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Das Evangelium nach Petrus

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 Jerusalem, Stadttor  

                     VII     

Während ich Josef von meiner Begegnung mit Jeschua erzählte, wurde ich zunehmend ruhiger.  Das Erzählen tat mir gut.  Es vertrieb die dunklen Gedanken, die sich auf diesen Tag gelegt hatten. Der Albtraum vom Morgen … das Herumirren in den Gassen von Jerusalem … ja selbst mein Starren auf die leere Wand versank hinter einem Schleier aus Licht, der jede Schärfe aus der Erinnerung nahm. Ich atmete tief durch und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Von dort sah ich zu Josef hinüber, der auf seinem Platz unruhig hin und her rutschte. Er hatte seinen Oberkörper nach vorne gebeugt und nestelte mit seinen Fingern an dem goldenen Reif, den er um seinen Arm trug. Er schien meinen Blick auf seiner Haut zu spüren, denn plötzlich sprang er auf.
 „Willst du mir etwa sagen ..." Seine Worte klangen, als wollte er mich anklagen. „... Jeschua hätte dir die ganze Zeit beim Netzeflicken zugesehen?"
 Ich nickte.
 „Aber warum? … und warum ..." Seine Stimme klang noch immer erregt, „... bist du überhaupt mit ihm gegangen? So wie du mir die Geschichte erzählt hast, hätte ich mich nie auf ein solches Abenteuer eingelassen!"
 „Wie kommst du auf den Gedanken, dass ich damals mitgegangen bin?"
 „Bist du nicht?"
 „Nein. Oder hättest du deine Arbeit einfach so liegen gelassen?"
  Josef schüttelte den Kopf.
 „Siehst du." Ich machte eine Pause. „Außerdem ...", ich grinste, „... gab es da noch immer meine Mutter."
 „Deine Mutter?" Josef zog seine Augenbrauen nach oben.
 „Ja. Sie hat mir schon als Kind beigebracht, nie mit fremden Männern mitzugehen."
 Er lachte schrill. Als er merkte, dass mit seinem Lachen etwas nicht in Ordnung war, hörte er abrupt auf. Statt dessen sagte er: „Mütter sind doch überall gleich …"
 „Warum?", hakte ich nach, in der Hoffnung, dass meine Frage ihn dazu brachte, nicht weiter vor mir hin und her zu laufen wie ein Vogel, der am Strand nach Nahrung suchte.
 Tatsächlich blieb er stehen und legte die Hand an sein Kinn.
 „Meine Mutter hat zu mir als Kind genau dasselbe gesagt ..." Ein Staunen lag in seiner Stimme. „... Dabei wollte ich gar nicht weg ... wolltest du denn ...?" Er sah mich an.
 „Weggehen?"
 Er nickte.
 „... Ja ... als ich klein war ..."
 „Wohin? Du warst doch noch ein Kind."
 „Ach … ", winkte ich ab.
 „Erzähl´!" Seine Stimme klang, als hätte ihn jemand zum Essen eingeladen und wollte ihn nun vor dem leeren Tellern sitzen lassen.
 Ich wusste nicht, was ich von seinem Ton halten sollte, aber dann sah ich die Traurigkeit in seine Augen. So erzählte ich:
 „Damals ... verkaufte meine Mutter noch Fische auf dem Markt in Bethsaida. … Manchmal, wenn meine Schwestern nicht auf mich aufpassen wollten, nahm sie mich mit zum Markt. Ich saß dann ganz nah neben ihr und sah zu, wie die Leute bei uns einkauften. Hin und wieder durfte ich einen Fisch aus einem Korb holen und ihr beim Verkaufen helfen. Schon bald wusste ich, wie die Fische alle hießen. Die kleinen Sardinen, die in Schwärmen durch den See Genezareth zogen, ebenso wie die Barben oder der Kischri, den ich wegen seiner scharfen Zähne nur vorsichtig anfasste. Ich machte meine Sache wohl gut, denn meine Mutter nahm mich immer öfter mit. Ich war gern bei ihr und sah zu, wie die Reisenden, die auf der Meeresstraße durch unser Dorf zogen, sich bei uns mit Proviant eindeckten. Meine Mutter war hübsch und manche Männer kamen nicht nur wegen der Fische zu uns. Einmal stand ein verwegen aussehender Gewürzhändler vor unserem Stand. Er trug auf seinem Kopf einen riesigen Turban und an seinem Gürtel hing ein gefährlich aussehender Dolch.
