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Das Evangelium nach Petrus

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 Galiläa  

                    VIII   

„Menschenfischen" Ich hatte dieses Wort noch nie zuvor gehört. Es machte mich neugierig. Woher hatte der Mann dieses Wort? Hatte er es selbst erfunden? Oder von jemandem aufgeschnappt?
 „Wie soll ich Menschen fischen?", fragte ich ihn. „Etwa mit einem Netz?"
 Der Fremde schüttelte den Kopf.  
 „Nein", sagte er, „... aber wenn du mit mir kommst, zeige ich es dir."
 Plötzlich war es kein Spiel mehr, das wir miteinander spielten. Eine unangenehme Stille kroch aus dem Boden.
 „Was ist?" Seine dunklen Augen sahen mich an. „Die Netze laufen dir nicht weg."
 „Die Netze nicht", erwiderte ich. „Bei meinen Männern wäre ich mir da allerdings nicht so sicher. Außerdem habe ich eine Frau."
 „Du bist verheiratet?"
 Ich nickte.
 „Hast du auch Kinder?"
 „Ja. Mehr als mir manchmal lieb sind." Ich grinste.
 So kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte ihm von meiner jüngsten Tochter Tabitha. Sie hatte vor ein paar Wochen meine Lieblingstasse fallen gelassen. Aus Angst, ich könnte wütend werden, hatte sie  niemandem etwas davon erzählt. Als ich die Scherben ein paar Tage später hinter dem Ofen entdeckte, fragte ich sie:
 „Warst du das?"
 „Nicht aus A´sicht!" Sie schluchzte und dicke Tränen kullerten über ihre Backen.
 Ich war ihrem Leid hilflos ausgeliefert und nahm sie auf meinen Arm. Während ich ihr über die Haare strich, betrachteten wir gemeinsam die Scherben in meiner Hand. Da kam mir eine Idee.
 „Sieh´mal ...", sagte ich zu ihr, „... glitzern die Scherben nicht wunderschön? Ich finde, sie sehen viel schöner aus als die Tasse vorher." Da lächelte sie auf einmal. Kurz danach hüpfte sie von meinem Arm. Etwas später sah ich sie im Innenhof mit den Scherben spielen.
 Dem Fremden schien meine Geschichte zu gefallen.
 „Das Trösten liegt dir", meinte er zu mir.
 Da fragte ich ihn nach seiner Familie.
 „Ich habe keine Familie … keine Frau und keine Kinder ... aber ich habe Geschwister. Von daher weiß ich, wovon ich rede."
  „Woher kommst du?"
 „Aus Nazareth, einem kleinen Dorf, zwei Tagesreisen von hier entfernt. Aber im Augenblick komme ich direkt aus der Wüste ..."
 Er hieße Jeschua, so erzählte er mir und hätte die letzten Monate in der Nähe von Jericho verbracht. Dort sei etwas geschehen, das sein Leben komplett verändert hätte. Gestenreich versuchte er mir zu erklären, was er in der Wüste erlebt hatte, aber ich war viel zu müde, um seinen Worten folgen zu können. Auch knurrte mein Magen immer lauter. So lud ich ihn zu mir zum Essen ein.
 „Fladenbrot und Oliven gibt es bei uns reichlich", sagte ich. „Auch freut sich meine Frau Ruth immer über Besuch."

Ruth freute sich keineswegs.
 „Warum hast du mir nichts gesagt?" Sie hielt mich an meinem Obergewand fest, während Ilanah, unsere älteste Tochter, Jeschua in den Innenhof führte.
 „Ich wusste es ja selbst nicht", versuchte ich sie zu beruhigen. „Außerdem brauchen wir nicht viel. Ein paar Brote, eine Schale Oliven. Das reicht."
 „Das reicht?" Ihre Stimme wurde lauter und sie strich sich mit der Hand über ihre dunklen Haare, die sie am Morgen zu einem dicken Zopf zusammen gebunden hatte, der die grauen Strähnen verdecken sollte, die seit einem halben Jahr dort aufgetaucht waren. Mit einem empört gemurmelten „Männer!" verschwand sie um die Ecke, nur um kurz darauf mit ein paar Broten, einer Schale mit Oliven und einer weiteren Schale mit Feigen wieder aufzutauchen.
 Ich hatte in der Zwischenzeit mit Jeschua im Innenhof Platz genommen. Als die Kinder uns entdeckten, kamen sie dazu. Ruth hatte Jaron geweckt, der sich mit uns an den Tisch setzte, genauso wie meine Schwiegermutter Judith. Während wir miteinander aßen, kletterte Tabitha auf den Schoß von Jeschua und thronte dort wie eine kleine Prinzessin. Hin und wieder steckte ihr Jeschua ein Stück Brot zu, das sie gnädig aus seiner Hand in Empfang nahm.
 Je länger wir uns miteinander unterhielten, umso begeisterte war Ruth von Jeschua´s Ideen.
 „Du hast Recht", rief sie immer wieder. Und: „So kann es nicht mehr weitergehen!"
 Ich selbst kam kaum noch zu Wort, aber das störte mich nicht weiter. Vielmehr freute ich mich an dem Leuchten in ihren Augen, das ich dort schon lange nicht mehr gesehen hatte. Aber dann meinte Jeschua plötzlich, er müsse jetzt gehen. Vorher wollte er aber von mir wissen, ob ich mit ihm komme.
 Ich schüttelte müde den Kopf. Da sprang Jaron auf.
 „Ich könnte doch für dich auf den See hinaus fahren." Seine Augen glänzten.
 „Also, ich weiß nicht ..." Als Adir heute Nacht nach Hause segeln wollte, hatte Jaron nur stumm genickt. Nein …, dachte ich, … er war noch nicht so weit, die Mannschaft zu führen.
 Da mischte sich Ruth ein.
 „Was ist nur mit dir los? Es sind doch nur ein paar Tage!"
 „Aber ..." widersprach ich, wenn auch etwas leiser.  
 „Jetzt komm` schon", erwiderte Ruth. „Was hast du gegen ein wenig Abwechslung?"
„Ich brauche keine Abwechslung", murmelte ich. Alles, was ich brauchte, war Schlaf.
 „Wie kannst du nur so stur sein?" Ruth kam langsam in Fahrt. „Du bist fast schon so verkrustet wie die Fische, die der alte Schlomo mit dem Salz vom Toten Meer einreibt."
 „Ich bin kein Salzfisch!", protestierte ich.
 „Wenn du meinst." Ruth lachte. „Aber gib es ruhig zu."
 „Was soll ich zugeben?"
 „Dass selbst die Fische von Schlomo weiter herum kommen, als du. Oder kannst du mir sagen, wann du das letzte Mal aus Kapernaum weg warst?" Herausfordernd hob sie ihren Kopf.
 Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste es nicht.
 „Siehst du! Genau das meine ich." Ein leiser Triumph lag in ihrer Stimme.
 Ich war verwirrt. Wollte Ruth mich etwa loswerden?
 „Nun?" Mit einem vorwurfsvollen Blick sah sie mich an.
 Ich war viel zu müde, um mich mich weiter mit ihr zu streiten. So sah ich mit zusammengekniffenen Augenbrauen zu Jeschua hinüber.
„Wir können ja nach dem Abendessen reden. Beim großen Stein am Hafen?"
 Jeschua nickte. Auch Ruth schien zufrieden zu sein. Vielleicht dachte sie ja, er könnte mich noch überzeugen?

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