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Das Evangelium nach Petrus

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 Blume  

                   IX  

Als ich am Abend zum Hafen kam, sah ich ihn bereits von Weitem. Reglos wie eine Statue saß im Licht der untergehenden Sonne auf dem Stein, auf dem ich am Morgen die Netze geflickt hatte und sah in die Ferne. Er schien dort etwas zu sehen, das nur er sehen konnte und das seinen Mund lächeln ließ. Als ich näher kam, drehte er sich zu mir um.
 „Na?", begrüßte er mich. „Ausgeschlafen?"
 Ich nickte.
In diesem Moment bog mein Bruder um die Ecke. Über seinen Schultern trug er ein altes Netz und seine Stirn war in Falten gelegt.
 „Was führt dich denn hierher?", blaffte ich meinen Bruder an.
 „Das Gleiche könnte ich dich fragen ..." Seine Stimme grummelte. Vielleicht war er ja wütend, weil er das Netz noch flicken musste? Trotzdem schien er nicht in Eile zu sein. Seelenruhig stand er da und musterte Jeschua, der auf seinem Stein saß. Da sah ich ein Flackern in seinen Augen und plötzlich kam mir ein Verdacht.
 „Hat Lea dich geschickt?"
 „Warum sollte sie?"
 „Sag` du es mir."
 Er zögerte. Da wusste ich, dass ich auf der richtigen Spur war.
 „Nun?" Mit zusammengekniffenen Augen sah ich Andreas an.
 „Ich bin nicht wegen dir hier ..."
 „Sondern?" Mein Bruder ließ sich wieder einmal jedes Wort aus der Nase ziehen.
 „Wegen ihm." Andreas zeigte auf Jeschua, der unseren Wortwechsel aufmerksam verfolgt hatte. „Lea hat mir von ihm erzählt … sie hat Ruth beim Wasserholen getroffen ..."
 Aha! Darum also war Ruth so lange am Brunnen geblieben.
 Da stand Jeschua auf.
 „Entschuldige", sagte ich zu Jeschua. „Darf ich vorstellen? Das ist mein jüngerer Bruder Andreas."
 „Es freut mich, dich kennenzulernen." Jeschua streckte seine Arme aus und umarmte Andreas. Dann zeigte er mit der Hand auf den Stein. „Setz` dich zu uns. Wer weiß, vielleicht willst du ja auch mitkommen?"
 Das fehlte mir gerade noch! Ich mochte meinen Bruder. Aber das hieß noch lange nicht, dass er mir nicht hin und wieder auf die Nerven ging, so wie jetzt.
 „Sag` uns erst einmal, wohin es gehen soll?", wandte ich mich an Jeschua.
 „Genau ...", erwiderte Andreas.  
 Ich sah meinen Bruder an und schüttelte den Kopf.
 Da zeigte Jeschua mit seiner Hand auf den Stein und wir setzten uns.
 „Kennt ihr Johannes den Täufer?", fragte er.
 „Sicher." Soweit ich wusste, hatte sich Johannes tief im Süden, in der Nähe von Jericho, niedergelassen.
 „Es heißt, er setzt sich für die Gerechtigkeit ein", mischte sich Andreas ein. „Selbst König Herodes Antipas soll er seinen Ehebruch und die Heirat mit Herodias unter die Nase reiben."
 Jeschua nickte. „Ja, wenn es um die Gerechtigkeit geht, nimmt Johannes kein Blatt vor den Mund. Er lebt die Wahrheit, die viele Menschen schon lange verloren haben."
 Jemand hatte mir erzählt, Johannes trüge einen Mantel aus Kamelhaar, den er sich aus Abfällen genäht hätte. Auch aß er nur Heuschrecken und wilden Honig, die er am Rand der Wüste fand. Er wollte sich von niemandem abhängig machen, hieß es. Aber obwohl er so ärmlich lebte, strömten die Leute zu ihm, denn seine  Worte waren von großer Kraft.
 „Wenn ich richtig gehört habe, behauptet Johannes, dass die Welt bald zu Ende geht?", fragte ich.
 „Ja, das tut er."
 „Und? Was glaubst du?"
 „Ich denke, er hat Recht. Der Hass wächst jeden Tag. Das kann auf Dauer nicht gut gehen."
 „Du glaubst also, es kommt zu einer Katastrophe?" Die Stimme von Andreas klang ängstlich.
 Jeschua nickte.
 „Ja, früher oder später. Und so wie ich unsere Welt kenne, wird es eher früher sein als später."
 Jeschua spürte es also auch. Das, was wir alle spürten. Dass etwas im Anmarsch war. Etwas, das nicht gut war. Und das Menschen wie Johannes den Täufer hervorbrachte, den einsamen Rufer in der Wüste.
