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Das Evangelium nach Petrus

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 Galiläa, Baum  

                     XI  

 

Unsere erste Reise! Wie lange war das jetzt schon her? Wirklich erst zwei Jahre? Mir kam es wie Jahrzehnte vor, wie aus einer anderen Zeit. Und doch hatte damals alles angefangen. Aber wie konnte ich Josef davon erzählen? Wie von meinem Widerwillen, als ich kurz nach dem Aufbruch am Liebsten gleich wieder umgekehrt wäre? Und wie von dem Abend, als wir in Magdala fröhlich zusammen saen und ich das Gefühl hatte, Gott selbst hätte sich zu uns gesetzt? Nein! Meine Worte reichten dafür nicht aus! Genauso wenig wie die Amphoren und Fässer in Kapernaum ausreichten, um die Wassermassen aufzufangen, die seit dieser Zeit den Jordan hinunter geflossen waren.
 Zögernd strich ich mir über den Bart. Auf was hatte ich mich da nur wieder eingelassen? Aber dann hatte ich eine Idee. Vielleicht sollte ich von dieser Reise ja genauso erzählen, wie ich damals zu ihr aufgebrochen war? Ohne viel nachzudenken, völlig blauäugig, so wie damals, als ich dachte, es ginge bei ihr nur um ein wenig Abwechslung? Ein zwei Tage in einer anderen Stadt, mehr nicht?

Ich räusperte mich und sah Josef an.

