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Das Evangelium nach Petrus

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 Gasse  

                     III    

Kurz danach klapperte es erneut und die Tür zu unseren Räumen öffnete sich. Nach und nach betraten die anderen aus dem inneren Kreis den Innenhof. Als Erster erschien Philippus, gefolgt von Bartimäus und meinem Bruder Andreas. Dann kam Jeschua. Er gähnte. Vermutlich war es gestern Abend wieder spät geworden. Johannes und ich rückten die Bänke und Tische von den Wänden, während die Frauen Wasser vom Brunnen holten. Dann aßen wir. Es gab Brot und Feigen. Nicht gerade ein fürstliches Mahl, aber mein Magen freute sich. Nach dem Essen war ich fast schon wieder der Alte: Petrus, der Fels, der nicht die Gedanken suchte, die der Dunkelheit folgten.
 Als alle mit dem Essen fertig waren, füllten wir unsere Wasserschläuche und packten etwas Proviant zum Essen ein. Dann brachen wir auf. Der Weg war schmal und vor uns ging ein Händler, der auf seinem Rücken kleine Käfige mit Tauben schleppte. Ein zweiter Händler begleitete ihn. Er trug auf seinem Rücken Amphoren, die mit Linsen und Kichererbsen gefüllt waren. Lautstark tauschten sie sich über die korrupten Zöllner aus, die jeden Gewinn zunichte machten.  
 Ich lief neben Jeschua, der auf dem Esel ritt und sich über seinen Kopf ein Tuch gezogen hatte, um sich vor der Sonne zu schützen.
 „Warum der Esel?" Meine Stimme klang belegt. Scheinbar steckte mir die Nacht noch in den Knochen.
 „Was hast du gegen ihn?"
 „Nichts. Es ist nur ... "
 Jeschua strich mit seiner Hand dem Esel zärtlich über den Hals.
 „... weil ich sonst immer zu Fuß gehe?"
 Seine Stimme klang ruhig, als wäre ihm jeder dunkle Gedanke fremd.
 Ich nickte.
 „Genau darum erfüllt er seinen Zweck."
 „Welchen Zweck?"
 „Nicht erkannt zu werden. Oder hast du schon jemand getroffen, der mich hier oben angesprochen hätte?"
 Ich schüttelte den Kopf. Jeschua hatte Recht. Keiner schien auf die weißgekleidete Gestalt auf dem Esel zu achten. Ein kurzes Nicken. Ein „Friede sei mit dir". Das war es auch schon wieder.
 Stumm marschierten wir weiter. Nach einer knappen halben Stunde mündete der Weg in die breite Straße, die von Jericho hinauf nach Jerusalem führte. Trotz der frühen Morgenstunde waren bereits einige Pilger auf der Straße unterwegs. Manche sangen Lieder, andere unterhielten sich leise. Die Pilger gingen langsam, schließlich waren viele von ihnen schon seit Tagen auf der Reise.  Als wir endlich am Pass ankamen, raubte mir der Ausblick fast den Atem. Weiß wie Schnee lag der Tempel in der Morgensonne vor uns und seine Spitzen glänzten, als wären sie aus reinem Gold. Auf dem riesigen Platz, der den Tempel nach allen Seiten umgab, bewegten sich die Menschen wie winzige Ameisen hin und her. Ich konnte meine Augen kaum von der Tempelanlage losreißen, neben der alle anderen Gebäude der Stadt klein wirkten, selbst die Burg Antonia und der ehemalige Königspalast, in dem der römische Prokurator wohnte, wenn er in die Stadt kam. Aber dann drängten uns die nachkommenden Leute zum Weitergehen und so schlängelten wir uns mit den anderen Pilgern hinunter ins Kidrontal. Unten im Tal wandten wir uns nach links, zum südlichen Tor in die Unterstadt. Wir zogen an den Grabanlagen vorbei, die sich am Weg unterhalb des Tempelbergs aneinander reihten und kamen zu der großen Rennbahn, die Herodes der Große am Ausgang des Kidrontals hatte bauen lassen. Was für eine Geldverschwendung, dachte ich, als ich die riesigen Mauern sah, die vor uns in den Himmel ragten. Aber mir blieb keine Zeit, mich über die unsinnige Politik der Herodessippe aufzuregen, denn langsam näherten wir uns dem Eingang zur Unterstadt. Trotz der frühen Stunde hatte sich dort bereits eine große Menschenmenge versammelt. Die Leute drängten sich vor dem Tor zusammen und wir kamen nur noch langsam vorwärts. Aber dann stockte es auf einmal. Selbst Jeschua auf seinem Esel kam nicht mehr weiter.