 „Was hast du bei Johannes gemacht?", fragte Andreas.
 Ich warf meinem Bruder einen missbilligenden Blick zu. Jeschua verfolgte meinen Blick aus den Augenwinkeln heraus.
 „Ich machte, was alle dort machten", sagte er zu Andreas. „Ich legte mein altes Leben ab."
 „So wie ein Kleidungsstück, das man in die Ecke legt?"
 Jeschua schüttelte den Kopf. „Nein. Ganz so einfach war es nicht."
 „Wie war es dann?" Andreas sah Jeschua mit großen Augen an.
 Da erzählte ihm Jeschua von seiner Zeit in der Wüste. Er beschrieb ihm die Hitze am Tag, die einem die Schweißperlen auf die Stirn trieb und die Kälte der Nacht, die einen zittern ließ, als hätte man Fieber.
 „Aber warum hast du dir das angetan?" Die Stimme von Andreas klang bestürzt.
 Jeschua zögerte. „Ich wollte herausfinden, wer ich bin", sagte er schließlich.
 „Aber ...", rief Andreas, bevor ich noch etwas sagen konnte, „… warum bist du dazu in die Wüste gegangen?"
 Ich war es leid, meinem Bruder missbilligende Blicke zuzuwerfen. Sollte er sich doch mit Jeschua unterhalten, wenn er wollte! Mir war das egal!
 Aber Jeschua schien meinen Unmut zu spüren, denn im gleichen Moment sprach er mich an.
 „Warst du schon einmal in der Wüste?"
 Ich schüttelte den Kopf.
 „Es ist still dort ..." Sehnsucht lag in seiner Stimme.  „... unglaublich still. Ihr beide kennt eine solche Stille vielleicht vom See ... aber dort, wo ich aufgewachsen bin, da gibt es keinen See. Da gibt es nur Häuser voller Kindergeschrei und Felder, auf denen sich die Männer die immer gleichen Geschichten erzählen." Er stockte. „Vielleicht musste ich deshalb in die Wüste gehen ... um die Stille zu finden … Ich konnte dort stundenlang dasitzen und auf jedes kleinste Geräusch lauschen. Ich hörte das leise Säuseln des Windes, der über die Sanddünen strich oder das Rascheln einer Wüstenmaus, die sich aus ihrer Höhle herauswagte. Und dann, als der Lärm der Welt langsam in meinem Kopf verstummte ..." Jeschua machte eine Pause, „... da hörte ich nach drinnen. Ich hörte auf die Stimme meines Herzens. Und auf die anderen Stimmen in mir ..."
 „Welche andere Stimmen?", fragte Andreas.
 „Ich habe sie meine Dämonen genannt ..." Jeschua sah Andreas mit leeren Augen an.  „… ein Dämon war die Wut, die in mir hoch kroch … ein anderer Dämon war die Angst, die mir die Gedärme verknotete … dann kam die Verzweiflung und der Neid ... die Ohnmacht und der Selbsthass  … Es gab viele von ihnen. Viel zu viele … und sie alle sprachen zu mir …" Er verzog sein Gesicht. Die Erinnerung schien ihn zu schmerzen. „Aber dann ..." Er schluckte. „... half mir die Wüste erneut. Denn während ich Tag und Nacht mit meinen Dämonen kämpfte, brannte die Sonne weiter unbarmherzig auf meinen Kopf herab. Damals dachte ich, sie wollte mich verhöhnen und mir das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon war. Als dann auch noch die Kälte mit jeder Nacht schlimmer wurde, konnte ich nicht mehr. Ich war mit meiner Kraft am Ende. Ich wollte aufgeben … alles hinwerfen … aber dann spürte ich, dass da noch etwas anderes in mir war … etwas, das anders war, als dieser Kampf … und auch anders, als die Erschöpfung, die auf mir lag oder die Dämonen, die mich die ganze Zeit über quälten ..." Er sah nach oben. „... und plötzlich konnte ich loslassen. Ich konnte die Wut in mir loslassen und die Angst. Ja selbst meine Verzweiflung fiel von mir ab, als hätte sie noch nie in ihrem Leben etwas anderes getan. So verbrannte ein Dämon nach dem anderen in der Hitze des Tages oder erfror in der Kälte der Nacht."
 Er sah Andreas an. Sein Blick war wieder klar.
 „Was blieb dann am Ende noch von dir übrig?" Die Stimme von Andreas war kaum noch zu hören.
 „Nicht das, was ich glaubte zu sein", erwiderte Jeschua leise.
 „Sondern?"
 „Das, was ich war."
 Andreas schwieg.
 „Und? Hast du...?", fragte er schließlich.
 „Frieden gefunden?" Fragend sah Jeschua meinen Bruder an.
 Andreas nickte.