"Es war damals früh am Morgen, als ich gemeinsam mit meinem Bruder durch die engen Gassen von Kapernaum in Richtung Hafen stapfte. In der Nacht war ein Wind aufgekommen, der die unerträgliche Hitze der vergangenen Wochen vertrieben hatte, so dass ich zum ersten Mal seit langem wieder tief und fest geschlafen hatte. Ich fühlte mich ausgeruht und voller Kraft. So summte ich ein fröhliches Lied vor mich hin, als mich plötzlich mein Bruder unterbrach.
 "Muss das sein?", fragte er.
 "Was denn?"
 "Na, dieses Gesumme!" Vorwurfsvoll sah mich Andreas an.
 "Warum?", fragte ich mit unschuldiger Miene.
 "Weil es mich stört!"
 "Bist du etwa aufgeregt?"
 Andreas nickte. Sein Gesicht sah ungewöhnlich blass aus.
 "Aber es sind doch nur ein paar Tage", versuchte ich meinen Bruder zu beruhigen.
 "Das wei ich auch", erwiderte Andreas, "Trotzdem fühlt sich mein Bauch an, als hätte ich eine Handvoll Bienen verschluckt." Er hielt sich mit einer Hand den Bauch.
 Was war nur mit meinem Bruder los? Er war doch sonst nicht so empfindlich. Doch dann spürte plötzlich auch ich ein flaues Gefühl in meiner Magengegend. Das fehlte mir gerade noch, mich von der Aufregung meines Bruders anstecken zu lassen, dachte ich und beschleunigte unauffällig meinen Schritt.
 Zum Glück war es zum Hafen nicht weit. Kaum hatten wir das Stadttor durchquert, sah ich auch schon Jeschua, der mit seiner hohen Gestalt aus einer Gruppe von Männern herausragte, die sich in der Nähe des großen Steins versammelt hatten. Zielstrebig steuerte ich auf ihn zu, meinen kleinen Bruder im Schlepptau.
 "Hallo Simon", begrüte mich Jeschua. Seine Augen strahlten mich an. Dann sah er Andreas, der wie ein Häuflein Elend hinter mir stand. "Was ist denn mit dir los?", fragte er Andreas mit besorgter Stimme. "Hast du etwas Falsches gegessen?"
 Andreas schüttelte den Kopf. "Wie denn? Ich habe heute Morgen kaum einen Bissen hinunter bekommen."
 "Der Hunger kommt bestimmt noch, wenn wir erst einmal unterwegs sind", erwiderte Jeschua. "Aber falls es dich tröstet: ich bin auch aufgeregt." Er umarmte Andreas und mich und zeigte dann auf den Mann, mit dem er sich gerade unterhalten hatte. "Darf ich vorstellen: Das hier ist Philippus."
 Philippus hatte dunkle Augen, mit denen er Andreas freundlich zuzwinkerte. Über seinem gekräuseltem Haar trug er ein Tuch, das er sich lässig um den Kopf geschlungen hatte. Er war etwas kleiner als ich und sein schlichtes Gewand verhüllte seinen Körper fast vollständig, doch ragten seine großen Füße deutlich sichtbar unter dem Saum hervor. Ich hatte seine Füße wohl einen Augenblick zu lange angestarrt, denn Philippus meinte mit krächzender Stimme, dass seine "Treter" ihm bisher immer treu gedient hätten und warum ich ihnen nicht mit mehr Respekt "entgegenträte"? Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und auch alle um mich herum verzogen ihren Mund zu einem Lächeln, nur Andreas stand weiter stocksteif neben mir. Dem ist heute wirklich nicht zu helfen!, dachte ich. Mir tat mein Bruder leid, aber das hie noch lange nicht, dass ich mir von ihm die gute Laune verderben lassen wollte. So fiel ich Philippus in die Arme und klopfte ihm kräftig auf den Rücken.
 Nachdem Philippus auch Andreas umarmt hatte, zeigte Jeschua auf zwei weitere Männer. Auch sie trugen einen Schlauch mit Wasser und einen Proviantbeutel um ihren Hals.
 "Das hier sind Absalom und Simon", stellte Jeschua die beiden vor.
 Absalom war ein Mann von knapp zwanzig Jahren und einer schlaksigen, hochgewachsenen Gestalt. Er war wie ein syrischer Kaufmann gekleidet, mit einem wild um seinen Kopf geschlungenen Turban. In seiner Hand hielt er ein Fladenbrot, an dem er genüsslich kaute. Als ich ihn umarmte, behielt Absalom das Brot in seiner Hand, um es danach Andreas anzubieten.
 "Willst du ein Stück?", fragte er.
 Andreas nickte.
 Absalom riss ein großes Stück von dem Brot ab und reichte es Andreas.
 Andreas bedankte sich und biss in das Brot.
 Währenddessen ging ich auf Simon zu. Ich grinste ihn an, doch als ich ihn umarmte, sah er mich die ganze Zeit über mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Sein Blick strahlte nichts Feindseliges aus, aber zu der Art mich anzusehen hätten auch die Hände eines Zöllners gepasst, der einen im Verdacht hatte, heimlich Waren in die Stadt zu schmuggeln. Ich fragte mich, ob er etwa verärgert war, weil wir beide den gleichen Namen trugen oder ob er immer so schlecht gelaunt war? Schnell löste ich mich aus der Umarmung mit ihm, froh, es hinter mich gebracht zu haben.
 Direkt nach mir wurde er von meinem Bruder Andreas umarmt, wobei von auen nicht zu unterscheiden war, wer von den beiden missmutiger aussah. Mein Bruder war es einfach nicht gewohnt, dass es ihm nicht gut ging, dachte ich. Aber so wie ich ihn kannte, würde er schon bald wieder lächeln und so tun, als wäre nichts gewesen.
 Nachdem wir einander begrüt hatten, ergriff Jeschua das Wort: "Nun?", fragte er mit funkelnden Augen. "Seid ihr bereit?"
 Ich nickte. Und ob ich bereit war.
 "Wohin soll es gehen?", fragte Philippus.
 Jeschua wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als hinter uns ein lautstarker Streit ausbrach. Irritiert drehte sich Jeschua um.
 Unwillkürlich entfuhr mir ein Seufzer. Nicht schon wieder!, dachte ich. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer hier so brüllte. So etwas brachte nur einer fertig: Zebedäus. Er war Fischer, so wie ich und seine Wutausbrüche waren in der ganzen Stadt berüchtigt.
 "Das soll ein Netz sein!", schrie Zebedäus mit einer Lautstärke, dass es mir in den Ohren klirrte. Unwillig drehte ich mich um.
 Zebedäus stand in der Mitte seines Bootes, mit dem Rücken zu uns. Er war klein, aber von kräftiger Gestalt. Es hie, selbst Erez der Schmied hätte Angst, die Hand gegen ihn zu erheben.
 "Das hier ist kein Netz!", schrie Zebedäus. "Das ist eine Krankheit!" Er zeigte auf einen Ast, der sich im Netz verfangen hatte.
 "Das war ich nicht", rief einer seiner beiden Söhne mit hoher Stimme.
 "Dann warst es eben du!" Zebedäus verpasste seinem zweiten Sohn eine Ohrfeige. Der Schlag tönte bis zum Ende des Hafens.
 Für einen Augenblick war es absolut still. Nur die Schritte Jeschuas klapperten auf dem Kai, als er auf das Boot zueilte.
 Wir folgten Jeschua mit etwas Abstand. Keiner von uns war begierig darauf, bei dem Streit, der sicher gleich ausbrach, in der ersten Reihe zu stehen.
 Aber Zebedäus war so lautstark in das Beschimpfen seiner Söhne vertieft, dass er unsere kleine Gruppe in seinem Rücken gar nicht weiter bemerkte. Erst als seine Söhne immer unverhohlener zu uns herunter starrten, drehte er sich um.
 "Was wollt ihr denn hier?", blaffte er uns an.
 "Das könnte ich dich genauso gut fragen", antwortete Jeschua ruhig.
 "Was?" Erstaunt sah Zebedäus Jeschua an. "Das hier ist mein Boot! Meine Söhne! Und meine Mannschaft! Willst du mir etwa vorschreiben, was ich auf meinem Boot tun und lassen soll?" Seine Augen blitzten vor Wut.
 Jeschua schüttelte den Kopf.
 "Dann ist es ja gut", erwiderte Zebedäus. Er drehte sich zu seinen Söhnen zurück. Er wirkte zufrieden, dass er die Angelegenheit so schnell erledigt hatte.
 Doch mitten in der Drehung wurde er von der Stimme Jeschuas aufgehalten.
