr die Erde nicht zerstört." Doch die Menschen hörten nicht auf ihn. Sie gingen ihre eigenen Wege und diese Wege wurden immer schneller und schneller. Technik und Wissen explodierten, aber das Wissen von Gott und von dem, was Gut und Böse ist, ging darüber oft verloren. So meinten viele Menschen, sie wüssten schon alles, weil sie so viele Fakten in ihren Händen hielten wie noch niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dabei sahen sie oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Sie verschlossen ihre Augen vor den Wundern Gottes in dieser Welt und waren oft auch Gott gegenüber blind. So sind bis heute viele Menschen auf der Suche nach Gott. Dabei ist er längst hier und reicht allen Menschen die Hand, damit wir mit ihm zusammen das Leben finden.

So oder so ähnlich könnte ich mir ein solche drittes Bekenntnis vorstellen. Es könnte uns helfen, für uns selbst einen Ort in dieser Welt zu finden - und zugleich mit unserem Leben und Glauben eine Antwort auf die Fragen zu geben, welche die Welt an uns stellt.

Und wie lange würde ein solches Bekenntnis Bestand haben?

Ich wei es nicht. Es wäre bestimmt nicht für die Ewigkeit bestimmt. Wer kann das schon sagen? Vielleicht ist ja morgen oder in hundert Jahren die Vorstellung von einem Urknall längst schon wieder überholt und auch die Theorie von Charles Darwin durch eine andere, noch kompliziertere ersetzt? Dann wäre es Zeit für die Christinnen und Christen, sich erneut Gedanken darüber zu machen, wie sie ihren Glauben an Gott als Schöpfer der Welt mit dem aktuellen Wissen über die Entstehung dieser Welt in Verbindung bringen können. Aber das muss dann nicht mehr unsere Sorge sein. Für uns ist es wichtig, dass wir heute nicht in einer Welt von Gestern leben und meinen, wir könnten es uns als Christinnen und Christen leisten, unseren Verstand abzuschalten, nur weil Glaubensfragen davon betroffen sind. Denn das Leben und auch der Glaube ist viel spannender, wenn Denken und Glauben sich gegenseitig befruchten. Denn ein Glaube ohne Denken ist oft blind. Aber eine Vernunft ohne Glauben, ist oft kalt und herzlos. Darum braucht es beides zusammen, damit wir im Hier und Jetzt mit unserem Glauben und mit unserem Verstand etwas dazu beitragen können, dass wir miteinander auf die drängenden Fragen unserer Zeit eine Antwort finden.

                                                                                                       Pfr. Paul Wassmer