Bonhoefferzentrum
Galerie
Galerie
Galerie

Predigtreihe 2016     Dietrich Bonhoeffer

                                             Glauben - Hoffen - Lieben

__________________________________________________________________________________

I    Dietrich Bonhoeffer - Glauben

     Gottesdienst am Sonntag, den 3. Juli 2016 zu Hebr. 11, 1-13 

     (Pfr. Paul Wassmer)

_________________________________________________________________

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Gott segne reden und hören. Amen.
                
Liebe Gemeinde
Die diesjährige Predigtreihe ist dem Namensgeber unserer Gemeinde Dietrich Bonhoeffer gewidmet. "Glauben - Hoffen - Lieben", so heißt der Untertitel. In der ersten Predigt geht es heute um den Glauben: um den Glauben von Dietrich Bonhoeffer und um unseren Glauben heute. Dabei wünschte sich heute vielleicht so mancher, sich einfach eine Scheibe vom Glauben Dietrich Bonhoeffers abschneiden zu können. Eine Scheibe von seinem tiefen Gottvertrauen. Eine Scheibe aber auch von dem Glauben, der ihm den Mut gab, sich gegen Hitler und seine Schergen des Todes zu stellen.

Doch geht das überhaupt? Sich eine Scheibe vom Glauben eines anderen Menschen abzuschneiden? Was denken Sie? Wohl eher nicht. Irgendwie wäre das auch zu einfach. Schlielich wächst der Glaube aus der Mitte unseres Lebens heraus. Er beruht auf vielen, ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Solche Erfahrungen lassen sich nicht so einfach übertragen.  So wie sich auch der Glaube nicht so einfach übertragen lässt, von einem Menschen auf den anderen.

Und doch kann man vom Glauben eines anderen Menschen erzählen. Und, wer wei, vielleicht berührt uns ja etwas an diesem Glauben und stärkt unseren eigenen?

Was also war für den Glauben von Dietrich Bonhoeffer wichtig? Und welche Erfahrungen haben ihn geprägt?

Wenn wir an unseren eigenen Glauben denken - und uns fragen, woher er kommt, dann würden viele sagen: aus dem Elternhaus. Glaube fängt oft schon ganz früh an. Er wird geprägt von dem, was uns unsere Eltern vom Glauben erzählen. Und oft auch noch viel mehr von dem, wie sie uns davon erzählen.

Wie war das bei Dietrich Bonhoeffer? Gab es da jemanden, der seinen Glauben von Anfang an unterstützte? Die Spur führt uns zu seiner Mutter Paula Bonhoeffer, geborene von Hase. Sie stammt aus einem Pfarrhaus, in dem der gemeinsam gelebte Glaube Alltag war. Einer ihrer Brüder, Hans, wurde später selbst Pfarrer. Und auch sie, Paula,  verbrachte in ihrer Jugendzeit einige Monate in Herrnhut und öffnete sich dort den Idealen und der Frömmigkeit der pietistisch geprägten Brüdergemeinde. Und doch suchte sie für sich später einen anderen Weg. Sie löste sich von der zum Teil den eigenen Glauben einengenden Frömmigkeitsrichtung und suchte die Weite. Sie setzte in ihrer Familie durch, dass sie als Frau studieren durfte, was zur damaligen Zeit, gelinde gesagt, eher ungewöhnlich war. Auch heiratete sie nach ihrem Studium als Lehrerin den eher unkirchlichen Mediziner Karl Bonhoeffer. Das Elternhaus von Dietrich Bonhoeffer war also eher gro-bürgerlich, als kirchlich. Weder Kinderkirche noch regelmäßiger Gottesdienstbesuch gehörten zur Kindheit von Dietrich Bonhoeffer dazu, dafür aber Tisch- und Abendgebete. Auch unterrichtete seine Mutter ihn und seine Geschwister während der gesamten Grundschulzeit zu Hause. Auch den Religionsunterricht gab ihm seine Mutter.

Was hat Dietrich Bonhoeffer nun von seinem Elternhaus für seinen Glauben mitgenommen? Da ist zum Einen ein tiefes, kindliches Vertrauen in Gott zu nennen. Ein Vertrauen, das ihm seine Mutter schenkte. Auf der andern Seite ist auch eine Liebe zur Freiheit zu spüren. Und eine Achtung vor anderen Menschen. Eine Achtung, die seine Mutter Paula Bonhoeffer dazu gebracht hatte ihre Kinder bei sich zu Hause zu unterrichten, weil sie ihre Kinder davor bewahren wollte, dass ihnen im preuischen Schulsystem die Seele und das Rückgrat gebrochen wurde.

Doch irgendwann können Eltern ihre Kinder nicht mehr beschützen. Irgendwann macht sich jeder Mensch auf den Weg, die Welt selbst zu entdecken. Dabei weitet sich unsere Welt. Manches von dem, was wir an Glauben aus unserem Elternhaus in uns tragen bewährt sich dabei, anderes weitet sich mit, oder zerbricht.