 „So jung und schön wie du bist ...", machte er meiner Mutter Komplimente, „... kann der kleine Mann dort unten doch unmöglich dein Sohn sein ..." Seine Augen zwinkerten ihr zu. „Vielleicht würdest du ihn mir ja verkaufen? Dann hätte ich immer etwas bei mir, das mich an dich erinnern würde."
 Da zog mich meine Mutter ganz nah zu sich heran.
 „Der ist unverkäuflich", sagte sie. „Genauso wie mein Herz."
 Dann lachte sie, wie nur sie es konnte und der Mann lachte ebenfalls. Aber ich fragte mich, wie es wohl wäre, mit ihm zu gehen.
 „Warum?", fragte Josef.
 „Er roch so exotisch ... ganz anders als die Menschen in meinem Dorf. Auch hatte er Kamele. Echte Wüstenschiffe. Immer wenn ich eines von ihnen sah, bekam ich glänzende Augen. In meinen Träumen sah ich mich hoch oben auf einem Kamel durch die Wüste reiten."
 „Hast du es denn später einmal versucht?"
 „Was?"
 „Na, auf einem Kamel zu reiten?"
 Ich lachte. „Ja. Einmal und nie wieder. Mir wurde fast schlecht."
 „So ist das eben mit den Träumen … kaum erfüllen sie sich, schon bekommen sie dunkle Flecken."
 „Ja, manche Träume sind so ...", stimmte ich ihm zu, „... auch wenn ich das als Kind noch nicht wusste."
 „Aber als Jeschua an diesem Morgen vor dir stand ... warst du kein Kind mehr." Er sah mich prüfend an.
 „Nein. Ich war ein Mann. Ich hatte ein Boot ... und eine Familie. Warum sollte ich das für einen Traum aufgeben?"
 „Machte dich denn gar nichts neugierig?" Das Gesicht von Josef wirkte ratlos.
 „Doch", erwiderte ich, „Da war diese Ruhe, die von ihm ausging. Es war, als würde die Zeit in seiner Nähe langsamer fließen. Auch hatte er Humor. „Menschenfischen", ich meine, wer kommt auf so eine Idee?"
 Josef legte seine Stirn in Falten. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Während er sich gedankenverloren am Kinn rieb, fragte ich mich, warum ich ihm nur die Geschichte von meiner Mutter erzählt hatte? Wurde ich langsam schon so alt, so dass ich allen Leuten meine Kindheitserinnerungen aufdrängen musste? Oder lag es an der Müdigkeit, die meine Gliedern zunehmend schwer machte? … Nein … ich war mir sicher ... das alles war es nicht. Es lag nicht an mir! Es hatte vielmehr etwas mit Josef zu tun … da war diese Traurigkeit in seinen Augen … auch hatte er etwas an sich, das mich zutiefst verunsicherte. Als wäre er ein König oder ein edler Herr ging er selbstverständlich davon aus, dass alle Leute das taten, was er von ihnen verlangte. Aber obwohl er mir in diesem Moment unangenehm war, wollte ich ihn noch nicht nach Hause schicken. Nicht nach diesem Tag ... und auch nicht, wegen der kommenden Nacht. Wer weiß, welches Dunkel dort auf mich lauerte? So zeigte ich mit der Hand auf die Bank.
 „Setz´ dich ..." Ich lächelte ihm zu. „... schließlich habe ich dir die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt."

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