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Das Evangelium nach Petrus

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 See Genezareth  

                      VI  

Es war im Frühling vor zwei Jahren, als es so ungewöhnlich heiß war. Damals war selbst in den engen Gassen von Kapernaum nirgends mehr ein kühles Plätzchen zu finden. Die Leute dösten tagsüber still in ihren Häusern vor sich hin und erst am Abend begann sich das Leben langsam wieder zu regen.
 „Man könnte fast meinen, jemand hätte den falschen Monat aus der Schublade gezogen", scherzte meine Frau Ruth. Aber auch sie litt unter der unerträglichen Hitze.
 Zum Glück macht es mir nicht so viel aus, wenn es heiß ist. Schließlich arbeite ich Nachts, da ist es immer ein oder zwei Grad kühler. Trotzdem spürte auch ich die Anspannung, die sich wie eine unsichtbare Glocke auf die Stadt gelegt hatte.
 Irgendwann kommt es noch zum großen Streit, dachte ich, während ich durch die aufgeheizten Gassen in Richtung Hafen marschierte.
 Kaum hatte ich mein Boot erreicht, fiel mein Blick auf einige Netze, die wild durcheinander in einer Ecke des Bootes lagen. Was ist denn das für eine Schweinerei?, dachte ich. Fast hätte ich die Worte laut heraus gebrüllt, aber es hätte nicht viel genützt hätte. Keiner meiner Männer hätte zugegeben, für diesen Pfusch verantwortlich zu sein. Lautstark hätten sie nur ihre Unschuld beteuern, bis ich entnervt aufgegeben hätte. Nein, ein solches Theater musste ich mir nicht antun. Trotzdem wollte ich meine Mannschaft nicht so einfach davonkommen lassen. So nahm ich eines der Netze und hielt es dem Erstbesten unter die Nase. Anklagend zeigte ich mit meinem Finger auf ein schlampig geflicktes Loch. Ich sagte kein Wort. Ich stand nur da, bis er schuldbewusst den Kopf senkte. Dann ging ich zwei Schritte weiter zum Nächsten. Stumm zeigte ich mit meinem Finger auf das Netz. Da senkte auch er den Kopf. Am Ende standen sie alle wie eine Herde nasser Schafe vor mir: Daniel, der alte Johannes, Adir, Menasse und auch mein Sohn Jaron. Aber das geschah ihnen recht. Was meine Netze anging, verstand ich keinen Spaß.
 Ungewöhnlich still fuhren wir auf den See hinaus. Und auch als wir die Netze auswarfen und zusahen, wie sie mit ihren Gewichten langsam im Wasser versanken, sprach keiner ein Wort. Aber das war immer so. Schließlich wollte sich niemand vorwerfen lassen, durch sein Reden die Fische zu  vertreiben. Umso größer war das Geschrei, als wir eine halbe Stunde später die Netze unter Wasser zusammenzogen und aus dem Wasser hievten.
 „Was?" Mit weit aufgerissenen Augen starrte Daniel auf das leere Netz.
 „Verdammte Nacht!", rief Adir mit einem Grollen in seiner Stimme, das nichts Gutes verhieß. Adir war ein Großmaul, aber das hieß noch lange nicht, dass er es hin und wieder nicht auf einen Machtkampf ankommen ließ. Unwillkürlich spannte ich meine Muskeln an.
 „Das Fischen können wir heute Nacht vergessen!", rief er und sah sich herausfordernd nach allen Seiten um. „Oder was meint ihr?"
 Meine Männer nickten, selbst mein Sohn Jaron. Ich war überrascht und verzog meinen Mund. Auf Adirs Gesicht dagegen breitete sich ein siegessicheres Lächeln aus.
 „Am Besten, wir segeln gleich wieder nach Hause!" Seine Stimme tropfte vor Selbstzufriedenheit. Er dachte wohl, er hätte die Schlacht bereits gewonnen.
 Ich widersprach nicht. Schließlich hätte jedes Wort von mir nur neues Öl ins Feuer gegossen und eine endlose Auseinandersetzung angefacht, die keiner gewinnen konnte. So gab ich das Zeichen zum Setzen der Segel. Aber anstatt in Richtung Hafen zu steuern, fuhr ich das Boot weiter auf den See hinaus.
