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Das Evangelium nach Petrus

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 Jerusalem  

                    V   

 Johannes und Jakobus hatten nicht übertrieben. Arm war dieser Mann nicht. An seiner Hand trug er einen Reif aus Gold und sein Obergewand war aus einem edlen Stoff gefertigt. Er hatte dunkle, fast schwarze Haare, die sich zu kleinen Locken rollten. Seine Nase war gebogen, als hätte sie jemand zusammengestaucht. Trotzdem war er auf seine eigene Weise schön, auch wenn seine übertrieben aufrechte Haltung und der leicht abfällige Blick, mit dem er den Innenhof musterte, ihm etwas leicht Herrisches gaben.    
 „Schalom." Ich beugte meinen Kopf zur Begrüßung. „Möge der Friede des Herrn mit dir sein."
 „Schalom", erwiderte er meinen Gruß, ohne den Kopf zu senkten.
 „Du also bist Josef?" Ich packte den Stier an den Hörnern. Mich beeindruckte er mit seinem Reichtum nicht.
 Er nickte.
 „Und du?"
 „Ich bin Simon. Du kannst mich aber auch Petrus nennen ... so wie alle hier."
 Mit einem herablassenden Blick musterte er mein einfaches Obergewand.
 „Nun?", fragte ich, bevor er den Mund öffnen konnte. „Was ist mit deinem Sohn?"
 Er zuckte zusammen. Als er nichts sagte, zeigte ich auf Johannes und Jakobus.
 „Die beiden hier haben mir von ihm erzählt."
 „Was haben sie dir ...?" Er sah mich mit Blick an, aus dem alle Freundlichkeit verschwunden war.
 „Nicht viel."
 „Woher weißt du dann von ihm?"
 Ich hatte nicht vor, ihm auf seine Frage eine Antwort zu geben. Statt dessen drückte ich meinen Ellbogen in die Seite von Johannes. Aber Johannes sah nur mit betretenem Gesicht auf den Boden.
 „Nun?" Ein leichtes Grollen war in der Stimme von Josef zu hören.
 Johannes trat von einem Bein aufs andere.
 „Da war so eine Andeutung auf dem Marktplatz …" Seine Stimme war ungewöhnlich leise. „... und da dachten wir ..." Er brach mitten im Satz ab.
 „Ihr wisst nicht das Geringste über ihn!", brach es aus Josef heraus.
 „Dann erzähl´ mir von ihm", versuchte ich zu vermitteln.
  Aber Josef schüttelte den Kopf. Mit geballten Händen, als wäre er ein kleiner Junge, dem seine Mutter verboten hatte mit den anderen Kindern zu spielen, stand er vor mir. Langsam hatte ich von dem Theater genug.
 „Es wird nicht besser, wenn du schweigst.", sagte ich.
 „Es wird auch nicht besser, wenn ich rede!" Irgendetwas verbarg er, denn er sah verlegen auf den Boden sah.
 „Nun?" Ich versuchte, meine Stimme versöhnlicher klingen zu lassen, auch wenn es nichts nützte. Sein Mund blieb verschlossen. So wartete ich. Schließlich war ich mit der Kunst des Schweigens vertraut. Auch wenn ich darin nicht so gut war, wie mein jüngerer Bruder Andreas.
 „Er wurde umgebracht." Ganz leise kamen die Worte über die Lippen von Josef.
 „Von wem?", rief Jakobus.
 „Von den Römern." Josef drehte sich zu Jakobus um. „Von wem sonst?"
 Ich schluckte. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. „Hat er gegen die Römer gekämpft?"
 Josef schüttelte den Kopf. Plötzlich begann er zu schwanken.
 Ich hielt ihn am Arm und führte ihn zu einer Bank, die am Rand des Innenhofs stand. Als wir uns setzten, begann er leise zu erzählen:
 „Mein Sohn war damals noch ein Kind … er spielte draußen auf der Gasse Murmeln, gemeinsam mit den anderen Kindern ... Auf einmal kam ein römischer Reiter. Als die Kinder ihn sahen, sprangen sie zur Seite. Nur mein Sohn nicht … Er wollte die Murmeln aufheben. Das Pferd scheute, als es ihn auf dem Boden knien sah und die Kinder schrien, so erzählten es mir später die Frauen, die von einem Fenster aus alles gesehen hatten."
