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Das Evangelium nach Petrus

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 See Genezareth  

                      IV     

An das, was danach kam, erinnere ich mich nur noch undeutlich.  Unzählige Menschen drängten sich auf engsten Raum zusammen:  Männer und Frauen, Alte und Junge, Einheimische und Pilger. Die Leute streckten Jeschua ihre Hände entgegen, als wollten sie ihn berühren. Einige Frauen reichten ihm ihre Kinder hoch, damit er sie segnete. Dabei klatschten die Menschen und sangen laut „Halleluja". Es war wie ein Fest, wie ein riesiges, großes Fest, nur mir kam es wie ein Albtraum vor. Vielleicht lag es ja an den vielen Leuten, die sich von allen Seiten um mich herum drängten? In Bethsaida, meinem Heimatdorf, gab es nicht annähernd so viele Menschen. Und auch in Kapernaum kam es nie zu einem solchen Gedränge, auch wenn dort fast tausend Menschen lebten. Außerdem konnte ich mich dort jederzeit mit dem Boot auf den See zurückziehen, wenn mir etwas zu viel wurde. Hier dagegen stand ich eng an eng mit lauter mir fremden Menschen. Dazu roch es unangenehm nach Schweiß, wie Ziegenmilch, die zu lange in der Sonne gestanden hatte. Ich versuchte, mich zu Jeschua vorzukämpfen, aber die Leute machten mir nur unwillig Platz. Als ich Jeschua endlich erreicht hatte, stieg er gerade von seinem Esel ab. Gemeinsam mit den anderen aus dem inneren Kreis schoben wir uns weiter über den Platz, bis wir schließlich den Eingang zur Unterstadt erreichten. Während die Menschen hinter uns noch immer laut jubelten, tauchten wir in das Gewirr der kleinen Gassen ein. Die Händler hatten zwischen den Häusern dunkle Stoffbahnen gespannt, so dass der Himmel über unseren Köpfen durch einen dämmrigen Schatten ersetzt wurde. Im Halbdunkel konnte ich neben mir einen Stand mit Koriander erkennen. Direkt daneben verkaufte ein Händler schwarzen und roten Pfeffer. Der Duft der Gewürze vermischte sich zu einem süßlichen, scharfen Geruch, der in meiner Nase biss. Ständig schoben sich entgegenkommende Menschen eng an mir vorbei, dazu versuchten die Händler, die Leute in ein Gespräch zu verwickeln.
 „Sieh´ her", rief ein Händler und hielt mich mit einer Hand an meinem Gewand fest. „Hast du schon einmal eine so schöne Tasse gesehen?"
 Er zeigte auf eine dünne Tasse aus Ton, deren Glasur innen und außen mit feinen Mustern verziert war. Der Händler wollte mit mir über den Preis verhandeln, aber ich riss mich von ihm los. Ich hatte jetzt keine Zeit für Einkäufe. Eilig folgte ich Jeschua, der fast schon meinem Blick entschwunden war. Aber dann spürte ich einen Stoß in meiner Seite und ich kam ins Stolpern. Für einen Moment verlor ich den Halt und die Menge drängte mich in eine kleine Seitengasse ab, die sich plötzlich neben mir aufgetan hatte. Alles ging so schnell, dass ich nichts dagegen tun konnte. Zwar stemmte ich mich sofort mit aller Kraft gegen die Massen, aber bis ich die Hauptgasse wieder erreicht hatte, war von Jeschua weit und breit nichts mehr zu sehen.
 Was jetzt? Hilflos ließ ich mich mit dem Strom der Menschen treiben. Nach kurzer Zeit kam ich an eine Abzweigung. Die meisten Menschen wandten sich nach rechts und ich folgte ihnen. Aber obwohl ich mich immer unverschämter nach vorne drängelte, konnte ich Jeschua nirgends entdecken. Ich hatte ihn verloren!
 Ziellos irrte ich durch die Gassen, bis mir das Gedränge plötzlich zu viel wurde. Hastig schob ich mich an einigen Kindern vorbei, die „Halleluja" singend vor mir her zogen und bog in einen leeren Durchgang ein. Über kleine Seitengassen suchte ich mir einen Weg aus der Stadt. Erst als ich wieder den blauen Himmel über mir sah, atmete ich auf. Ich hatte es geschafft!