 "Ich glaube, du hast mein Kopfschütteln falsch verstanden", erwiderte Jeschua. "Das sind nicht deine Söhne. Sie gehören dir nicht. Genauso wenig, wie die Mannschaft dir gehört, auch wenn du sie für ihre Arbeit bezahlst."
 "Wem sollen sie denn sonst gehören?", erwiderte Zebedäus, während er sich langsam zu Jeschua zurückdrehte und ihn gehässig anstarrte.
 "Sie gehören sich selbst", erwiderte Jeschua. "Und Gott."
 "Willst du etwa einen Streit mit mir anfangen?" Ein gefährlicher Unterton lag in der Stimme von Zebedäus.
 "Warum sollte ich?", erwiderte Jeschua ruhig. "Schlielich hast du das schon längst für mich erledigt."
  Verdutzt sah Zebedäus Jeschua an.
 "Wobei ich nichts gegen einen guten Streit einzuwenden hätte", fuhr Jeschua unbekümmert fort. "Auch wenn das, was du machst, mit Streiten nur wenig zu tun hat."
 "Was?", brüllte Zebedäus.
 "Siehst du. Genau das meine ich. Du brüllst nur laut durch die Gegend. Aber damit sich ein Streit auch lohnt, musst du auch etwas zu sagen haben."
 Zebedäus stand mit offenem Mund da. Für einen Augenblick hatte es ihm die Sprache verschlagen. Doch dann lief sein Gesicht rot an und er schrie mit krächzender Stimme: "Ich brülle so laut, wie ich will!"
 "Wenn du meinst", erwiderte Jeschua. "Aber du machst den Leuten damit nur Angst."
 "Na und?", fauchte Zebedäus. "Das ist mir doch egal!"
 "Das sollte es aber nicht. Menschen, die Angst haben, geben dir keine Antwort mehr auf das, was du sagst. Ohne eine solche Antwort kann aber auf Dauer niemand leben. Selbst du nicht. Und noch weniger deine Seele!"
 "Lass´ du meine Seele aus dem Spiel!", schrie Zebedäus aufgebracht. Langsam schien er wieder zu seiner alten Form zurückzufinden, denn ohne Pause reihte er lautstark ein Wort an das andere.
 Jeschua hörte seinem Schreien ruhig zu. Nur hin und wieder, wenn Zebedäus Atem schöpfte, schob Jeschua das eine oder andere Wort dazwischen. Doch die Worte Jeschuas gingen in dem Gebrüll von Zebedäus hoffnungslos unter. Sie wurden zermalmt, zertreten und Buchstabe für Buchstabe in den Boden gestampft.
 So verging die Zeit. Zebedäus brüllte, während Jeschua ihm hin und wieder ein Wort zuwarf, so wie man einem bissigen Hund ein Stück Fleisch zuwirft, der sich ohne Nachzudenken darauf stürzt und es in tausend kleine Stücke zerfetzt. Doch nach und nach zehrte das Geschrei an den Kräften von Zebedäus und seine Lautstärke lie nach.
 "Na? Hast du jetzt genug?", meinte Zebedäus schlielich mit krächzender Stimme. "Oder soll ich noch weiter mit dir streiten?"
 "Das wäre eine Möglichkeit." Jeschua grinste. "Du könntest mir aber auch deine Söhne geben."
 "Was soll ich?"
 "Du hast mich schon richtig verstanden. Deine Söhne gehören dir nicht. Also lass` sie gehen!"
 "Warum sollte ich?"
 "Weil ihnen das Leben mit dir nicht gut tut."
 "Woher willst du das denn wissen?", schnaubte Zebedäus verächtlich.
 "Ich habe sie in den letzten Tagen immer wieder in der Synagoge getroffen", erwiderte Jeschua.
 "Was? Diese Trottel! Da muss ich ja lachen!"
 "Nein." Die Stimme von Jeschua klang hart. "Du solltest weinen."
 "Ich?"
 "Ja! Du machst deine Söhne klein, dabei könnten sie groß sein!"
 "Was?" Die Stimme von Zebedäus war wieder lauter geworden. "Ich mache meine Söhne klein! Eine solche Unverschämtheit muss ich mir von niemandem sagen lassen!" Er schlug mit seiner Faust gegen den Mast, so dass das ganze Boot wackelte. "Das alles hier ist doch nur Zeitverschwendung!", rief er und drehte sich zu seinen Söhnen um. "Was glotzt ihr so?", brüllte er sie an, als sie reglos in der Mitte des Bootes standen. "Jetzt wird wieder gearbeitet!"
 Aber die beiden jungen Männer rührten sich nicht von der Stelle. Erst als Jeschua ihnen zurief: "Kommt mit mir!" begannen sie sich langsam zu regen. Vorsichtig richteten sie ihre Schultern auf, so dass beide plötzlich größer wirkten als zuvor. Ohne ein Wort zu sagen sahen sie einander an, bis einer von ihnen mit dem Kopf nickte. Der andere erwiderte das Nicken. Dann gingen sie los.
 Als sie bei ihrem Vater vorbeikamen, hob Zebedäus die Hand, doch etwas in dem Blick seiner Söhne lie ihn seine Hand wieder senken. Statt dessen brüllte er: "Ihr undankbares Pack! Ihr werdet schon noch sehen, was euch das bringt! Ihr werdet noch angekrochen kommen, nur um wieder auf meinem Boot mitsegeln zu dürfen!"
 Aber seine beiden Söhne lieen sich von seinem Geschrei nicht beeindrucken. Mit erhobenem Kopf gingen sie an ihrem Vater vorbei.
 Entgeistert sah Zebedäus ihnen nach. Doch kaum hatten die beiden Brüder das Boot verlassen, schrie er: "Ach! Macht doch, was ihr wollt!" und schlug mit der Faust erneut gegen den Mast des Bootes. Danach drehte er sich zu seinen Tagelöhnern um und trieb sie mit lautstarken Beschimpfungen an, die Taue vom Steg zu lösen.
 Als das Boot aus dem Hafen fuhr, spürte ich ein flaues Gefühl in meiner Magengegend. Das wird noch ein Nachspiel haben, dachte ich. Eine solche Schmach wird Zebedäus niemals auf sich sitzen lassen!
 Auch Andreas neben mir blickte mit ängstlichem Blick dem Boot hinterher. Philippus dagegen musterte die beiden Neuankömmlinge, die mit hängenden Köpfen auf dem Steg standen. Sie waren beide Anfang zwanzig und wie ihr Vater von kräftiger Statur.
 "Nun ...", Jeschua sah in die Runde, "... das hier ist vielleicht nicht die übliche Weise, eine Reise zu beginnen, ...", er streckte seine Hände in Richtung der beiden jungen Männer aus, "... aber ich heie euch trotzdem herzlich bei uns willkommen."
 Jeschua ging auf die beiden Brüder zu und umarmte sie. Danach begann er sich leise mit ihnen zu unterhalten.
 Währenddessen wanderten meine Gedanken zurück zu ihrem Vater. Was Zebedäus jetzt wohl machte? Vermutlich brüllte er noch immer auf seinem Boot herum. So schnell würde er sicher nicht damit aufhören. Mir taten seine Tagelöhner leid, die seinen Wutattacken hilflos ausgeliefert waren. Einmal in Fahrt, war Zebedäus von niemand mehr aufzuhalten. Auer von Jeschua, dachte ich plötzlich und musste bei dem Gedanken grinsen. Er hatte es geschafft. Und das ganz ohne Gewalt!  
 Jeschua hatte in der Zwischenzeit sein Gespräch mit den beiden Neuankömmlingen beendet. "Darf ich vorstellen ...", sagte er und zeigte auf die beiden bulligen Männer. "... Das hier sind Johannes und Jakobus."
 Sofort stürmte Philippus auf die beiden zu. "Ich bin Philippus", rief er und umarmte die beiden. Dabei klopfte er jedem von ihnen kräftig auf den Rücken. Ich sah, wie ihre Gesichter bei jedem Schlag zusammenzuckten. So belie er es bei meiner Begrüßung bei einer vorsichtigen Umarmung. Nachdem auch die anderen Johannes und Jakobus begrüt hatten, ergriff Jeschua das Wort.
 "Nun ...", erwartungsvoll sah er in die Runde. "... Wo waren wir stehen geblieben?"
 "Bei dem Ziel unserer Reise", erwiderte Philippus.
 "Genau", stimmte ihm Simon zu.
 "Wohin willst du gehen?", fragte Absalom.
 "Nach Süden", erwiderte Jeschua. "Was haltet ihr von Genezareth? Kennt ihr dort jemand?"
 Absalom und Philippus schüttelten den Kopf. Da meldete sich ausgerechnet mein wortkarger Bruder Andreas zu Wort: "Meine Frau hat Verwandtschaft in Magdala. Ihr Bruder würde sich bestimmt über einen Besuch freuen."
 "Mhm ..." Jeschua runzelte die Stirn. ".. Magdala ... Ich wei nicht Er machte eine kurze Pause. Aber dann nickte er. So brachen wir auf.