 Meine Männer protestierten prompt. Vor allem Adir! Aber je länger er tobte, umso mehr rückten die anderen von seiner Seite. Sie wussten auch ohne Worte, wer hier im Boot das Sagen hatte. Auch war ihnen klar, dass ich ihnen am Ende der Nacht keinen Lohn auszahlen konnte, wenn wir ohne Fische nach Hause zurückkehrten. So wartete ich geduldig, bis sich ihre Wut von selbst wieder legte.
 Ich steuerte das Boot an eine Stelle, an der ich bisher immer einen guten Fang gemacht hatte. Dort bestückten wir die Reusen aus Weidenholz mit Ködern aus gerösteten Kichererbsen und ließen sie ins Wasser. Dann brachten wir erneut unsere Wurfnetze zum Einsatz. Stumm saßen wir im Boot und warteten. Aber als wir die Netze im Wasser zusammenzogen und ins Boot hievten, waren sie genauso leer wie die Reusen, die wir anschließend aus dem Wasser zogen. Meine Männer murrten, aber ich gab mich noch immer nicht geschlagen. Ich befahl, die großen Netze ins Wasser zu lassen, die mit Schwimmern und Gewichten versehen waren. Wir verbanden die Netze mit Leinen und setzen danach das Segel, so dass wir die Netze hinter uns her schleppten. Und endlich wurden wir für unsere Mühe belohnt. Denn als wir die Netze zurück ins Boot zogen, füllte sich der erste Korb mit Fischen. Immer wieder warfen wir die Netze aus und schleppten sie hinter uns her, bis ich schließlich das Zeichen für die Heimfahrt gab.
 Als wir in den Hafen von Kapernaum einliefen, krochen bereits die ersten Sonnenstrahlen über die Berge. Jede Bewegung fiel uns schwer und meine Männer warfen mir giftige Blicke zu. Es war wieder spät geworden. Viel zu spät. Aber was sollte ich machen? Irgendwo musste das Geld ja herkommen.
 Nachdem wir angelegt hatten, kümmerte ich mich um die Zöllner, während meine Männer die Fische auf den Wagen meines Großhändlers Efrem verluden. Kaum war der letzte Fisch verstaut und meine Männer bezahlt, strebten sie in alle Richtungen davon.
 „Moment! Moment! Nicht so schnell!", hielt ich sie zurück. „Wer macht den Rest des Fangs für den Markt zurecht?"
 Zuerst wollte keiner dableiben, was mich nicht wunderte. Wie viele Nächte hatten wir in den letzten Wochen schon durchgearbeitet? Ich wollte es gar nicht wissen!
 Aber schließlich erklärten sich Johannes und Daniel bereit, die Fische für den Markt auszunehmen. Nur für die Netze fand sich niemand. Adir brauchte ich gar nicht erst zu fragen. Und Menasse? Nun ja, auf ihn wartete zu Hause eine junge Frau. So ließ ich ihn ziehen, genau so wie meinen Sohn Jaron, der vor Müdigkeit kaum noch stehen konnte. Nur ich blieb zurück, gemeinsam mit dem alten Johannes und Daniel. Die Beiden halfen mir, die Netze zu einem großen Stein zu schleppen, der in der Nähe der Anlegestelle lag. Schon Generationen von Fischern hatten auf ihm ihre Netze geflickt, so dass seine Oberfläche schwarz und voller Kuhlen war. Mit einem Seufzer ließ ich mich auf dem Stein nieder und griff nach dem ersten Netz. Es half ja alles nichts. Einer musste die Arbeit ja machen.
 Es dauerte nicht lange und Johannes und Daniel setzten sich zu mir. Während sie neben mir die Fische ausnahmen, erzählte Johannes eine Geschichte aus seiner Kindheit. Ich hörte ihm nur mit einem halben Ohr zu, schließlich kannte ich die Geschichten in- und auswendig. So fiel es mir auch nicht weiter auf, als er seine Erzählung schon bald wieder abbrach. Vielleicht hatte er sich ja an dem Kreischen der Möwen gestört? Oder an dem Geschrei des alten Zebedäus, der in einer Ecke des Hafens gerade seine beiden Söhne anbrüllte? Aber dann flogen die Möwen auf den See hinaus und auch von Zebedäus war plötzlich nichts mehr zu Hören. Selbst das Geklapper der Messer, mit denen Johannes und Daniel die Fische ausnahmen, war verstummt. Eigenartig …, dachte ich, ... eine solche Ruhe passte nicht zum Hafen. Trotzdem nahm ich zuerst das Stück Schnur von seinem rechten Bein und verknotete es mit den losen Enden zu einem neuen Netz. Erst dann sah ich hoch.

