Bonhoefferzentrum
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Das Evangelium nach Petrus

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 Jerusalem, Gasse  

                     X  

 „Darum also ...", murmelte Josef. Langsam schien er zu verstehen, warum ich mich Jeschua angeschlossen hatte. Wer weiß? Vielleicht hätte er an meiner Stelle ja genauso gehandelt?
  „Ja, Jeschua war nicht so wie die anderen."
 „Welche anderen?"
 „Na du weißt schon … die Leute, die alle so tun, als hätten sie die Wahrheit für sich gepachtet."
 „Du meinst die Zeloten, die in den dunklen Ecken stehen und hinter vorgehaltener Hand zur Gewalt aufrufen?"
 Ich nickte. „Ja. Zuerst versuchen sie dich mit freundlichen Worten für ihre Sache zu gewinnen. Aber kaum wagst du es, ihnen zu widersprechen, wirst du zu ihrem Feind erklärt."
 Ich stand von der Bank auf. Genauso war es doch!, dachte ich und ging vor Josef auf und ab. Dafür oder dagegen. Etwas anderes kannten die Zeloten nicht.
 „Aber im Leben ist doch nicht alles immer nur schwarz oder weiß!" Meine Stimme war laut geworden und ich erschrak über mich selbst.  Etwas leiser sprach ich weiter: „Außerdem ist es gar keine richtige Wahrheit, wenn man sie nicht auch von der anderen Seite aus betrachten darf ..."
 „... wo doch gerade die Rückseite der Wahrheit ihren besonderen Reiz hat!", stimmte mir Josef zu.
 Ich war überrascht. Dieser Josef entwickelte sich immer mehr zu einem interessanten Gesprächspartner. Dass er für so manche Überraschung gut war, zeigte auch seine nächste Frage.
 „Wie ist das mit Jeschua?", wollte er von mir wissen. „Wie sieht seine Wahrheit aus?"
 Ich stutzte.
 „Seine Wahrheit ist anders." Meine Stimme klang plötzlich weicher.
 „Wie anders?"
 „Sie ist nicht wie ein Schild, das er vor sich her trägt, um dahinter seinen Hass und seine Machtgelüste auszuleben."
 „Hat er denn Hass und Machtgelüste?" Auch die Stimme von Josef hatte mittlerweile einen anderen Ton angenommen.
 „Nein!", erwiderte ich. „Er ist kein Fanatiker wie die Zeloten."
 „Und auch kein Pharisäer?"
 „Nein!" Ich schüttelte den Kopf. „Seine Wahrheit ist nicht wie ein leerer Klang, der bereits vom ersten Morgenwind verweht wird. Seine Wahrheit lebt."
 „Sie lebt?" Erstaunt hob Josef seine Augenbrauen.
 „Ja. Sie lebt in ihm. In seinen Worten. Und in dem, was er tut."
 „Lebt sie auch in dir?" Er sah mich mit seinen dunklen Augen an. Spürte er, dass er mir mit dieser Frage eine Grenze überschritt? Oder war ich in seinen Augen nicht mehr als einer seiner vielen Untergebenen, bei denen es ihm nicht darauf ankam, ob er ihnen zu nahe trat oder nicht?
 Ich sah ihn an. Je länger ich ihm in die Augen blickte, umso unruhiger rückte er auf seiner Bank hin und her. Scheinbar war er doch nicht so selbstsicher, wie er nach außen hin tat. Ich lächelte.
 „Ja", sagte ich, „… seine Wahrheit lebt auch in mir. Durch ihn weiß ich, was zu tun ist. Und dass es sich lohnt."
 „Du hast dein „Ja" also nicht bereut?" Die Worte kamen nur zögerlich über seine Lippen.
 „Nein. Nie. Genauso wenig wie mein Bruder. Auch wenn wir uns damals selbst in unseren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können, was aus diesem „Ja" einmal alles werden würde."
 Für einen kurzen Moment schwieg er. Mir tat die Stille gut. Ich mochte Menschen, die den Gedanken Zeit ließen zu wachsen. Ohne solche Augenblicke der Ruhe, die sich zwischen die einzelnen Worte schoben, wurde ein Gespräch leicht atemlos oder verkam zu einem sinnlosen Geplapper. Auch Josef schien das Schweigen zu genießen. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, die Stirn in Falten gelegt.
 „Was ... ist daraus geworden?", fragte er schließlich.
 Ich sah ihn erstaunt an.
 „Hast du denn gar nichts von dem mitbekommen, was in Galiläa geschehen ist?"
 Er zögerte. „Doch", sagte er schließlich. „Aber das Meiste, was ich gehört habe, ist kaum zu glauben. Von unzähligen Wundern ist da die Rede! Eines größer als das andere."
 Langsam wurde mir Einiges klar.
 „Bist du deshalb zu mir gekommen?", fragte ich.