Der Streit mit Zebedeus schien Jeschua erschöpft zu haben. Kaum hatten wir Kapernaum hinter uns gelassen, fiel er in ein tiefes Schweigen. Auch die anderen blieben stumm, als wären ihre Worte auf einmal alle schwer geworden. Doch dann versuchte Philippus, ausgerechnet meinen schweigsamen Bruder Andreas in ein Gespräch zu verwickeln.
 "Wo kommst du her?", wollte Philippus von ihm wissen. Andreas war von der Frage völlig überrascht. Mit großen Augen starrte er Philippus an.
 "Hast du Kinder?", versuchte es Philippus erneut, als Andreas ihm keine Antwort gab.
 Andreas nickte.
 "Wie viele?"
 "Acht." Andreas sprach so leise, dass seine Worte kaum zu verstehen waren.
 Philippus versuchte es mit weiteren Fragen, aber er musste Andreas jedes Wort aus der Nase ziehen.
 Ich fragte mich, wie ich nur auf die Idee kommen konnte, mich auf diese Reise einzulassen? War ich denn völlig verrückt geworden? Was hatte ich schon von dieser Reise zu erwarten? Auer Ärger, wie mir der Streit mit Zebedäus deutlich gezeigt hatte? Schweigend schlug ich meine Schritte in den Boden. Am Liebsten wäre ich wieder umgekehrt.
 Nach knapp eineinhalb Stunden erreichten wir Genezareth. Der Ort bestand aus zwanzig oder dreiig Häusern, die in einem Kreis um einen Platz herum gebaut waren. Der Platz öffnete sich in Richtung Hafen. Einige Fischerboote waren dort zu sehen, die mit Seilen an einem Steg befestigt waren. Ziegen liefen über den Platz und sammelten sich bei einer Tränke, die neben dem Brunnen des Dorfes stand. Jeschua führte uns durch die Ziegenherde hindurch in das Dorf, damit sich Johannes und Jakobus mit Proviant eindecken konnten. Doch mussten sich die beiden erst zu dem Händler des Dorfes durchfragen. Der Mann hie Hannanias. Er war kleingewachsen und hatte dunkles, gekräuseltes Haar. Auf ihre Fragen hin zeigte er Johannes und Jakobus verschiedene Schläuche und Taschen aus Leder. Die beiden Brüder entschieden sich schnell für zwei Wasserschläuche und Provianttaschen, doch zogen sich die anschlieenden Verkaufsverhandlungen unerwartet in die Länge.
 "Was, du Vater aller Kaufleute ...", rief Johannes entrüstet, "... für den Preis, den du verlangst, bekomme ich in Kapernaum ja zehn Wasserschläuche!"
 "Dann geh` doch nach Kapernaum, du Sohn eines Geizkragens,...", rief Hannanias aufgebracht, "... wenn dort alles so viel billiger ist."
 "Was? Ich soll den weiten Weg nach Kapernaum zurückgehen, nur weil du nicht bereit bist, mir mit dem Preis ein wenig entgegen zu kommen?", mischte sich Jakobus ein. "Was bist du denn für ein Kaufmann?"
 "Ich soll kein Kaufmann sein?" Die Stimme von Hannanias schnappte nach Luft. Er griff nach einem Wasserschlauch und hielt ihn Jakobus unter die Nase. "Sieh` her! Das ist echtes Ziegenleder! So etwas Feines bekommst du bei keinem Händler weit und breit."
  "Trotzdem ist es zu teuer", widersprach Jakobus.
  "Zu teuer?" Hannanias raufte sich die Haare. "Wovon soll ich denn leben? Sollen meine Kinder wegen euch hungern?"
 Es war die hohe Schule der Verhandlungskunst, deren Zeuge wir hier wurden und in deren Verlauf sich Johannes und Jakobus als ebenso gute Kämpfer erwiesen, wie ihr Vater. Doch kämpften sie im Gegensatz zu ihrem Vater nicht, um ihren Gegner zu demütigen, sondern versuchten Hannanias mit ihren Argumenten zu überzeugen. Und auch wenn sie bei der Wahl der Worte nicht immer die Geschicktesten waren, umgab sie doch der unschuldige Charme der Jugend, dem sich Hannanias schlielich lachend geschlagen gab. "Also gut", meinte er, "Ich gebe auf! Ihr habt gewonnen." Eilig durchsuchten Johannes und Jakobus ihre Gürtel nach Münzen, nur um Hannanias, kaum hatten sie ihn bezahlt, voller Freude um den Hals zu fallen.
 Es ist schon seltsam, dachte ich, wie sehr die beiden ihrem Vater glichen. Und zugleich auch wieder nicht.
 Schweigend machten wir uns wieder auf den Weg und verlieen das Dorf. Doch waren durch unseren Aufenthalt in Genezareth die Wörter plötzlich wieder leicht geworden. Denn als mich Philippus kurz nach dem Ortsausgang mit der Frage ansprach: "Was machst du von Beruf?", kam die Antwort "Fischer" wie von selbst über meine Lippen. Stolz erzählte ich ihm von meinem letzten Fischzug, nur um ihn anschlieend zu fragen: "Und? Was treibst du beruflich?"
 "Schuhmacher", grinsend zeigte Philippus auf seine Füße. "Bei den Tretern liegt der Beruf nahe."
  "Wo kommst du her?", fragte ich.
 "Aus Bethsaida."
 "Das gibt`s doch nicht!", rief ich. "Ich bin dort aufgewachsen!"
 "Wie bist du dann nach Kapernaum gekommen?", wollte Philippus wissen.
 "Das ist eine lange Geschichte."
 "Das macht nichts. Ich mag Geschichten."
 Philippus brauchte mich nicht lange zu bitten. Bereitwillig erzählte  ich ihm von meiner Kindheit in Bethsaida, als mein Vater dort noch als Fischer arbeitete. Damals fuhr mein Vater noch jede Nacht mit dem Boot auf den See hinaus. Hin und wieder, wenn das Wetter gut war, durfte ich ihn auf diesen nächtlichen Ausfahrten begleiten. "In einer dieser Nächte ...", meine Stimme hatte einen feierlichen Ton angenommen, "... fuhren wir so weit hinaus, wie noch nie zuvor. Doch plötzlich fiel das Segel in sich zusammen. Kein Windhauch regte sich mehr. Da sah ich auf das Wasser. Es lag völlig still da, so dass sich die Sterne darin spiegelten. Egal, wohin ich auch sah, überall waren sie zu sehen. Ich konnte nicht mehr sagen, wo der Himmel aufhörte und das Wasser begann!" In dieser Nacht hatte ich mich in den See verliebt. Und in das Fischen, das mir mein Vater kurz danach beibrachte. Manche Sätze meines Vaters gruben sich tief in mein Gedächtnis ein. Sätze wie: "Ohne ein gutes Netz kannst du das Fischen auch gleich bleiben lassen." Oder: "Wenn dein Netz nicht in Ordnung ist, bleibt der Teller leer." Doch dann wurde mein Vater krank und er konnte nicht mehr auf den See hinausfahren. Bald darauf musste er sein Boot verkaufen. Da sah ich meinen Vater zum ersten Mal weinen. Es war eine schreckliche Zeit. Keiner wusste, wie sich unsere Familie über Wasser halten sollte. Damals wurde ich Tagelöhner, ausgerechnet auf dem ehemaligen Boot meines Vaters. Doch eine andere Arbeit hatte ich nicht gefunden.
 "Das war bestimmt nicht leicht für dich", unterbrach mich Philippus.
 "Es war schrecklich", erwiderte ich. "Jede Nacht musste ich mir den Spott der Mannschaft anhören. "Seht her!", rief Omri, der das Boot von meinem Vater gekauft hatte. "Hier kommt ja unser ehemaliger Bootsbesitzer!" Er fand seine Bemerkung wohl witzig, doch ich konnte sie schon am ersten Abend nicht mehr hören. "Als Bootsbesitzer könntest du ruhig etwas früher da sein!", fuhr Omri genüsslich fort. Aber kaum war ich am nächsten Abend früher da, war dies natürlich auch nicht recht. "Du denkst wohl, du könntest uns hetzen?", rief Omri. "Aber das brauchst du dir gar nicht einzubilden! Du hast uns hier gar nichts zu sagen!" Auch drauen auf dem See lie der Spott nicht nach. Und wenn wir am Ende der Nacht müde heimkamen, hie es meist: "Das Aufräumen kann ja unser Bootsbesitzer erledigen. Schlielich kennt er sich hier ja aus!"
  "Das klingt schlimm."
  "Das war es auch."
  "Wie lange ging das so?"
 "Die ganze Zeit. Als ich älter wurde, dachte ich jeden Tag ans Fortlaufen."
 "Und? Hast du es gewagt ?"
 Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht, was ich Philippus erzählen sollte. Schlielich war ich, was meinen Vater betraf, nicht ganz ehrlich gewesen. Eine Krankheit? Nun ja. So konnte man es nennen. Aber nur, wenn die Römer eine Krankheit waren! Unauffällig wechselte ich das Thema.
 "Wie war deine Kindheit?", fragte ich Philippus.
 Prompt fing Philippus an, von seinem Vater zu erzählen. Gestenreich schilderte er das Schuhgeschäft, das seine Familie betrieb und die verschiedenen Ledergerüche, die durch ihr Haus zogen. Schon bald beteiligten sich auch Johannes und Jakobus an unserem Gespräch. Nachdem sie den Ärger über ihrem Vater hinuntergeschluckt hatten, waren sie in ihrem Redefluss kaum noch aufzuhalten. Ihre Stimmen waren tief und angenehm, aber deutlich eine Spur zu laut. Ich zuckte jedes mal zusammen, wenn sie den Mund aufmachten.
  "Ihr müsst nicht so brüllen", wies ich sie zurecht, "Wir sind nicht auf dem Boot!"
 "Klar doch", erwiderte Johannes. "Wir versuchen, daran zu denken."
 Aber meist dauerte es nicht lange und sie fielen in ihre alte Lautstärke zurück. So suchte ich etwas Abstand.
 Ich wählte die Nähe zu meinem Bruder Andreas, der noch nie ein Mann der großen Worte gewesen war. Neben ihm konnte ich in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. Von dort aus beobachtete ich Absalom und Simon, die vor uns hergingen und sich leise miteinander unterhielten. Simon machte mittlerweile lange keinen so verbissenen Eindruck mehr wie bei unserem Aufbruch. Hin und wieder war um seinen Mund sogar ein leises Lächeln zu sehen. Nach einer Weile begann auch Jeschua wieder zu reden. Sofort ergriff Absalom die Gelegenheit und fragte ihn nach seiner Zeit bei Johannes dem Täufer. "Wie bist du damals zu Johannes gekommen?", wollte er von Jeschua wissen.
 "Nun ..." Jeschua legte den Kopf zur Seite. "Eigentlich wollte ich gar nicht zu ihm."
"Wohin dann?", fragte Absalom.
 "Nach Jerusalem."
 "Du wolltest zum Tempel?"
 Jeschua nickte.
 "Warum?" Absalom zog eine Augenbraue nach oben.
 "Mich quälte damals so ein Unbehagen, das immer größer wurde. ... Ich hielt es zu Hause einfach nicht mehr aus. Da fiel mir der Tempel ein. Vielleicht könnte mir ja eine Wallfahrt helfen, dachte ich."
 "Was hat dich von deinem Weg abgebracht?", fragte ich.
 "Als ich in die Nähe von Jericho kam, hörte ich dort ganz seltsame Geschichten, ...", erwiderte Jeschua. "Da sei so ein Mann ...", erzählten mir die Leute, "... der lebe allein in der Wüste. Er wolle dort einen eigenen Tempel bauen. Aber nicht aus Steinen, sondern aus Menschen."
 "Da bist du neugierig geworden?", fragte ich.
 Jeschua nickte.
 "Ja. Ich bin zu Johannes in die Wüste gegangen. Ich wusste damals nicht, auf was mich einlie. Schlielich war Johannes zu dieser Zeit noch nicht so berühmt wie heute. Trotzdem habe ich meine Entscheidung nie bereut."
 "Fiel es dir nicht schwer, auf alles zu verzichten?", fragte Absalom.
 Jeschua schüttelte den Kopf.
 "Nein. Es war eher umgekehrt. Je einfacher das Leben wurde, umso klarer wurde es auch."
 "Über was sprach Johannes?"
 "Er sprach über die Gerechtigkeit. Sie fehlt uns am Meisten", sagte er immer wieder.
 "Aber wo ist diese Gerechtigkeit zu finden?", fragte Philippus.
 "Sie fängt bei uns selbst an", erwiderte Jeschua. "In uns ist der Ort, an dem sie geboren wird."
 Jeschua schwieg.
 Währenddessen dachte ich an mein Boot, auf dem es in letzter Zeit immer wieder zu Streitereien gekommen war. Um Gerechtigkeit ging es bei diesen Streitereien schon lange nicht mehr, dafür wurden ständig alte Rechnungen hin und her geschoben, ohne Sinn und Verstand. Trotzdem konnten meine Männer und ich nicht damit aufhören, als wären wir Gefangene unseres Streits und nicht diejenigen, die alles in der Hand hielten.
 Hier auf dem Weg hielt ich dagegen nichts in der Hand. Kein Segel und auch kein Ruder. Auch war hier niemand, den ich bei Laune halten musste, so wie auf dem Boot. Und es war niemand hier, der ständig etwas von mir wollte. Dafür war hier auch kein lautes Wort zu hören. Alle schwiegen, aber nicht gegeneinander, so wie auf meinem Boot, sondern miteinander. Ruhe lag in diesem Schweigen und eine stille Kraft, die mich mit Johannes und Jakobus verband, die mit ihren schweren Schritten der Gruppe einen Rhythmus gaben, mit meinem Bruder Andreas und mit Philippus, die stumm neben mir marschierten und mit Jeschua, Absalom und Simon, die mit leichtem Schritt vor uns her liefen.