„Ja", erwiderte Jeschua. „Aber nicht nur das. Ich habe in diesem Frieden auch etwas von Gott gefunden."
 Stumm sah er auf die untergehenden Sonne über dem See.
 Ja, dachte ich, vielleicht war es ja so? Vielleicht hatte er ja seinen Frieden gefunden? Aber was war mit uns? Was war mit den Menschen, die von den Römern wegen Nichts und wider Nichts in ihre Lager verschleppt wurden, eingesperrt hinter Palisaden aus Holzpfählen, bewacht von missmutigen Soldaten, die ungeniert ihre Launen an ihnen ausließen? Was war mit den Menschen, die nicht in der Wüste lebten, sondern in den Dörfern und Städten und dort von den Römern drangsaliert wurden? Nein, solange die Römer unser Land beherrschten, gab es keine Gerechtigkeit! Und ohne eine solche Gerechtigkeit gab es auch keinen Frieden! Nicht für uns. Und auch für niemand anderen!
 „Du kannst keinen Frieden finden ...", rief ich deshalb, während ich an das römische Lager dachte, das die Soldaten direkt vor den Toren Kapernaums errichtet hatten.
 Da sah mich Jeschua mit einem seltsamen Blick an, als hätte er schon alles gesehen, was es in der Welt zu sehen gab.
 „Denk´ nach ...", sagte er.
 Ich sah ihn verständnislos an.
 „Worüber?"
 „... über den Hass, den du in dir trägst ..."
 „Auf die Römer?"
 Jeschua nickte.
 „Warum sollte ich über diesen Hass nachdenken?"
 „Weil er dich zu etwas macht, das du nicht bist … und weil er dich zerstört ... genauso wie er auch unsere Welt zerstört."
 „Das machen schon die Römer!", schnaubte ich. Aber es gelang mir nicht, die alte Wut in mir zu entfachen.
 Jeschua schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn wir dem Hass weiter folgen, werden wir diejenigen sein, die unsere Welt zerstören … wir ... nicht die Römer!" Er sah mir tief in die Augen.
 Sein Blick traf mich. „Wir", hatte er gesagt. „Wir würden die Welt in den Abgrund treiben." Aber wie konnte unser Hass die Welt zerstören? Das war doch nicht möglich! Genauso wenig, wie dieser Hass mich zerstören konnte. Warum auch? Schließlich war dieser Hass etwas ganz Normales. Jeder hier hasste die Römer. Warum sollte da ausgerechnet ich eine Ausnahme machen? Außerdem hatte ich meine ganz besonderen Gründe, auf die Römer wütend zu sein. Vielleicht sogar bessere Gründe, als viele andere. Trotzdem ließen mich seine Worte nicht los. Das machte mich stutzig. So überlegte ich … zerstörte mich dieser Hass wirklich? … zumindest war er in alle Winkel meiner Seele gekrochen, dachte ich. Ja, an manchen Tagen war er das Einzige, das mich noch am Leben hielt … weil an an diesen Tagen alle Freude, alle Unbekümmertheit, alles Lachen aus meinem Leben verschwunden war. Ich erschrak. Hatte Jeschua vielleicht doch recht und fraß dieser Hass meine Seele auf? Ja, schnürte er ihr die Luft ab und ließ mich nur noch die Römer sehen und das, was sie uns antaten? Mir wurde schwindlig und ich hörte in mir eine Stimme. Sie klang wie der unterdrückte Schrei eines sterbenden Tieres, wie das letzte Aufbäumen des Teils meiner Seele, der von diesem Hass noch nicht zerstört war. „Er hat recht", flüsterte die Stimme. „Und du weißt es." Da schüttelte es mich und ich schien zu fallen. So hielt ich mich an dem Stein fest.
 „Denk´ nach ..." Die Stimme von Jeschua war leise. „... wenn es einen Weg gibt, der uns in diesen Hass hineinführt ..."
 „... dann muss es auch einen Weg geben, der uns aus diesem Hass wieder herausführt", vervollständigte Andreas Jeschuas Worte mit andächtiger Stimme.
 Jeschua nickte.
 „Und ..." Meine Stimme krächzte. „… diesen Weg willst du gehen?"
 Jeschua nickte. „Ja. Aber ich kann ihn nicht allein gehen. Ich brauche dazu Menschen. Ich brauche euch ..."
 In seinem Blick lag ein verzweifeltes Flehen. Aber mitten in diesem Flehen war ein Licht zu sehen, hell und klar wie die Sonne am Morgen. Dieses Licht war keine Täuschung. Es war echt. Ich glaubte ihm. Ja, als ich in seine Augen sah, glaubte ich, dass er auch mich aus meinem Hass herausführen konnte. So nickte ich. Ich war dabei.

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