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Das Evangelium nach Petrus

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 Pfr. Paul Wassmer  

Seit einigen Jahren schreibe ich an einem Roman, der aus der Sicht des Apostel Petrus erzählt, wie Petrus die Zeit mit Jesus erlebt hat. Im Oktober 2017 begann ich, die ersten Kapitel aus diesem Roman in der Gemeinde vorzulesen. Seitdem wurden diese Lesungen regelmäßig fortgesetzt. An dieser Stelle können Sie die Anfänge des Romans in einer überarbeiteten Fassung finden. Viel Freude beim Lesen.

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Zweig 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                      I

Womit soll ich beginnen? Ja, wo ist der Anfang dieser Geschichte?  Ich weiß es nicht. Dabei wusste ich einmal so viel. Nun aber scheint alles vor meinen Augen zu verschwimmen, fast so, als wäre es nie geschehen. Es ist aber geschehen, ich weiß es genau, schließlich war ich selbst mit dabei. Auch ist es mehr als nur ein Hauch im Wind, der, kaum dass er einem ins Gesicht bläst, schon wieder verschwunden ist, für immer verweht, verloren in Raum und Zeit. Darum muss ich auch davon erzählen: damit ich es nicht vergesse. Und: weil es aus mir heraus muss, weil ich sonst an dem Schmerz in mir ersticke. Nur: Womit soll ich beginnen?