So näherten wir uns Magdala. Kaum sah ich die Stadt, zog sich mein Bauch zu einem schmerzhaften Klumpen zusammen. Ich kannte dieses Gefühl bereits von meinen früheren Besuchen in der Stadt. Trotzdem konnte ich nichts dagegen tun.
 Vielleicht lag es an den breiten Straßen, die sich unnatürlich gerade durch die Stadt zogen und bei denen ich immer das Gefühl hatte, ich wäre irgendwo ausgesetzt? Oder es lag an den Häusern, die mit ihren römischen Säulengängen und Mosaiken so ganz anders aussahen, als die Häuser in Kapernaum? Oder es hing mit den römischen Prunkbauten zusammen, wie der Rennbahn, die wie ein riesiger Palast in der Mitte der Stadt thronte oder dem nur weniger kleinen Theater, in dem, wie die Leute hinter vorgehaltener Hand munkelten, sogar Götter auftraten? Ich wusste es nicht. Aber letztlich war es mir auch egal! Mir konnte diese Stadt schon lange gestohlen bleiben, in der die Menschen alles, was sie an ihre jüdischen Wurzeln erinnerte, schon vor langer Zeit ausgemerzt hatten.

 Doch obwohl ich die Stadt nicht mochte, gab es auch hier Menschen, die sich das Herz am rechten Fleck bewahrt hatten. Einer von ihnen war Elias, der Schwager meines Bruders Andreas. Elias war als junger Mann nach Magdala gezogen, um hier als Händler für Amphoren sein Glück zu versuchen. Er wohnte in dem Viertel in der Nähe des Sees. Als er uns die Tür öffnete, klein, dick und heftig schnaufend, strahlte er über das ganzes Gesicht.
 "Was für eine Überraschung!", rief er und fiel Andreas in die Arme. Er winkte uns mit wedelnden Armbewegungen zu sich herein. Seine Töchter reichten uns Schüsseln mit Wasser. Wir wuschen uns die Gesichter und die Füße. Danach lud Elias uns zu einem Essen in den Innenhof ein. Es gab Datteln und Feigen, dazu Brot und Wein.
 Schon kurze Zeit später klopften einige Nachbarn an die Tür, die freudig begrüt wurden. Während ich von der Hochzeit von Benjamin und Nuriel erzählte, mit deren Familie Ruth über drei Ecken verwandt war, füllte sich der Innenhof mit weiteren Besuchern, darunter auch einigen Frauen.
 Nachdem wir die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, wurde das Essen abgetragen. Danach rückten wir die Bänke im Innenhof zurecht und die Leute wandten sich Jeschua zu. Auf ihre Fragen hin erzählte er ihnen von seiner Zeit in der Wüste. Mit jedem seiner Worte wurde es im Innenhof stiller. Am Ende hätte man selbst ein Blatt von den Bäumen fallen hören. Jeschua schloss seinen Bericht mit den Worten: "Es war etwas Heiliges, das ich dort in der Wüste erlebt habe."
 "Hast du dich auch von Johannes taufen lassen?", fragte ein kleiner Mann, der in einer Ecke sa.
 Jeschua nickte. "Ja. Als ich aus der Wüste zurückkam, ging ich direkt zu Johannes. Aber der sah mich nur von oben bis unten an. "So wie du aussiehst ...", meinte er zu mir, "... hast du bereits alles allein mit Gott  ausgemacht."
 "Er wollte dich nicht taufen?"
 "Nein. Er meinte, er sähe keine Schuld, die er von mir noch abwaschen könnte. Doch ich gab keine Ruhe, bis er schlielich nachgab. So stiegen wir gemeinsam in die Fluten des Jordans. Als er mich untertauchte, umspülte mich das Wasser von allen Seiten. Es fühlte sich herrlich an, frisch und rein. Als ich aus dem Wasser wieder nach oben kam, sah ich als Erstes in die Augen von Johannes. Er nickte mir freundlich zu. Dann sah ich hoch zum Himmel, der blau und glänzend über mir schien. Da geschah es."
 "Was geschah?"
 "Es war, als hätte mich eine unsichtbare Hand berührt."
 "Eine Hand?"
 "Ja. Sie hob mich hoch. So fühlte es sich zumindest an. Ich dachte, ich wäre im Himmel. Doch gleichzeitig spürte ich, wie meine Beine noch immer in den Fluten des Jordans standen."
 Die Worte Jeschuas klangen überzeugend. Er wollte uns nichts beweisen. Er erzählte lediglich, was er erlebt hatte. So nickte ich.
 Auch Elias schien Jeschua zu glauben.
 "Wie war es im Himmel?", fragte er.
 "Ich spürte überall um mich herum Güte."
 "Nur Güte?", hakte Elias nach.
 "Ja. Ohne die kleinste Spur von Hass. Ein ungeheures Glücksgefühl durchströmte mich ..."
 "... als wärst du von oben bis unten mit Glück angefüllt?", fragte Elias sehnsuchtsvoll.
 Jeschua nickte.
 "Ja. Von den Haaren ganz oben bis hinunter zu den Zehenspitzen."
 Elias seufzte.
 "So etwas würde ich auch gerne einmal erleben." Seine Stimme klang traurig. Und plötzlich, von einem Moment auf den anderen, fing er an zu weinen.
 Erschrocken sah Jeschua Elias an. Als Elias mit dem Weinen nicht mehr aufhörte, legte ihm Jeschua seine Hand um die Schulter. Elias schluchzte auf und weinte danach leiser weiter.
 Mir tat Elias leid. Als Händler für Amphoren hatte er in Magdala keinen großen Reichtum gefunden. Auch war seine Frau früh gestorben und hatte ihm vier Kinder und ein gebrochenes Herz zurückgelassen.
 Während Jeschua Elias tröstete, versuchte ich mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal glücklich gewesen war. Es musste schon viele Jahre her sein, denn ich wusste kaum noch, wie es sich angefühlt hatte. Dafür erinnerte ich mich umso deutlicher an den Tag, an dem mich das Glück verlassen hatte.
 Ich war damals noch ein Kind. Wir, das hie meine Geschwister und ich, spielten im Innenhof und warteten auf unseren Vater, der in der Nacht auf dem See gefischt hatte. Aber obwohl das Boot meines Vaters im Hafen lag, war er nicht nach Hause gekommen. Mit jeder Stunde, die verging, wurde meine Mutter unruhiger.
 "Wo bleibt er nur?", rief sie und lief wie ein aufgescheuchtes Huhn im Innenhof hin und her. Sie war kaum noch zu beruhigen. Ich hatte ihren Sorgen schon oft genug zugehört, um zu wissen, dass nicht jede von ihnen berechtigt war. So hoffte ich, dass alles nicht so schlimm sei. Mein Vater war bestimmt nur bei einem Freund ..., redete ich mir ein, ... oder er musste wegen eines Geschäfts in die Nachbarstadt. Vielleicht hatte er ja endlich ein neues Netz gefunden, nach dem er schon so lange suchte und war los gerannt, ohne seiner Familie Bescheid zu geben? Ich wusste nicht, was ich mir damals noch alles eingeredet hatte, nur um der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Mein Vater war verschwunden und niemand wusste, wo er war! Auch am nächsten Tag tauchte mein Vater nicht auf. Und auch nicht am Tag darauf. Da sickerte ganz langsam die Gewissheit in meinen kindlichen Verstand, dass etwas ganz Furchtbares geschehen sein musste.
 Dann, eine Woche später, brachten sie ihn zu uns. Ich sah, wie ein Mann auf einem Eselskarren in die Stadt gezogen wurde. Der Mann auf dem Wagen war mit Tüchern verbunden, an denen überall Blut klebte. Als ich mich dem Eselskarren näherte und das Gesicht meines Vater erkannte, zog sich alles in mir zusammen. Es kam mir so vor, als hätte jemand meine Seele in den See geworfen und ich müsse nun mit ansehen, wie sie immer tiefer und tiefer im Wasser versank.