Welche Erfahrungen haben nun Dietrich Bonhoeffer als Kind und Jugendlichen geprägt? Eine davon - und ich denke, es war eine wesentliche Erfahrung - war der Ausbruch des I. Weltkriegs. Achteinhalb Jahre war Dietrich alt, als der Krieg begann. Er erlebte die Kriegsbegeisterung der damaligen Zeit als kleines Kind mit, wie auch den Einzug zweier seiner Brüder als Soldaten. Einer von ihnen, Walter - er hatte gerade das Abitur abgelegt - starb kurz vor Kriegsende. Der andere, Karl-Friedrich, kam leichtverwundet aus dem Krieg zurück. Mit dem Tod seines Bruders fiel bald auch das kaiserliche Deutschland in sich zusammen.  Die Zeit danach war geprägt von anfänglichem Chaos, das Dietrich Bonhoeffer in Berlin aus nächster Nahe als 12-jähriger miterlebte. Ebenso wie er auch den wilden Schmerz seiner Mutter über den Tod seines Bruders miterlebte. Das alles ging damals nicht einfach so spurlos an ihm vorüber. Es hinterlie Erschütterungen.

Was hat Sie in Ihrem Leben erschüttert? Als Sie jung waren? Oder auch etwas später? Können Sie sich noch daran erinnern? Manchmal kann es der Tod eines geliebten Menschen sein. Manchmal ist es vielleicht auch etwas ganz anderes. Doch ohne Erschütterungen verläuft so gut wie kein Leben. Doch was machen solche Erschütterungen mit unserem Glauben? Es gibt keine Patentantwort auf diese Frage. Nur zwei große Richtungen. Manche Menschen werden durch solche Erschütterungen aus ihrem Glauben vertrieben, fast so wie damals Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden. Sie verlieren ihr Vertrauen in Gott und alle ihre Versuche, dieses Vertrauen zurückzugewinnen, bleiben vergeblich. Andere machen genau die umgekehrte Erfahrung. Ihr Glaube vertieft sich. Die Erschütterungen um sie herum führen dazu, dass sich in ihnen etwas festigt, das ihnen einen neuen, tieferen Halt gibt. Und wie immer gibt es alle möglichen Formen dazwischen, so dass man sich auf der einen Seite aus seinem Glauben vertrieben fühlt und zugleich doch darin Kraft und Hoffnung findet.

Wie Dietrich Bonhoeffer durch seine Zeit der Erschütterungen hindurchgegangen ist, davon wissen wir heute leider nichts. Er selbst schwieg dazu. Und doch wächst in ihm genau in diesen Jahren der Entschluss, später einmal Theologie zu studieren. Zu seiner Konfirmation bekommt er von seiner Mutter eine besondere Bibel. Sie gehörte seinem verstorbenen Bruder Walter, der im I. Weltkrieg gefallen war. Zeit seines Lebens hat Dietrich Bonhoeffer dieser Bibel in Ehren gehalten und sie für seine Studien und Bibellesungen benutzt. Als wäre sie ein Art von Vermächtnis.

Mit seinem Entschluss, Theologie zu studieren, traf Dietrich Bonhoeffer dabei in seiner Familie nicht unbedingt auf große Begeisterung. Es war nicht das, was von ihm erwartet wurde. Sein Vater war Psychiater, andere studierten Jura oder gingen zum Militär. Theologie war da nicht die erste Wahl. Aber es war seine Wahl, der er sich stellte.

Studiert hat Dietrich Bonhoeffer danach schnell. Er war ein Überflieger. Alles flog ihm zu. Schon mit 21 war er mit dem Studium fertig und weil er keine Lust auf die oft engstirnige Ausbildung in einem Predigerseminar hatte, machte er seine praktische Ausbildung zum Pfarrer einfach im Ausland. So ging er für ein Jahr nach Barcelona in Spanien. Um ein eigenes Pfarramt anzutreten ist er danach noch immer viel zu jung. So nutzte er die Zeit für ökumenische Kontakte und Reisen. Auch schrieb er seine Habilitationsarbeit, um später Professor zu werden. Dabei bewegte sich sein Glaube in dieser Zeit noch ganz in der Gedankenwelt seiner national-konservativen Umgebung, in der Gott und Vaterland ganz eng zusammengehörten.

Wie ist das bei Ihnen und Ihrem Glauben? Was haben Sie dort - einfach so, unhinterfragt - aus ihrer Umwelt übernommen? Haben Sie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht?

