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Das Evangelium nach Petrus

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 Pfr. Paul Wassmer  

Seit einigen Jahren schreibe ich an einem Roman, der aus der Sicht des Apostel Petrus erzählt, wie Petrus die Zeit mit Jesus erlebt hat. Im Oktober 2017 begann ich, die ersten Kapitel aus diesem Roman in der Gemeinde vorzulesen. Seitdem wurden diese Lesungen regelmäßig fortgesetzt. An dieser Stelle können Sie die Anfänge des Romans in einer überarbeiteten Fassung finden. Viel Freude beim Lesen.

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Zweig 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                      I    

Gleich beim Aufwachen spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung war. Mein Herz schlug viel zu schnell, auch war da so ein Kribbeln, als ob tausend Ameisen über meine Haut liefen. Die Luft war stickig und es roch nach Männerschweiß, leicht säuerlich, wie Ziegenmilch, die zu lange in der Sonne gestanden hat. Ich horchte. Aber da war nichts. Zumindest kein auffälliges Geräusch. Nur ein röchelndes Schnarchen neben meinem rechten Ohr und hin und wieder ein leises Rascheln, das von weiter hinten zu kommen schien. Ich öffnete meine schläfrigen Augen und sah draußen vor dem Fenster ein paar Sterne funkeln. Ihr fahles Licht schien auf meinen Bruder Andreas, der seinen Ellbogen in meine Seite presste. Er schlief, der Glückliche, genau wie Jeschua, Philippus und die anderen Männer aus dem inneren Kreis, die weiter hinten im Raum Platz gefunden hatten. Sie lagen auf trockenen Matten aus Bast, die leise raschelten, wenn sich einer von ihnen im Schlaf bewegte. Dazu kam das laute Röcheln aus dem weit geöffneten Mund von Jakobus neben mir. Kein Wunder, dass ich nicht schlafen konnte. Trotzdem sah alles absolut friedlich aus. Ich rückte ein Stück zur Seite, um dem Ellbogen meines Bruders aus dem Weg zu gehen, der unangenehm in meine Seite drückte und sah dabei, wie ein dünner Speichelfaden aus seinem Mund tropfte. Schön sieht mein Bruder ja nicht aus, dachte ich. Trotzdem beneidete ich ihn in diesem Moment. Andreas konnte schlafen, ohne sich dauernd Sorgen zu machen. Aber er war ja schon immer ein Leichtfuß gewesen. Einer, der über alle Schwierigkeiten hinwegging, als wären sie nicht da!
 Aber auch der Ärger über meinen Bruder half mir jetzt nicht weiter.  Genauso wenig wie die wie die funkelnden Sterne vor dem Fenster, auch wenn sie herrlich aussahen, wie Diamanten, die von unsichtbarer Hand über den Himmel verstreut waren. Nein, ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte. Es war nicht mein Bruder, der mein Herz zum Rasen brachte … und auch nicht die Sterne vor dem Fenster … es war etwas anderes … etwas, das nichts mit diesem Raum zu tun hatte … das draußen war, so wie diese Stadt ... diese Schlangengrube, in der sich die Römer und Priester gegenseitig die Hände reichten. Ich fragte mich, warum waren wir nur hierher gekommen? Mitten in diese Höhle des Löwen … dieses Herz der Finsternis? Dabei pochte mein Herz laut.

