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500 Jahre Reformation

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500 Jahre Reformation - Wie fing damals eigentlich alles an?

Mit einem Streit. Martin Luther, ein Mönch und Bibelprofessor an der Universität von Wittenberg, stritt sich mit dem Mönch Johann Tetzel. Johann Tetzel verkaufte damals im Auftrag des Papstes Ablassbriefe. Im Kern ging es um die Frage, ob man Vergebung kaufen kann.

Was sagte Martin Luther in diesem Streit?

Martin Luther sagte im übertragenen Sinn, dass Gott kein Kaufmann sei. Darum können wir Menschen mit Gott auch nicht wie mit einem Kaufmann verhandeln und Vergebung für Geld kaufen.

Alle, die etwas anderes behaupten, sagt Martin Luther, gehen in die Irre. Sie wollen nur mit der Angst der Menschen Geschäfte machen und verleiten die Menschen zu einem falschen Handeln. Dies gilt auch dann, wenn der Papst selbst diese Geschäfte unterstützt.

Die 95 Thesen von Martin Luther:

These  6:        Der Papst kann keine Schuld anders erlassen,
                      als durch die Erklärung und Zusicherung,
                      dass sie von Gott erlassen sei.

These 26:      Daher irren alle Ablassprediger, die sagen,
                    dass der Mensch durch den Ablass des Papstes
                    von aller Strafe frei und ledig wäre.

These 27:     Menschentand predigen die, die sagen,
                   sobald der in den Kasten geworfene Groschen klinge,
                   die Seele aus dem Fegefeuer emporsteige.

These 36:     Jeder Christ, der seine Sünden aufrichtig bereut,
                    hat den vollkommenen Nachlass von Strafe und Schuld,
                    der ihm auch ohne Ablassbrief gebührt.

These 43:     Lehren soll man die Christen, dass der,
                   der den Armen etwas gibt oder dem Bedürftigen etwas leiht,
                   besser tut, als wenn er Ablassbriefe kauft.

These 44:     Denn durch das Werk der Liebe wächst die Liebe.
                   Und der Mensch wird besser,
                   aber durch den Ablass wird er nicht besser.

Warum eskalierte dieser Streit?

Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einer liegt darin verborgen, dass es damals in der katholischen Kirche einen riesigen "Überbau" gab, um diesen Ablasshandel zu begründen. Es ging damals um die überzähligen guten Taten der Heiligen, die von den Heiligen für ihre eigene Seligkeit nicht gebraucht wurden. Nach der damaligen Vorstellung konnte der Papst, als Stellvertreter Christi auf Erden, diese übriggebliebenen guten Taten an andere Menschen weitergeben (und dies auch für Geld, wie beim Ablasshandel). Martin Luther griff diesen "Überbau" von der Wurzel her an, indem er sagte, dass es bei der Vergebung letztlich nicht auf unsere guten Werke ankäme (und auch nicht auf die guten Werke von anderen, wie z.B. den Heiligen), sondern allein auf Gottes Gnade. Wir können uns Vergebung nicht verdienen, sondern sie uns nur von Gott schenken lassen.

Warum ging der Papst auf die Kritik von Martin Luther nicht ein?

Das hatte damals auch ganz handfeste finanzielle Gründe. Der Papst hatte ja den Ablasshandel selbst auf den Weg gebracht, um damit den Bau der Peterskirche in Rom zu finanzieren. Das heißt, Martin Luther griff nicht nur eine theologische Lehre über den Ablass an, er bedrohte mit seinem Protest wichtige finanzielle Interessen des Papstes. Dabei war die katholische Kirche damals am Ende des Mittelalters in keinem guten Zustand. Der Papst glich in dieser Zeit eher einem weltlichen Herrscher, der sich auf seine Machtausübung und sein Vergnügen konzentrierte, als einem obersten Bischof, der sich um das Wohl seiner Kirche kümmerte. Martin Luther legte mit seinem Protest den Finger auch in diese Wunde. Das war ein zweiter Grund, warum der Streit damals so ausuferte.

Wie ging es damals weiter?