 „Und dein Sohn?"
 „Der Huf traf ihn direkt am Hinterkopf. Er war sofort tot. Der Reiter ist nicht einmal abgestiegen."
 Josef schwieg. Er schien über sich selbst erstaunt zu sein. Scheinbar hatte er die Geschichte noch nicht vielen Menschen erzählt.
 Ich legte meine Hand auf seine Schulter.
 „Das tut mir leid."
 „Ist schon gut." Er schob meine Hand zur Seite. Vielleicht dachte er ja, mein Mitgefühl mache ihn schwach.
 „Trotzdem gibt es da etwas ...", fuhr er leise fort, „... das mich nicht loslässt." Seine Stimme klang bitter. „Ich habe damals noch am gleichen Tag den Tod meines Sohnes gemeldet. Der Reiter sollte für das bezahlen, was er getan hatte!"
 „Das kann ich gut verstehen."
 „Ja. Aber als ich zu dem Hauptmann kam, wollte der von all´ dem nichts wissen! „Was kommst du damit zu mir?", brüllte er mich an. „Das ist doch nur ein jüdisches Kind!" Josef sah mir in die Augen. „Nur ein jüdisches Kind." In einer Stimme lag ein verzweifelter Schmerz.
 „Ich habe die Worte des Hauptmanns bis heute nicht vergessen ... Sie haben sich tief in mir eingebrannt." Josef legte seine Hand auf sein Herz.
 Ich nickte. Mit Worten, die weh taten, kannte ich mich aus.
 „Und weißt du, was besonders schlimm ist?" Seine Stimme klang brüchig, als müsste er sich anstrengen, weiter zu sprechen.
 Ich schüttelte den Kopf.
 „Manchmal weiß ich gar nicht mehr, auf wen ich wütender bin. Auf den römischen Reiter, der es nicht einmal für nötig hielt, von seinem Pferd abzusteigen oder auf diesen verfluchten Hauptmann! Ich weiß nur noch, wie ich meine Frau in meinen Armen hielt, während sie weinend über meinem Sohn zusammenbrach. Und dass mein Herz für einen Moment aufhörte zu schlagen, als ich meinen Sohn zum Grab trug."
 Josef holte Luft. Es hatte ihm gut getan, sich alles von der Seele zu reden. Umso überraschter war ich, als seine Stimme plötzlich wieder laut wurde.
 „Nenn´ mich also nicht einen Freund der Römer ..." Er sprang von der Bank auf und es kam mir so vor, als legte er seine ganze Wut gegen die Römer in seine Stimme. „... denn auch wenn ich im Hohen Rat sitze, der die Politik unseres Landes lenkt, bin ich deshalb noch lange nicht auf ihrer Seite!" Sein Kopf war rot angelaufen.
 Schuldbewusst sah ich auf den Boden.
 „Entschuldige", sagte ich leise. Wie konnte ich ahnen, dass meine Auseinandersetzung mit Johannes und Jakobus bis in den Innenhof gedrungen war?
 Als ich meinen Kopf wieder hob, sah mich Josef mit wütenden Augen an, doch schien er mit sich zu ringen, denn sein Gesicht nahm langsam wieder seine normale Farbe an.
„Ist schon gut", sagte er. Seine Stimme klang aufrichtig.
 „Und?" Ich sah ihm in die Augen. „Was willst du wissen?"
 „Wer ist dieser Jeschua, von dem plötzlich alle reden?"
 „Wie soll ich dir das erklären?" Ich hob meine Hände.
 „Aber Johannes und Jakobus sagten, du kennst ihn!"
 „Ich weiß nicht, was dir die Beiden über mich erzählt haben ... aber erwarte keine Wunder von mir. Sicher, ich kenne Jeschua gut, vielleicht sogar besser, als viele andere. Trotzdem gehen auch mir regelmäßig die Worte aus ..."
 „Dann bin ich den ganzen Weg umsonst gelaufen?"
 Josef sah auf einmal müde aus.
 „Es tut mir leid", erwiderte ich. „Es liegt nicht an dir. Glaub´ mir. Aber manches im Leben ist nicht zu erklären."
 „Ja", rief Johannes. „Es bleibt ein Geheimnis."