                     II

Wir waren bei weitläufigen Bekannten untergekommen, irgendwelchen Verwandten von Leuten, die Jeschua in Galiläa kennengelernt hatte. Ihr Haus in Bethanien war nicht groß, dafür lag der Ort günstig, nur wenige Meilen von Jerusalem entfernt.
 Zwei Tage marschierten wir von Jericho hoch ins Gebirge. Die Sonne brannte auf unseren Köpfen, während wir stetig bergauf gingen. Auf dem Weg gab es nur wenige Möglichkeiten, die Wasservorräte aufzufüllen und meine Zunge klebte am Gaumen. So stürzte ich mich in Bethanien als Erstes auf die Karaffen mit Wasser, die dort für uns bereitstanden. Becher um Becher trank ich leer, bis sich meine Zunge langsam wieder vom Gaumen löste. Hunger hatte ich keinen, dafür war ich müde. So hielt ich es nicht lange am Lagerfeuer aus, das unsere Gastgeber für uns entzündet hatten. Auch das einladende „Bleib´ doch ...", von Jeschua schlug ich aus. Statt dessen zog ich mich in einen der beiden Räume zurück, die uns über die Festtage zur Verfügung standen. Kaum war ich eingeschlafen, sah ich einen Schatten. Sein Umriss war in der Dunkelheit nur undeutlich zu erkennen, doch wirkte er auf mich unheimlich und bedrohlich. Er konnte alles sein, die gesammelte Dunkelheit der Welt oder das Böse an sich, noch bevor es eine bestimmte Gestalt angenommen hatte. Ich selbst war noch ein Kind und rannte mit meinen viel zu kurzen Beinen vor dem Schatten davon. Aber dann bog ich in einer der engen Gassen meines Heimatdorfes Bethsaida an einer Stelle falsch ab. Plötzlich stand ich mitten auf dem Marktplatz. Was jetzt? Da sah ich ein paar Weidenkörbe, in denen tagsüber die Fische gelagert wurden. Als Kind hatte ich mich zum Leidwesen meiner Mutter öfter unter solchen Körben versteckt. „Du stinkst schon wieder nach Fisch!", schimpfte  sie danach mit mir. „Kannst du nicht irgendwo anders spielen?" Aber auf das Schelten meine Mutter konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Eilig kroch ich unter einen der Körbe und rollte mich wie ein Igel zusammen. Plötzlich war der Schatten wieder da. Gleich ist es mit mir vorbei, dachte ich. Aber kurz bevor der Schatten nach mir griff, wachte ich auf, schweißgebadet und mit klopfendem Herzen.
 Alles war nur ein Traum gewesen … nur ein Traum. Aber was hatte der Traum zu bedeuten? Wollte er mich warnen? Aber wofür stand der Schatten? Und warum versteckte ich mich ausgerechnet unter einem Weidenkorb? Ich zerbrach mir den Kopf, fand aber keine Antwort auf meine Fragen. So versuchte ich den Traum beiseite zu wischen wie in lästiges Insekt. Aber auch das gelang mir nicht. Unruhig wälzte ich mich auf meiner Bastmatte hin und her. Immer wieder sah ich nach oben zu dem kleinen Fenster unter dem Dach. Einige Sterne waren dort zu sehen. Sie glitzerten wie Diamanten, die von unsichtbarer Hand über den Himmel verstreut waren. Aber auch die Sterne mit ihrer Pracht konnten mir nicht helfen. Stunde um Stunde lag ich wach, bis schließlich das sanfte Rot des Morgens vor dem Fenster erschien. Leise, um die anderen nicht zu wecken, schlüpfte ich in meine Sandalen und warf mir mein Obergewand über. Nachdem ich mir den Gürtel umgebunden hatte, schlich ich mich nach draußen.
 „Was machst du denn hier?" Wie ein kleiner, bulliger Wachhund, der das Anwesen vor seinen Feinden beschützte, stand Johannes in der Mitte des Innenhofs. Ob er auch mich vor der Dunkelheit beschützen konnte, die in der Nacht auf mich lauerte?
 „Konntest wohl nicht schlafen?" Seine Stimme krächzte.
 Ich nickte. Nicht umsonst suchte ich das Licht des Tages.
 „Und?" Ich sah ihn an. „Was ist mit dir?"
 Johannes öffnete den Mund, aber die Gedanken in seinem Kopf fanden keine Worte. Ich fröstelte und zog mein Obergewand enger zusammen. Da sah ich den Esel, der mit hängenden Ohren in einer Ecke stand.
 „Was macht der denn hier?"
 „Anordnung vom Meister", erwiderte Johannes lakonisch.
 Ich ging auf den Esel zu. Auch Johannes kam jetzt näher. Wie zwei Idioten starrten wir auf den Esel, als wäre er ein halbes Weltwunder.
 „Er sieht ziemlich zerrupft aus", sagte ich nach einer Weile, damit etwas gesagt war. Da begannen die Augen von Johannes plötzlich zu leuchten.
 „Was hältst du davon, ihn zu striegeln?"
 „Was? Noch vor Sonnenaufgang?"
 „Warum nicht? Oder hast du etwas Besseres vor?"
 Ich schüttelte den Kopf.
 „Na also!"
 Er grinste und griff nach zwei Bürsten, die hinter dem Esel an der Wand hingen.
 So etwas Dämliches konnte auch nur Johannes einfallen! Ich war Fischer, kein Hüter einer vierbeinigen Flohschleuder. Trotzdem tat mir die Arbeit gut. Jedes Mal, wenn ich mit der Bürste über das Fell strich, wischte ich einen Teil der Dunkelheit aus mir heraus, die mich die Nacht über gequält hatte. Stück für Stück arbeitete ich mich voran. Ich war gerade am Hals des Esels angekommen, als sich eine Tür öffnete und Miriam den Innenhof betrat.
 „Was macht ihr denn hier?"
 Ihre braunen Augen strahlten und der Tag kam mir gleich viel heller vor. Aber vielleicht lag es ja gar nicht an ihren Augen, sondern an ihrem wiegenden Gang oder dem Lächeln, mit dem sie auf uns zukam?
 „Wir …", ich verschluckte mich, „... wir striegeln den Esel."
 „Warum?", fragte sie.
 „Damit sein Fell glänzt", antwortete Johannes an meiner Stelle. Ihm war wohl nichts peinlich.
 „Aha." Die Erklärung schien ihr auszureichen, denn ohne weiter Nachzufragen kam sie näher. Sie setzte sich auf den wackligen Futtertrog und griff mit ihrer Hand in das getrocknete Gras. Als der Esel Miriam mit großen Augen ansah, nahm sie etwas von dem trockenen Gras und hielt es dem Esel unter die Nase. Schon bald war der Esel gemächlich am Kauen, während über dem Dach des Hauses die ersten Sonnenstrahlen auftauchten.
 Eigentlich ist der Tag gar nicht so übel, dachte ich und strich mit der Bürste noch einmal kräftig über das Rücken des Esels. Dann warf ich einen Blick auf Miriam, die den Esel an den Ohren kraulte und streckte meinen Kopf den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Und zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte ich mich einigermaßen wohl.

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