 Was war dort vorne nur los? Ich reckte meinen Hals.
 Da sah ich sie. Zwei römische Soldaten, mit Helm, Rüstung und Kurzschwert. Sie standen rechts und links von dem Tor, das in die Unterstadt führte. Die beiden Soldaten sahen gelangweilt zu, wie sich die Menge an ihnen vorbei durch das Tor zwängte. Unauffällig sah ich mich nach weiteren Wachen um. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Weiter hinten am Tor standen noch drei Soldaten und oben auf der Balustrade konnte ich zwei weitere Wachen erkennen. Das ist nicht gut, dachte ich und spürte, wie mein Herz laut schlug. Erst als sich die Leute vor uns langsam wieder in Bewegung setzten, wurde ich ruhiger.
 Aber dann rief plötzlich jemand:
 „Ist das nicht Jeschua?"
 „Ja, das ist er!", rief jemand anderes.
 Sofort drehten sich einige Leute um und starrten Jeschua mit großen Augen an.
 „Jeschua! Jeschua", riefen sie. Zuerst leise, dann immer lauter.
 Immer mehr Menschen schlossen sich ihren Rufen an. Da nahm Jeschua das Tuch von seinem Kopf. Für einen Augenblick war es still. Aber nur kurz. Denn direkt danach brach ein ungeheurer Jubel aus. Die Leute klatschten und johlten. Viele streckten ihre Hände aus, als wollten sie ihn berühren. Die Männer und Frauen neben Jeschua dagegen traten einen Schritt zurück, als fürchteten sie, ihm versehentlich zu Nahe zu kommen. Als der Esel die Lücke sah, machte er einen Schritt nach vorne. Sofort machten weitere Leute Platz und vor Jeschua bildete sich eine schmale Gasse, die nach und nach immer breiter wurde. Alle rückten sie zur Seite. Die einfachen Leute. Die Händler. Ja selbst die Soldaten. Es war einfach unglaublich!
 Unwillkürlich musste ich an Mose denken, der beim Auszug Israels aus Ägypten in die Fluten des Meeres gestiegen war. Damals waren es die Wassermassen gewesen, die sich rechts und links von Mose aufgetürmt hatten. Nun drängten sich die Leute rechts und links von Jeschua zusammen, der auf seinem Esel langsam durch das Meer der Menschen zog.
 Als Jeschua durch das Tor ritt, kam die Sonne hinter einer Wolke hervor und ihre Strahlen bildeten in seinem Rücken einen Kranz aus Licht. Geblendet schloss ich die Augen. Fast könnte man meinen, Gott selbst würde in die Stadt einziehen, dachte ich. Auch die Leute neben  mir schienen zu spüren, dass sie gerade bei etwas dabei waren, von dem sie später noch ihren Kindern oder Enkelkinder erzählen würden. Zwar fragten manche:
 „Wer ist das?", aber nur leise, als wäre es ihnen peinlich.
 Andere dagegen riefen laut:
 „Das ist unser neuer König!" und klatschten in die Hände.
 Ein paar Männer kletterten auf Palmen und schnitten Blätter ab, um Jeschua damit zuzuwinken. Andere legten ihre Obergewänder auf die Straße und riefen laut „Halleluja!", wurden aber nach und nach von einem begeistertem Hosianna-Gesang übertönt. Der Gesang stieg unkontrollierbar auf und ab, wie ein Kind, das im Spiel von einer Stufe zur Nächsten hüpft, trotzdem klang er auf seine ganz eigene Weise schön.
 Fast könnte man meinen, Jeschua hätte alles so geplant. Aber das war nicht möglich. Niemand könnte so etwas im Vorhinein ... Trotzdem hing ich an dem Gedanken, wie ein Fisch an einem Haken. Alles schien zu passen. Das weiße Gewand ... der Esel ... Aber warum hatte Jeschua uns dann nichts gesagt?
 Ich tastete nach dem Schwert, das ich vor unserem Aufbruch unter meinem Obergewand befestigt hatte. Es war noch da. Zum Glück! Aber was konnte ich hier damit schon ausrichten? Trotzdem ließ ich den Griff nicht mehr los. Ich suchte nach den beiden Wachen, die oben auf dem Tor gestanden hatten, konnte sie jedoch nirgendwo finden! Dann sah ich einen Soldaten, der sich langsam in Richtung Jeschua bewegte. Plötzlich war meine Hand nass vor Schweiß. Ganz ruhig!, sprach ich mir Mut zu. Das alles hat nichts zu bedeuten! Trotzdem pochte mein Herz viel zu laut, als hätte es keines meiner Worte gehört.

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