 Die Worte von Johannes schienen die verschütteten Lebenskräfte von Josef neu zu wecken. „Ein Geheimnis?", fragte er.
 Ich nickte.
 „Ja, so wie der Zauber, der einen manchmal in lauen Nächten ergreift, wenn du draußen unter dem Sternenlicht dem Summen der Zikaden lauscht … ."
 „... und du siehst nach oben und plötzlich berührt dich etwas, das größer ist als du?" Die Stimme von Josef klang plötzlich gar nicht mehr müde.
 Ich nickte.
 „Genau. Du sitzt nur da ..."
  „ …und du bist ganz verloren und doch zugleich bei dir?" Die Worte kamen wie von selbst über seine Lippen.
 Ich sah ihn mit großen Augen an.
 „Du hast diesen Zauber scheinbar auch schon erlebt", sagte ich. „Trotzdem bleibt er ein Geheimnis. Du kannst ihn nicht machen. Du kannst ihn nicht erklären. Du kannst dich ihm nur in dem Augenblick öffnen, in dem er da ist. Und danach vielleicht von ihm erzählen."
  „Und bei Jeschua ist das genauso?"
  Ich nickte.
 „Dann erzähl´ mir von ihm!"
 Josef äußerte seinen Wunsch so ungeschützt, wie es nur Kinder taten, die noch nie zuvor in ihrem Leben eine Enttäuschung erlebt hatten. Seine Unschuld berührte mich. Warum vertraute er mir? Wir kannten einander doch kaum. Obwohl …? Da gab es schon eine Verbindung ... So wie eben, als unsere Worte hin und her flogen und der eine die Sätze des anderen weiterführte, als wären wir zwei alte Freunde. Auch ging mir noch immer die Geschichte von seinem Sohn nach. Was würde ich sagen, wenn meine Tochter Tabitha plötzlich tot auf der Straße liegen würde? Allein der Gedanke daran ließ mich frösteln und mein Bauch zog sich zu einem dicken Klumpen zusammen, fast so wie früher, als ich ständig mit einer solchen Wut im Bauch durch mein Leben gelaufen war. Damals war ich nicht viel mehr gewesen als eine leere Hülle meiner Selbst. Ich wankte durch mein Leben, als steckte ein Pfeil in meiner Seele, der alles, was damit in Berührung kam, in eine öde Wüste verwandelte. Nur der Schmerz war mir damals noch von meinem Leben geblieben. Und nun fand ich genau diesen Schmerz hier in Jerusalem, noch dazu bei einem Mitglied des Hohen Rats. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
 Während ich mich am Kinn rieb, fragte ich mich, warum ich Josef nicht die eine oder andere Geschichte von Jeschua erzählte? Der Tag war ohnehin schon so gut wie gelaufen. So nickte ich.
 „Freu` dich aber nicht zu früh ...", sagte ich, als ich das Strahlen in seinen Augen sah, „... wenn du mehr über Jeschua wissen willst, braucht das Zeit."    
 „Das ist schon in Ordnung", erwiderte Josef, „Ich habe alle Zeit der Welt."
 Na, wenn du dich da ´mal nicht täuscht, dachte ich.
 „Was willst du wissen?"
 „Erzähl´ mir, wie du Jeschua kennengelernt hast."
 Seine Frage überraschte mich. Das ist ja schon ewig her, dachte ich. Aber dann stieg plötzlich eine erste Erinnerung in mir auf. Unwillkürlich musste ich lächeln.
 „Also gut", sagte ich. „Ich werde dir erzählen, wie ich Jeschua kennengelernt habe. Auch wenn ich nicht weiß, ob es das ist, was du hören willst."   
 „Ach, mach´ dir darum keine Sorgen", erwiderte Josef. „Ich bin nicht auf den Mund gefallen. Ich melde mich schon, wenn mir etwas nicht passt."
 Ich runzelte die Stirn. Gedankenverloren betrachtete ich den edlen Stoff seines Obergewands. Nein, zumindest darum musste ich mir keine Sorgen machen. Während sich Johannes und Jakobus unauffällig verabschiedeten, spürte ich ein leichtes Kratzen in meinem Hals. Ich räusperte mich. Dann begann ich zu erzählen.

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