Dietrich Bonhoeffer kam damals ins Zweifeln. Er suchte nach einem Fundament für seinen Glauben, nach etwas, das trägt. Und er fand seine Antwort in der Bibel. Das war die erste große Wende, die er in seinem Glauben vollzog, mit damals knapp 22 Jahren. Einige seiner Worte haben Sie vorhin gehört. Er sagte, er war ehrgeizig, ... und allein ... und dann traf es ihn. Mit ganzer Kraft. Was ihn da traf, waren die Worte Jesu aus der Bergpredigt. Er beschreibt es als eine Art von Befreiung. Seit dieser Zeit versuchte er, sich an der Bibel zu orientieren. Und er suchte das Gebet. Seine Bücher "Nachfolge" und "Gemeinsames Leben" zeugen von dieser Richtungsänderung. Mit etwas Abstand betrachtet könnte man sagen, er versuchte in dieser Zeit fast so etwas wie ein "heiliges Leben" zu führen.

Was folgte, waren für Dietrich Bonhoeffer fruchtbare Jahre. Er lie manches los, das sein Leben vergiftete. So stellte er zum Beispiel nicht mehr länger die Liebe zum Vaterland höher als das Gebot der Feindesliebe. Er wurde Pazifist. Und: er öffnete sich der Ökumene. Er war viel unterwegs in dieser Zeit, war offen für neue Menschen und neue Gedanken. Und doch war sein Glaube noch immer eher intellektuell, um nicht zu sagen "abgehoben". Er fand mehr in seinem Kopf statt, als in der Welt. Das merkte er, als er selbst einige Jahre später nach Amerika kam. Hier lernte er die Gemeinden der Schwarzen kennen. Für ihn war diese Begegnung wie eine Art von Offenbarung. Glauben und Leben hingen in den schwarzen Gemeinden eng zusammen. Er feierte begeistert die schwarzen Gottesdienste mit und freute sich an ihrer Fröhlichkeit. Er sah aber auch die Not, unter der viele Schwarze durch den Rassismus litten. Und er merkte, dass es für unseren Glauben nicht egal ist, wo wir uns befinden. Glaube braucht einen Ort in der Welt. Und dieser Ort ist von der Bibel her gesehen bei den Unterdrückten. Und nicht bei den Tätern, die sich an das Unrecht gewöhnt haben. So kam es zu der zweiten großen Wende in seinem Glauben.

Bei einem Treffen mit einem jungen französischen Pfarrer wurde ihm dies deutlich. Plötzlich will Dietrich Bonhoeffer kein heiliges Leben mehr führen, so sehr ihn diese Idee auch noch immer faszinierte. Doch nötig, das spürte er, ist etwas anderes. Die Hinwendung zu den Armen. Die Hinwendung zu den anderen. Die Hinwendung zum Leben. Denn ein Glaube, der sich nur um das eigene Seelenheil dreht, ist ein Luxus, der so von Gott nicht vorgesehen ist. Ein biblischer Glaube rückt nicht die eigenen Fragen, Probleme und Leiden in den Vordergrund, sondern nimmt Teil am Leiden Gottes an der Welt. Und dazu wendet er sich nach auen.

Wie ist das mit Ihrem Glauben? Wo wendet er sich nach auen? Ist es das freundliche Wort zu Ihrer Nachbarin am frühen Morgen?

Dietrich Bonhoeffer hätte das nicht gereicht. Er dachte radikaler. Von der Wurzel her. Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Das ist einer seiner späteren Sätze, die deutlich machen, um was es ihm ging: Da sein für die, die in Not sind.

Die Not in der Zeit, in der er lebte, war gro. Er hat sich damals in dieser schweren Zeit dafür entschieden, für andere da zu sein. So verhalf er Juden zur Flucht aus Deutschland und machte beim Widerstand gegen Hitler mit. Auch wenn er sich dabei seine eigenen Hände schmutzig machen musste. Wenn er lügen musste, und vieles andere mehr. Er tat es trotzdem, getragen von seinem Glauben an Gott.

Ein Stück von diesem Glauben abschneiden, liebe Gemeinde, das können wir heute nicht. Selbst wenn wir wollten. Es geht nicht. Auch deshalb nicht, weil wir heute vor ganz anderen Fragen und Herausforderungen stehen, die eigenes Nachdenken, eigene Entscheidungen, und auch unseren eigenen Glauben fordern. Aber wir können von Dietrich Bonhoeffer und seinem Glauben lernen. So wie auch Dietrich Bonhoeffer sagte: "Ich will glauben lernen."

Wir können von ihm lernen, uns an der Bibel zu orientieren. Nicht engstirnig, das würde nicht zu Dietrich Bonhoeffer und seinem Glauben passen, aber so, dass wir die Liebe Gottes in der Bibel finden, und wir die Worte der Bibel in uns lebendig werden lassen, so dass wir diese Liebe leben.