 Er verzog den Mund. Es fiel ihm offenbar nicht leicht, darüber zu reden.
„Ich habe lange genug nur Gerüchte gehört … und als ich Johannes und Jakobus traf ..."
 „... da war es nicht so, wie du es dir vorgestellt hast?", vervollständigte ich den Satz. „Woran lag es? Haben sie dir nichts erzählt?"
 „Doch ..." Seine Stimme klang gequält.
 „Aber?" Es bereitete mir eine unerklärliche Freude, weiter nachzuhaken. Josef dagegen schien sich nur höchst ungern an das Gespräch zu erinnern.
 „Nun, …", er versuchte seine Erfahrung in freundliche Worte zu fassen, „... die beiden haben sicher das Herz am rechten Fleck. Aber was das Erzählen angeht, so gehören sie nicht gerade zu den hellsten Sternen am Nachthimmel."
 „Dafür können sie hervorragend backen!", erwiderte ich.
 Josef hob die Augenbrauen.
 „Du wirst es nicht glauben ...", sagte ich, „... aber ihre Fladenbrote sind die Besten, die ich je gegessen habe. Aber sag´ das ja nicht meiner Frau, sonst komme ich in Teufel´s Küche."  
 Josef richtete sich auf.
 „Sicher hast du Recht ...", erwiderte er, „... trotzdem kamen mir ihre Geschichten wie trockenes Brot vor. In meiner Verzweiflung fragte ich sie immer weiter aus. Aber scheinbar brachten sie meine Fragen nur noch mehr durcheinander, denn am Ende waren sie selbst mit einem einfachen „Ja" oder „Nein" hoffnungslos überfordert.
 Plötzlich tat mir Josef leid.
 „Und bei mir ist das anders?"
 Josef nickte. „Ja. Du lässt dich durch meine Fragen nicht so leicht durcheinander bringen. Und auch wenn du manchmal vielleicht ein wenig umständlich erzählst, sehe ich dabei doch Bilder in meinem Kopf, als wäre ich selbst mit dabei gewesen."
 Seine Stimme klang aufrichtig. Trotzdem fragte ich mich, ob er mir nicht nur Honig um meinen Bart schmierte? Schließlich saß er im Hohen Rat. Wie konnte ich mir da sicher sein, dass er nicht nur nach Bethanien gekommen war, um mich auszuhorchen? Was also sollte ich tun? Ich kratzte mich am Bart. Aber dann gab ich mir einen Ruck.
„Also gut", sagte ich, „Ich erzähle dir von Jeschua. Aber dafür will ich auch etwas von dir."
 Josef zuckte zusammen.
 „Keine Angst", erwiderte ich, „Ich will keine Geheimnisse aus dem Hohen Rat von dir wissen."
 „Was willst du dann?" Seine Stimme klang misstrauisch.
 Ich sah ihn an. „... Auch ich bin neugierig. So frage ich mich schon die ganze Zeit, wie jemand wie du in den Hohen Rat kommt. Schließlich wird dort nicht jeder aufgenommen."
 „Das ..." Josef schien erleichtert. „... kann ich dir gern erzählen. Auch wenn ich nicht weiß, ob dich meine Geschichte interessiert."
 „Ach´ ... lass das ruhig meine Sorge sein. Ich melde mich schon, wenn mir etwas nicht passt."
 Josef hatte seine Worte vom Anfang unseres Gesprächs scheinbar wiedererkannt, denn er senkte beschämt den Kopf.
 „Soll ich …", fragte er leise.
 „Nein, das reicht später noch ..."
  Josef schwieg.
 „Nun?" Ich sah ihn an. „Was willst du wissen? Soll ich dir von großen Wundern erzählen?"
 Angewidert schüttelte er den Kopf. „Nein. Wundergeschichten habe ich schon mehr als genug gehört."
 „Was willst du dann?"
 Josef überlegte.
 „Vielleicht könntest du mir erzählen, wie es bei dir weiter gegangen ist?"
 Ich war überrascht. „Aber die meisten Leute wollen immer nur die Wundergeschichten ...", versuchte ich ihn zu überzeugen.
 „Ich bin aber nicht wie die meisten Leute!", unterbrach er mich.  Langsam schien er wieder Oberwasser zu bekommen.
 „Nein", stimmte ich ihm zu, „... das bist du nicht."
 Dann stand ich auf und ging durch den Innenhof in Richtung Vorratsraum. Nach einer Weile kam ich mit einer Karaffe mit Wasser und zwei Bechern aus Ton zurück. Ich stellte die Becher auf die Bank und schenkte Wasser ein.
 „Für dich." Ich schob Josef einen Becher zu.
 Josef nahm den Becher in die Hand.
  „Auf das Leben!", sagte ich und stieß mit ihm an.
 „Auf das Leben", erwiderte er und trank den Becher in einem Zug  leer. Vor lauter Reden hatte er scheinbar gar nicht bemerkt, wie durstig er war.

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