Der Papst schaltete die weltliche Macht ein, um Martin Luther mundtot zu machen. So musste Martin Luther in Worms vor den Kaiser treten. Dort gab Martin Luther aber nicht nach, sondern berief sich auf sein Gewissen und die Autorität der Bibel. Der Kaiser verurteilte ihn damals zum Tod. Weil sein Landesfürst ihn aber schützte, überlebte Martin Luther. Der Rest ist Geschichte.

Was feiern wir heute nach 500 Jahren?

Gewiss nicht die Teilung zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Dies war schon damals nicht das Ziel von Martin Luther. Er wollte keine neue Kirche gründen, sondern die Kirche verändern. Auch feiern wir nicht den Helden Martin Luther, auch wenn Martin Luther damals ohne Zweifel sehr mutig war. Aber er hatte umgekehrt auch einige dunkle Seiten. So war sein Verhältnis zu den Juden höchst problematisch, wie auch seine Äuerungen zum Bauernkrieg.

Was feiern wir dann?

Ich denke, in dieser Frage wird jede und jeder unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Ich persönlich finde es spannend, dass Martin Luther es damals schaffte, den Glauben aus dem Gefängnis des mittelalterlichen Denkens zu befreien, der damals wie ein riesiger Wust von unterschiedlichen Vorstellungen den Glauben immer mehr zu ersticken drohte. So hat Martin Luther den Glauben wieder auf eine stabile Grundlage gestellt.

Welche Grundlage ist das?

Die Bibel. Unser Glaube stützt sich auf sie. Und das ist auch für unsere moderne Welt immer wieder eine Herausforderung. Denn auch unsere  Welt heute ist von unzähligen Vorstellungen geprägt. Vorstellungen, die sagen, worauf es im Leben ankommt und was das Leben ausmacht. Hier die Bibel zu Wort kommen zu lassen, ist immer wieder spannend.

Was feiern wir noch?

In der Zeit von Martin Luther hatten viele Menschen Angst vor Gott. Diese Angst zerstörte ihren Glauben. Martin Luther kämpfte sich nach und nach zu einem anderen Gottesbild durch, das er in der Bibel fand. Auch wir modernen Menschen verbauen uns manchmal den Weg zu Gott. Wir meinen, alles selbst machen zu müssen, ja uns selbst erlösen zu müssen, weil uns die moderne Leistungsgesellschaft eintrichtert, wir seien nur etwas wert, wenn wir auch etwas leisten. In solchen Situationen den gnädigen Gott neu zu entdecken, den Martin Luther damals in der Bibel entdeckt hat, tut auch uns gut.

Was liee sich noch nennen?

Oh, da ist noch Vieles! Zum Beispiel war es Martin Luther wichtig, dass unser Glaube in Jesus Christus seine Mitte findet. Auch das ist ein Erbe der Reformation. Auch ist durch Martin Luther der einzelne Mensch viel stärker in den Vordergrund gerückt. Im mittelalterlichen Denken kam es noch sehr stark auf die Kirche an. Bei ihr lag die Macht, das Heil an die Menschen weiterzugeben (z.B. durch die Wandlung beim Abendmahl, die nach der katholischen Abendmahlslehre nur durch einen Priester durchgeführt werden konnte). Martin Luther dagegen rückte den Glauben von jedem einzelnen Menschen in die Mitte. Hier im eigenen Glauben, im Gegenüber zu Gott, ist für ihn der Ort des Heils: indem ich Gott vertraue und daraus Kraft schöpfe; indem ich Gott meine Schuld anvertraue und um Vergebung bitte, indem ich ... wird mir von Gott Heil zugesprochen. Man könnte daher sagen, dass durch Martin Luther der eigene Glaube eine ganz neue Wertschätzung erhalten hat. Und damit auch der einzelne Mensch.  Auch das ist etwas, das wir feiern können.

Ist das alles?

Nein. Noch lange nicht. Es gibt vieles aus der Reformation, das wir für uns heute neu entdecken können. Zum Beispiel sagte Martin Luther, dass wir bei der Wahrheit nicht auf Waffen oder Gewalt vertrauen sollen, sondern auf die Macht des Wortes. Auch ist er bis heute ein Vorbild für die Freiheit im Glauben, die sich auf das eigene Gewisssen und das Wort der Bibel gründet. Oder, oder, oder ... Von daher lassen sich in diesem Jubiläumsjahr noch viele Schätze heben.

                                                                                                                 Pfr. Paul Wassmer