Wir können von ihm lernen, uns in unserem Glauben nicht von der Welt abzukapseln, sondern uns ihr zuzuwenden. Weil Glaube kein Selbstzweck ist, kein Mittel, um sich selbst gut zu fühlen, sondern jeder Glaube davon lebt, dass er auch nach auen wirkt.

Und nicht zuletzt: wir können von Dietrich Bonhoeffer das tiefe, fast kindlich naive Vertrauen lernen, dass wir in allem getragen sind von der Güte Gottes. So dass wir - wie Dietrich Bonhoeffer - und wie es auch im Hebräerbrief heißt - auf das vertrauen, worauf wir hoffen. Und selbst dort, wo wir es nicht sehen können, noch daran festhalten. Und dabei erleben, dass sich etwas von dem Erhofften jetzt schon im Glauben als wirklich erweist und uns Kraft und Frieden schenkt.

In einem solchen Glauben, der sich an der Bibel orientiert, zur Welt hin öffnet und auf Gott vertraut, bewahre und behüte uns der gute Gott. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Lied:     EG 65, 1-2, 5,7    Von guten Mächten

__________________________________________________________________________________

Aus der Eingangsliturgie:

Lesung I: Bibeltext

Liebe Gemeinde
Was ist der Glaube? In der Bibel heißt es dazu im Hebräerbrief, Kapitel 11:

"Der Glaube ist ein Vertrauen auf das, worauf wir hoffen.
 Und auch, wenn wir das Erhoffte jetzt noch nicht sehen können,
 hält der Glaube trotzdem daran fest.
 Denn in diesem Vertrauen erweist es sich schon jetzt als wirklich.
 In diesem Vertrauen lebten unsere Vorfahren
 und bekamen dafür Anerkennung von Gott.
 Durch ein solches Vertrauen erkennen auch wir,
 dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen wurde
 und alles, was sichtbar ist,
 aus etwas Unsichtbarem entstanden ist." (Hebr. 11, 1-3)

Lesung II: Texte von Dietrich Bonhoeffer

Liebe Gemeinde
Was ist der Glaube? Und was machte den Glauben von Dietrich Bonhoeffer aus? Um diese Fragen geht es heute in diesem Gottesdienst. Dabei gibt es keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Glauben ist immer vielseitig. Er ist Gnade und Geschenk, ein Hoffen und Bangen, und manchmal auch ein hartes Stück Arbeit. Und: er verändert sich. So zumindest hat Dietrich Bonhoeffer seinen eigenen Glauben erlebt. An zwei Stellen in seinem Leben, so sagt er, hat sich sein Glaube dabei ganz wesentlich verändert. Die erste Wende traf ihn als jungen Mann mit ca. 22 Jahren. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt er im Rückblick:

 "Ein wahnsinniger Ehrgeiz machte mir das Leben schwer... . Damals war ich furchtbar allein und mir selbst überlassen. Das war sehr schlimm. Dann kam etwas ..., was mein Leben bis heute verändert hat.... Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben - und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr. Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. ... Das war eine große Befreiung. ... . Dann kam die Not von 1933. Das hat mich darin bestärkt. . Und so ging es weiter, Schritt für Schritt. ..."   (Brief vom 27. Januar 1936)

Diese Hinwendung zur Bibel und zu Jesus war die erste große Wende im Glauben von Dietrich Bonhoeffer. Er löst sich von dem Christentum seiner Umgebung ab - in dem der Glaube an Gott zugleich auch immer der Glaube an das Vaterland war - und entdeckt für sich die Sprengkraft der biblischen Botschaft.

Musik

In den folgenden Jahren suchte Dietrich Bonhoeffer nach einer Form, wie er seinen neuen Glauben leben konnte. Da trifft er bei seiner ersten Amerikareise im Jahr 1931 auf einen jungen französischen Pfarrer. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge erzählt er im Rückblick von dieser Begegnung:

Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte es für möglich, dass er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. ... Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet ..., aus sich selbst etwas zu machen .... (und) nicht mehr das eigene Leiden (ernst nimmt), sondern das Leiden Gottes in der Welt ... (dann wird man) ein Mensch, ein Christ.   (Aus einem Brief an Eberhard von Bethge, vom 21. Juli 1944)

Diese Hinwendung zur Welt war die zweite große Wende im Glauben von Dietrich Bonhoeffer. Sie führte ihn aus einem Glauben, der sich nur um das eigene Seelenheil drehte, hinaus in die große, weite Welt. Sie lässt ihn mitleiden am Leiden Gottes an der Welt und bringt ihn dazu, sich für andere Menschen einzusetzen. Auch wenn das am Ende bedeutete, sich um anderer Menschen willen selbst die Hände schmutzig zu machen und dabei selbst schuldig zu werden.

Glaubensbekenntnis

Ich glaube, dass Gott aus allem,
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
    
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage
so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben
müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
    
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten
wartet und antwortet.

 

(Dietrich Bonhoeffer)