Irgendwann musste ich doch noch eingeschlafen sein. Ein unergründliches Dunkel umgab mich von allen Seiten. Doch dann regte sich mitten in der Dunkelheit plötzlich ein Schatten. Sein Umriss war kaum zu erkennen, trotzdem ließ er mich nicht los. Er konnte alles sein, die gesammelte Dunkelheit der Welt oder das Böse an sich, bevor es eine bestimmte Gestalt angenommen hatte. Ich selbst war noch ein Kind und hetzte mit meinen viel zu kurzen Beinen durch die engen Gassen meines Heimatdorfes Bethsaida. Ich rannte so schnell ich konnte, aber der Schatten kam immer näher. So nahm ich meine letzte Kraft zusammen und lief keuchend die enge Gasse entlang. Aber dann war die Gasse plötzlich zu Ende und ich stand auf dem Marktplatz. Wo sollte ich hin? Da sah ich ein paar Weidenkörbe, in denen tagsüber die Fische gelagert wurden. Ich rannte zu den Körben und versteckte mich unter einem von ihnen. Zusammengekauert saß ich unter dem Korb und beobachtete durch die Ritzen, wie der Schatten aus der Gasse hervorkroch, aus der ich eben noch gekommen war. Der Schatten bewegte sich auf dem Platz hin und her, als würde er etwas suchen. Dann hielt er plötzlich inne, als hätte er eine Spur gefunden und kam direkt auf mich zu. Ich kniff meine Augen zusammen und hielt die Luft an. Plötzlich wurde es kalt und eine unendliche Finsternis griff nach mir. Voller Panik riss ich die Augen auf. Aber da war nichts! Kein Schatten weit und breit! Statt dessen schien sanft das Rot des Morgens durch das kleine Fenster unter dem Dach. Mein Herz raste, trotzdem war ich erleichtert. Alles war nur ein Traum ... Doch was hatte dieser Traum zu bedeuten? Woher kam der Schatten? Und warum versteckte ich mich ausgerechnet unter einem Weidenkorb? Schließlich hatte ich schon einmal unter einem solchen Korb gesessen, in einem der dunkelsten Momente meines Lebens?
 Meine Hand zitterte, als ich mir mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn wischte. Leise, um meinen Bruder nicht zu wecken, stand ich auf und schlich mich zur Tür. Kaum hatte ich einen Blick nach draußen geworfen, sah ich Johannes, der wie ein bulliger Wachhund in der Mitte des Innenhofs stand.
 „Na?" Seine Stimme kratzte. „Was hat dich so früh aus dem Schlaf gerissen?"
Abwehrend hob ich die Hand.
 „Frag` besser nicht."
 „So schlimm?"
 Ich nickte. Nicht umsonst suchte ich das Licht des Tages.
 „Und? Was treibst du hier draußen?"
 Johannes zuckte mit den Schultern.
 „Keine Ahnung", erwiderte er.
 Dann sind wir ja schon zu zweit, dachte ich. Mir war kalt und ich zog mein Gewand enger zusammen. Da sah ich den Esel, der mit hängenden Ohren in einer Ecke stand.
 „Was macht der denn hier?", fragte ich.
 „Anordnung vom Meister", erwiderte Johannes lakonisch.
 Ich ging auf den Esel zu.
 „Er sieht ziemlich zerrupft aus", sagte ich, während ich ihn von allen Seiten musterte.
 Da kam auch Johannes näher. Mit einer Hand strich er über das struppige Fell des Esels. Plötzlich begannen seine Augen zu leuchten.
 „Was hältst du davon, ihn zu striegeln?"
 „Was? Noch vor Sonnenaufgang?"   
 „Warum nicht? Oder hast du etwas Besseres vor?"
 Ich schüttelte den Kopf.
 „Na also!" Johannes grinste. Er griff nach zwei Bürsten, die hinter dem Esel an der Wand hingen und drückte mir eine in die Hand.
 So etwas Dämliches kann nur Johannes einfallen!, dachte ich. Ich war Fischer. Kein Hüter einer vierbeinigen Flohschleuder. Trotzdem tat  mir die Arbeit gut. Sie beschäftige meine unruhigen Hände und tauschten die Bilder der Nacht gegen die Wärme eines lebendigen Wesens, das sich sanft an meinem Bauch lehnte.
 Während ich mit meiner Bürste den Hals des Esels striegelte, bekamen wir Besuch. Die Tür zum Nebenraum öffnete sich und Miriam betrat den Innenhof.
 „Was macht ihr denn hier?", fragte sie.
 Ihre dunklen Augen strahlten mich an und der Tag kam mir gleich viel heller vor.
 „Wir …", ich verschluckte mich, „... wir striegeln den Esel."
 „Warum?"
 „Damit sein Fell schön glänzt", antwortete Johannes an meiner Stelle. „Du weißt schon. Für nachher."
 „Aha." Die Erklärung schien ihr auszureichen, denn ohne weitere Fragen kam sie näher. Sie setzte sich auf den wackligen Futtertrog und griff mit ihrer Hand in das getrocknete Gras. Als der Esel Miriam mit großen Augen ansah, nahm sie etwas von dem Gras und hielt es dem Esel unter die Nase. Schon bald begann der Esel gemächlich an dem Gras zu kauen, während über dem Dach des Hauses nach und nach die ersten Sonnenstrahlen auftauchten.
 Eigentlich ist der Tag gar nicht so übel, dachte ich und strich mit der Bürste zum Abschluss noch einmal kräftig über das Rücken des Esels. Dann streckte ich meinen Kopf den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen und zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte ich mich einigermaßen wohl.

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