Da stand er. Er war groß, so dass ich zu ihm hoch sehen musste. Mit aufmerksamem Blick verfolgte er meine Finger, die den Knoten festzogen, den ich gerade geknüpft hatte. Das Glitzern in seinen Augen erinnerte mich an das Wasser des Sees Genezareth, wenn die Sonne darauf schien. Fast kam er mir dadurch ein wenig vertraut vor, auch wenn das natürlich Unsinn war. Als er seinen Kopf hob, öffnete er den Mund und ein angedeutetes Lächeln war darauf zu sehen, das die Spannung etwas milderte, die sein plötzliches Auftauchen bei mir ausgelöst hatte. Trotzdem wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Warum sah mir dieser fremde Mann bei der Arbeit zu? Und woher war er gekommen? Ich hatte kein Geräusch gehört. Kein Rascheln. Nichts!
 „Du bist nicht von hier?", sprach ich ihn an, nachdem er keine Anstalten machte, den Mund zu öffnen. „Noch nie ein Fischernetz gesehen?"
 „Doch." Die Stimme des Mannes klang überraschend tief. „Man braucht es zum Fischen."
 Na, das ist ja ein ganz Schlauer, dachte ich. Ich holte eine Schnur aus der Tasche meines Obergewands und suchte das Netz nach dem nächsten Loch ab.
 „Siehst du das hier?" Ich zeigte ihm die schadhafte Stelle. „Das muss noch geflickt werden. Genauso wie die Löcher dort unten. Dabei bin ich hundemüde. Aber ich kann erst nach Hause, wenn die Netze alle in Ordnung sind. Darum wäre ich dir dankbar, wenn du mich nicht länger bei meiner Arbeit störst."
 Während ich sprach, hatten neben mir Johannes und Daniel ihre Messer abgewischt.
 „Seid ihr mit dem Ausnehmen der Fische fertig?"
 Beide nickten.
 „Dann räumt eure Sachen auf und verteilt die Pakete an die Familien der Mannschaft. Und vergesst nicht den Korb für den Markt. Ich habe keine Lust, ihn alleine zu schleppen."
 Nachdem ich mich von meinen Männern verabschiedet hatte, wandte ich mich erneut meiner Arbeit zu. Schließlich gab es da noch Einiges zu tun. Sollte mir der Fremde ruhig zusehen, wenn er unbedingt wollte. Mir war das egal. Trotzdem tat mir seine Nähe gut. Denn während an anderen Tagen meine Finger leicht ungeduldig wurden und sich selbst im Weg standen, lief an diesem Vormittag alles wie von selbst. Schneller als erwartet war ich mit der Arbeit fertig. Zur Sicherheit überprüfte ich die Netze noch einmal und brachte sie anschließend zum Trocknen auf das Boot. Als ich vom Boot zurück kam, stand er noch immer da.
 „Was willst du von mir?", fragte ich. So langsam ging mir der Fremde auf die Nerven.
 „Ich brauche jemanden wie dich", meinte er.
 „Zum Fischen?", fragte ich, denn wie ein Fischhändler sah der Mann nun wirklich nicht aus.
 „Nein, keine Fische." Der Fremde schüttelte den Kopf. „Wir fischen zusammen nach Menschen."

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