 Ich spürte, wie eine Träne über meine Wange lief. Verschämt senkte ich den Kopf. Damals, dachte ich, hatte ich mein Glück verloren. Es war verschwunden, gemeinsam mit meiner Kindheit. Geblieben waren mir nur die Arbeit, die Sorgen und der Schmerz.

Nicht nur mir war die Frage nach dem Glück nachgegangen. Auch die Menschen um mich herum waren in ihren Gedanken versunken. Eine eigenartige Stille erfüllte den Raum. Der Einzige, der sprach, war Jeschua, der sich leise mit Elias unterhielt. Ich konnte seine Worte  nicht verstehen, aber das beruhigende Murmeln seiner Stimme tat mir gut.
 Doch dann wurde die Stimme von Jeschua plötzlich lauter: "Denk´ daran ...", sagte er zu Elias, "... wo Leben ist, da ist auch Hoffnung."
 Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Elias und er wischte sich die Tränen von der Wange. Jeschua rückte ein Stück zur Seite. Schweigend sah er in die Runde. Da begannen die Leute, Jeschua Fragen zu stellen.
 "Was ist für dich Glück?", wollte ein Mann mit breiten Schultern und großen Ohren von Jeschua wissen.
 "Wie würdest du die Frage beantworten?", fragte Jeschua zurück.
 Der Mann sah Jeschua verunsichert an. Aber dann begann er zu überlegen. "Mich machen meine Kinder glücklich", sagte er schlielich. "Manchmal sind sie beim Spielen völlig in sich versunken, so dass sie nichts mehr von der Welt um sich herum mitgekommen. Wenn ich sie in einem solchen Moment sehe, zerspringt mir fast das Herz."
 "Und wie ist es bei euch?" Erwartungsvoll sah Jeschua die Menschen an.
 Ein Mann mit einer Lücke zwischen seinen Vorderzähnen meinte: "Mir geht es mit meinen Kindern genauso. Aber ich kenne etwas Ähnliches auch von meiner Arbeit. Wenn ich mich morgens an meine Töpferscheibe setze, liegt vor mir nur ein roher Klumpen Ton. Der  Ton lässt sich am Anfang nur schwer formen. Aber mit etwas Wasser und Geschick entsteht aus ihm nach und nach eine Amphore, eine Schüssel oder auch ein Becher. Am Ende reicht bereits eine leichte Drehung einer Hand oder auch nur eines Fingers, um meine Arbeit zu vollenden. In solchen Momenten bin ich ganz das, was ich tue. Und ich bin glücklich dabei."
 So fing es an. Wir erzählten uns gegenseitig von unserem Glück. Dabei trug jede und jeder etwas dazu bei. Leise und schüchtern die Einen, etwas lauter und von sich selbst überzeugt die Anderen. Dann, nachdem wir einander eine Zeitlang von dem Glück in unserem eigenem Leben erzählt hatten, wurden wir mutiger und sprachen von dem Glück, das uns miteinander verband. Wir erzählten uns von unserer Sehnsucht nach Frieden und nach einem Leben, in dem niemand vor einem anderen Menschen Angst haben musste. Mit bunten Farben malten wir uns aus, wie unsere Welt aussähe, wenn es in ihr gerecht zuginge und der Eine den Anderen nicht niederdrückte. Dabei kam es mir so vor, als würden wir nicht nur von einer solchen Welt reden, sondern als wäre sie bereits da. Ja, als säe der Frieden, von dem wir sprachen, bereits mitten unter uns. Es war unglaublich! Fast wie in einem Traum. Und gleichzeitig war es viel mehr als nur ein Traum.