 Aber was sollte ich jetzt tun? Ich entschied mich, nach Bethanien zurückzukehren. Von den Wachen unbeachtet zog ich durch das Stadttor und wanderte durch das Kidrontal, bis der Weg nach Jericho abzweigte. Mit jedem Schritt wurde ich ruhiger. Oben am Pass sah ich nicht zurück, sondern ging stur die Straße entlang, die sich auf der anderen Seite des Berges hinab schlängelte. Als ich auf den kleinen Weg abbog, der nach Bethanien führte, ging es mir fast schon wieder gut. Aber kaum hatte ich unser Quartier erreicht, holte mich die alte Unruhe wieder ein. Stumm saß ich im Innenhof und starrte auf eine leere Wand. Was machten wir hier?, fragte ich mich. Hier in Jerusalem, mitten im Herz der Finsternis? Schließlich stand ich auf und ging im Hof hin und her, wieder und immer wieder, wie ein eingesperrtes Tier. Aber auch das Gehen half mir nicht weiter. Die Frage ließ mich nicht los. Dabei wusste ich die Antwort, auch wenn sie mir nicht gefiel. Schließlich hatte ich damals selbst dafür gestimmt. „Ja", hatte ich gesagt, als Jeschua uns fragte. „Schließlich würde jetzt noch niemand mit uns rechnen."
 „Bis die überhaupt merken, dass wir da sind ...", hatte Jakobus mir zugestimmt, „... sind wir doch längst schon wieder über alle Berge!" Aber selbst er war sich nicht sicher gewesen … selbst er nicht.
 Da hörte ich auf einmal ein Klappern. Wer war das? Kam Jeschua etwa schon zurück? Eilig verkroch ich mich nach Drinnen. Ich wollte nicht, dass mich jemand so sah. Am allerwenigsten Jeschua. Aber es war nicht Jeschua. In der Tür stand Johannes.
 „Wo warst du?" In seiner Stimme war nichts mehr von der Verlorenheit des Morgens zu hören. Sein Bruder Jakobus drängte sich hinter ihm durch die Tür und baute sich breitbeinig neben ihm auf. Ich kam mir vor, als stände ich vor Gericht.
 „Ach, lasst mich doch in Ruhe", wehrte ich die beiden ab.
 „Jetzt sag` schon. Was ist los mit dir?" Johannes ließ nicht locker.
 Ich schwieg, nur meine Finger bewegten sich unruhig hin und her.
 „Wir haben in Jerusalem jemanden kennengelernt", unterbrach Jakobus plötzlich die Stille. Wie immer, war seine Stimme eine Spur zu laut.
 „Na und? Was geht mich das an?"
 „Er hat Fragen."
 „Dann gib ihm Antworten. Du hast doch einen Mund."
„Du weißt doch ..." Jakobus sprach plötzlich leiser, „ ... Johannes und ich können das nicht so gut wie du."
 „Und?" Langsam wurde ich doch neugierig.
 „Er heißt Josef. Er muss irgendein hohes Tier sein."
 Ein hohes Tier, dachte ich. So, so.
 „Woher weißt du das?"
 „Er ist vornehm gekleidet. Du solltest ihn einmal sehen."
 „Trotzdem ist er ohne zu Murren den Weg von Jerusalem hierher gelaufen...", erwiderte Johannes.
 Das hörte sich interessant an.
 „Ist er ein Freund der Römer?"
 „Ich glaube nicht." Unsicher sah Jakobus seinen Bruder an.
 Als ich ihre ratlosen Gesichter sah, stieg plötzlich der ganze Ärger des Tages wieder in mir auf und überrollte mich.
„Ja seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?", rief ich. „Glaubt ihr etwa im Ernst, die vornehmen Leute in Jerusalem verstehen uns? Für die sind wir doch nur dumme Bauerntölpel und Fischer vom Land!"
 „Aber Jeschua hatte keine Zeit ..."
 „Und da ist euch nichts Besseres eingefallen, als ihn hierher zu bringen?" Ich versuchte leiser zu sprechen, aber es gelang mir nicht.
 Jakobus nickte.
 „Ja. Irgendetwas an ihm ist anders."
„Vertrau` uns", sagte Johannes. „Frag` ihn nach seinem Sohn."

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