Es war spät in der Nacht, als ich schlielich im Innenhof meine Schlafmatte ausrollte. Doch war ich noch immer aufgewühlt. So lie ich den Abend wieder und wieder in meinen Gedanken nachklingen, bis mir schlielich vor Müdigkeit die Augen zufielen. Doch anstatt ruhig zu schlafen, wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Ein Albtraum quälte mich, aus dem ich mitten in der Nacht aufschreckte. Doch kaum hatte ich mich wieder beruhigt und schlief erneut, kam der Traum zu mir zurück.
 Ich sah in dem Traum meinen Vater. Müde wankte er durch die dunklen Gassen Bethsaidas. Bestimmt hatte er bis vor kurzem noch mit seinen Männern die Körbe mit Fischen aus seinem Boot geschleppt, dachte ich in meinem Traum, während ich ihm unsichtbar durch die engen Gassen des Dorfes folgte. Dabei sah ich, wie mein Vater lächelte. Der Fang muss gut gewesen sein, dachte ich und freute mich mit ihm. Doch gleichzeitig traute ich meiner Freude nicht über den Weg, denn insgeheim wusste ich genau, dass nichts gut war. Schlielich war mein Vater an diesem Morgen nie zu Hause angekommen.
 Und dann traf er ihn. Den römischen Soldaten! Es war kurz vor unserem Haus. Mein Vater bog um die Ecke und stie im Halbdunkeln mit ihm zusammen. Der Soldat fluchte und beschimpfte meinen Vater, der sich zu entschuldigen versuchte. Doch der Soldat verstand ihn nicht. Statt dessen zog er sein Schwert und schlug mit der stumpfen Seite auf meinen Vater ein. In meinem Traum sah ich das vor Wut verzerrte Gesicht des Soldaten, glattrasiert wie ein Kind, den halb geöffneten Mund nach unten gezogen, aus dem einige Zahnstümpfe hervorragten. Der Soldat deutete mit dem Schwert auf sein Gepäck und brüllte unverständliche Worte. Erst als mein Vater das Gepäck auf seinen Rücken lud, gab der Soldat Ruhe. Der Soldat zeigte mit dem Schwert auf die dunkle, leere Gasse. Als mein Vater nicht schnell genug loslief, schlug der Soldat erneut mit der stumpfen Seite des Schwertes auf ihn ein. Mehrmals traf der Soldat ihn an seinen Beinen. So humpelte mein Vater los. Weg von unserem Haus, das so nah war. Als sie am Stadttor vorbeikamen, nickte die Wache dem Soldaten zu. Meinen Vater, der mit der schweren Last auf dem Rücken etwas später an der Wache vorbei trottete, sah er nicht. In meinem Traum verfolgte ich meinen Vater weiter auf seinem Weg. Ich sah, wie hinter den Bergen langsam die Sonne aufging und wie der Schwei von der Stirn meines Vaters tropfte. Und dann, nach einer Meile, legte mein Vater die Last ab, so wie das Gesetz es ihm erlaubte. Aber der Soldat lachte nur. Mein Vater hob die Hände und machte ein Zeichen, dass er nun wieder nach Hause gehen würde. Aber der Soldat lie ihm keine Wahl. Er packte sein Schwert und schlug so lange auf meinen Vater ein, bis er das Gepäck wieder auf seinen Rücken lud. Der Soldat suchte sogar noch Steine zusammen und packte sie mit in das Gepäck. Unter Fluchen und Schlägen zog mein Vater weiter. Irgendwann kamen sie ein Dorf. Aber auch dort hatte seine Qual noch kein Ende. Der Soldat zwang ihn, weiterzugehen. Weiter und immer weiter. Erst viele Meilen später, als mein Vater schlielich unter der schweren Last zusammenbrach, gab ihn der Soldat frei. In meinem Traum hörte ich, wie der Soldat lachte, als er meinen Vater neben einem Haufen Steinen liegen lie, die er ihn zuvor unter Schlägen gezwungen hatte, aus dem Gepäck herauszunehmen. So fanden ihn am nächsten Tag einige Händler, die mit ihren Eseln unterwegs waren. Sie reinigten seine Wunden mit Öl und verbanden sie mit Tüchern. Danach brachten sie ihn ins nächste Dorf. Dort blieb er die nächsten Tage. Nach Hause kam er erst eine Woche später, auf einem Eselskarren. Vom Rütteln während der Fahrt waren seine Wunden wieder aufgebrochen, so dass er erneut blutete.
 Mit diesem Bild vor Augen schreckte ich aus meinem Traum auf. Einmal. Zweimal. Immer wieder.

Mein Vater hatte sich damals von diesem Vorfall nie wieder erholt. Wie bei einer Laute, bei der schon ein kleiner Riss den Klang zerstört, war in meinem Vater etwas zerbrochen, das nicht mehr zu heilen war. Er konnte kaum noch schlafen und schlief er doch, wachte er mitten im Schlaf schreiend wieder auf. Sprach ihn jemand an, wurde er wütend, so dass die meisten Leute bald einen Bogen um ihn machten. Doch anstatt sich für sein Verhalten zu entschuldigen, zog sich mein Vater nur noch tiefer in sein Schneckenhaus zurück. Auch sein Boot blieb immer öfter im Hafen liegen, als fehlte ihm die Kraft auf den See hinaus zu fahren. Statt dessen sa er den ganzen Tag stumm in einer Ecke und lie das Leben an sich vorbei ziehen.
 Knapp ein halbes Jahr später musste er das Boot verkaufen. Die Zöllner pfändeten das Geld für die Steuer. So wurde mein Vater Tagelöhner. Aber die meiste Zeit sa er einfach nur schweigend in einer Ecke. Damals begann ich, auf dem ehemaligen Boot meines Vaters als Schiffsjunge zu arbeiten. Und ich begann, die Römer zu hassen. Ich konnte ihnen nicht verzeihen, was sie meinem Vater angetan hatte. Ja, ich wollte es ihnen auch nicht verzeihen!

In dieser Nacht lag ich noch lange wach und dachte an meinen Vater. Ein winziger Augenblick nur, einmal um die falsche Ecke gebogen und das Leben meiner ganzen Familie war zerstört. Nein!, dachte ich, das Leben ist nicht gerecht! Und Schuld daran hatten ganz allein die Römer!

Irgendwann übermannte mich schlielich der Schlaf. Unruhig wälzte ich mich auf meiner Schlafmatte hin und her. Als ich am Morgen aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert. Bald geht es mir noch genauso wie meinem Vater ..., dachte ich und erschrak. Viel zu deutlich sah ich meinen Vater vor mir, wie er still in einer Ecke sa und vor sich hin brütete.
 Aber während ich noch an meinen Vater dachte, tauchten nach und nach die ersten Erinnerungen an den gestrigen Abend wieder auf und mit den Erinnerungen kam auch die Hoffnung zu mir zurück. Wer wei , dachte ich, ... vielleicht war es ja doch möglich, mit allen Menschen in Frieden zu leben? Und wenn schon nicht mit allen, dann zumindest mit den Menschen, mit denen man zusammenlebte? So wie gestern Abend, als wir miteinander im Innenhof saen und ich das Gefühl hatte, alles wäre möglich. Aber während ich noch in den Erinnerungen der vergangenen Nacht schwelgte, sah ich plötzlich das Bild meines Vaters vor mir. Er lag auf dem Eselskarren und war mit Tüchern verbunden, an denen überall Blut klebte. Wie war das möglich?, fragte ich mich. Wie konnte ich diese Bilder zur gleichen Zeit sehen? Noch dazu so deutlich, als würde alles hier und jetzt geschehen?
 Während mein Herz immer lauter schlug, kam mir plötzlich eine Idee. War dies vielleicht der Moment, auf den ich die ganze Zeit gewartet hatte? Der Moment, an dem ich mich entscheiden musste? Entscheiden, ob ich mein Leben weiter damit verbringen wollte, die Römer zu hassen, die das Leben meiner Familie zerstört hatten oder ob ich etwas völlig Neues wagen sollte, auch wenn dieses Neue noch wie hinter einem dichten Nebelschleier verborgen lag?
 Ich musste nicht lange überlegen. Die Entscheidung war längst schon gefallen. Es gab nur eine Möglichkeit! Denn auch wenn ich nicht sagen konnte, was gestern Abend mit mir geschehen war, so wusste ich doch Eines: ich wollte mehr davon. Viel mehr.

Am Morgen frühstückten wir in aller Eile im Innenhof. Elias, der Hausherr, hatte nur wenig Zeit, da er zu Verhandlungen über eine Lieferung  Amphoren erwartet wurde. Als wir uns vor der Tür von ihm verabschiedeten, warteten dort drei Männer auf Jeschua. "Können wir mit euch nach Kapernaum gehen?", fragte einer von ihnen. Der Mann hatte breite Schultern und große Ohren. Ich erkannte in ihm den Mann wieder, der gestern Abend Jeschua nach dem Glück gefragt hatte. Er hie Nimrod und er hatte seine beiden Freunde Esrael und Isaak mitgebracht. Jeschua nickte und die drei Männer schlossen sich uns an. Wir wollten gerade aufbrechen, als eine Frau um die Ecke bog. Mir kam sie seltsam bekannt vor. Bestimmt war sie gestern Abend auch mit im Innenhof gesessen, dachte ich, auch wenn sie mir in der Dunkelheit nicht weiter aufgefallen war. Jetzt dagegen, im Licht des Tages, war sie nicht mehr zu übersehen. Bewundernd betrachtete ich ihre mandelförmigen Augen, die kleine, leicht gebogene Nase und ihre schwungvoll geformten Lippen kein Zweifel, diese Frau war schön. Dabei war sie von ihrer Gestalt her eher klein, doch lag in jedem ihrer Schritte, ja selbst in jeder kleinen Geste ein unausgesprochenes Versprechen, das nur darauf wartete, eingelöst zu werden. Ich war noch ganz in ihrem Anblick versunken, als die drei Männer aus Magdala bereits abfällig ihre Nasen über sie rümpften.
 "Sieh´ sie dir an", murmelte Isaak hinter vorgehaltener Hand, "Was die sich traut? Hier aufzutauchen."
 "Ja! Schämen sollte sie sich, die Hure!", erwiderte Esrael empört.
 Diese Frau musste Miriam sein, dachte ich. Ich hatte bei meinen Besuchen in der Stadt schon das eine oder andere Gerücht über sie gehört. Wenn diese Gerüchte stimmten, war sie in allerlei Männergeschichten verwickelt. Angeblich spielte dabei auch Geld eine Rolle. Doch als ich sie an diesem Morgen aus der Nähe sah, wirkte sie auf mich nicht wie jemand, der auf krummen Wegen ging. Dazu stand sie viel zu gerade auf ihren hübschen Beinen.
 "Kann ich mit euch gehen?", fragte sie mit angespannter Stimme.
 Jeschua nickte, obwohl er das Geflüster der Männer bestimmt gehört hatte.
 Prompt widersprach Isaak: "Moment! Willst du tatsächlich ...?"
 Jeschua sah ihn mit großen Augen an. "Was ist? Hast du etwas gegen sie vorzubringen?"
 "Nun ..." Isaak zögerte. "Sie ist ..." Er sah Miriam an, die sich unter seinem Blick wegduckte.
 Vielleicht war er ja verheiratet und dachte an das Getuschel der Leute, wenn er sich mit Miriam in der Stadt sehen lie? Auch ich konnte mich da auf Einiges gefasst machen. Ruth vertraute mir. Aber das hie noch lange nicht, dass es ihr egal war, wenn sich die Leute über mich den Mund zerrissen.
 "Nun?" Jeschua sah Isaak an.
 Aber Isaak wusste nichts zu sagen. Stumm sah er auf seine beiden Freunde. Als sie ihm nicht zu Hilfe eilten, stampfte er mit dem Fuß auf den Boden. "Ihr könnt ja gehen ...", rief er ihnen zu. "Aber ohne mich." Er drehte sich um und stürmte ohne ein weiteres Wort davon.
 Ich sah ihm nach. Warum mussten unsere Aufbrüche mit Jeschua  immer nur so dramatisch verlaufen?, fragte ich mich. Zuerst Zebedäus in Kapernaum und nun Isaak hier in Magdala Hatte Jeschua etwas an sich, das die Leute nicht nur dazu brachte, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, sondern auch von ihrer Schlechtesten? Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und stapfte mit einem Kopf voller Sorgen los. Doch meine trüben Gedanken lösten sich schon bald wieder auf, denn wie auf dem Hinweg, so lag auch auf dem Rückweg ein ganz eigener Segen.
 Alles fing damit an, dass Absalom Jeschua bat, ihm von seiner Zeit bei Johannes dem Täufer zu erzählen. Bald waren die beiden in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Ich war noch müde von der Nacht und ging still neben ihnen her. Ich genoss die Strahlen der Morgensonne, die meinen Rücken wärmten und sah den Schatten von Jeschua und Absalom zu, die vor mir herliefen und sich genauso angeregt zu unterhalten schienen, wie die beiden selbst.
 Nach einer Weile sah ich zur Seite, um das Gesicht von Jeschua näher zu betrachten. Gestern Abend hatte Jeschua allein mit dem Runzeln seiner Stirn oder mit einem Lächeln die Leute dazu gebracht, nicht nur vom Glück zu reden, sondern es auch miteinander zu erleben. Wie hatte Jeschua das nur angestellt? Besa er irgendwelche Kräfte, von denen ich nichts wusste? Aufmerksam musterte ich Jeschuas Nase, den breiten Mund und die leuchtenden Augen. Aber alles sah ganz normal aus.
 In diesem Moment flatterte ein Schmetterling vorbei. Er drehte in der Luft einige Kreise und lie sich danach auf dem Turban von Absalom nieder. Absalom erzählte gerade eine Geschichte von einem Mann, den er vor einiger Zeit in Genezareth getroffen hatte. Er war so in seine Geschichte vertieft, dass er den Schmetterling nicht weiter bemerkte. Ganz im Gegensatz zu Jeschua, der amüsiert zusah, wie der Schmetterling auf dem Turban von Absalom auf und ab hüpfte.
 Irgendwann fiel Absalom der belustigte Blick auf, mit dem ihn Jeschua ansah. "Was ist los?", fragte er unsicher.
 "Nichts", gluckste Jeschua und sah dabei auf Absaloms Turban, auf dem der Schmetterling kleine Kreise drehte.
 "Da ist doch was!", rief Absalom erneut.
 "Aber nein", widersprach ihm Jeschua.
 Irritiert fuhr Absalom mit seiner Geschichte fort, während Jeschua weiter dem Schmetterling zusah, der auf dem Turban von Absalom einen stummen Tanz aufführte. Mit jedem Hüpfer des Schmetterlings wurde sein Grinsen breiter. Lange geht das nicht mehr gut, dachte ich und betrachtete voller Staunen den Mund von Jeschua, der sich immer weiter nach oben schob. Als ich schon dachte, noch höher könne sich der Mund von Jeschua unmöglich schieben, blieb Jeschua plötzlich mitten auf dem Weg stehen. Gleich geschieht etwas, dachte ich. Und genau so war es auch. Jeschua sah uns alle an. Und dann, von einem Augenblick auf den anderen, brach er plötzlich in ein  ohrenbetäubendes Lachen aus. Sein  ganzer Körper bebte. Fassungslos starrte ich ihn an. Ich hatte noch nie jemanden so lachen gesehen. Doch während ich noch Jeschua anstarrte, sprang bereits ein Funke von seinem Lachen auf mich über. Zuerst versuchte ich noch, mich dagegen zu wehren. Ich wollte nicht lachen. Nicht vor all´ den anderen. Aber ich konnte gar nicht anders. Es gluckste und kicherte in mir, bis es schlielich aus vollem Hals aus mir herausbrach. Auch den anderen ging es genauso. Selbst Miriam lachte lauthals mit, obwohl es ihr bestimmt noch viel peinlicher war als mir, schlielich war sie die einzige Frau unter lauter Männern. Aber das alles spielte keine Rolle. Es war egal. Völlig egal. Wir lachten und lachten und konnten gar nicht mehr damit aufhören.
 Irgendwann gab Jeschua ein Zeichen und wir setzten unseren Weg fort. Trotzdem giggelten, glucksten und grinsten wir weiter vor uns hin. Es dauerte nicht lange und Nimrod begann, einen Witz zu erzählen. Sein Freund Esrael nahm den Faden auf und gab ebenfalls einige Witze zum Besten. Als ihm kein Witz mehr einfiel, zeigte er plötzlich auf einen der Berge auf der anderen Seite des Sees und stupste seinen Freund an: "Sieht der nicht genauso aus, wie deine Nase?"  Nimrod stutzte, dann begann er lauthals zu lachen. "Du hast Recht!", rief er. "Das ist genau die Form meines Zinkens." Schon bald verglichen auch wir anderen die Berge mit den Nasen von Leuten, die wir kannten. Bei jedem Berg waren wir am Prusten. Und war es für einen kurzen Moment einmal still, sahen wir den Sonnenstrahlen zu, die das Wasser des Sees zum Glitzern brachten, als bestünde er aus Tausenden von kleinen Edelsteinen.
 Während ich einen Schritt vor den anderen setzte, kam es mir so vor, als hätte mir jemand all´ meine Sorgen von den Schultern genommen und mir statt dessen das Licht der Sonne geschenkt, das Rascheln der Blätter im Wind und das Zwitschern der Vögel, die mich auf meinem Weg begleiteten. Nein, dachte ich, ein solches Glück war nicht möglich. Und doch freute ich mich mit jeder Faser meines Körpers daran.

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